Die Arznei am Wegesrand

- Am Wiesenzaun wuchert eine kniehohe Hecke. Die gefiederten Blätter sind beim Hobby-Gärtner gefürchtet. Unterirdisch kriecht die Wurzel in die Blumenbeete. Doch das Auge von Sepp Ott sieht mehr als lästiges Unkraut. "Alles Heilkräuter", sagt der Münchner, der sein Wissen über die Kräfte der Pflanzen jedes Wochenende in Führungen weitergibt.

Heute öffnet er in Tutzing den Blick für die Arznei am Wegesrand - wie zum Beispiel den Giersch. So heißt das trotzige Kraut, das Vorgartenbesitzer verzweifeln lässt. "Er reinigt das Blut, stillt Schmerzen bei Gicht und Rheuma", zählt Ott die heilenden Wirkungen des Gierschs, auch Zipperleinkraut genannt, auf. Statt auf dem Kompost sollte es daher in der Salatschüssel landen.

Ein Gewächs mit schlechtem Ruf ist auch Otts "Königin der Heilpflanzen": die Brennnessel. Jeder kennt den stechenden Schmerz, wenn die Härchen auf ihren Blättern brechen und ihr Gift die Haut berührt. Doch Joseph Ott hat davor wenig Respekt. Mit bloßen Fingern rupft er die widerspenstige Königin aus und reibt ihre Blätter über sein Handgelenk. "Hilft bei Ischias, Rheuma und auch beim Tennisarm", schwärmt Ott. Früher habe man sich bei solchen Leiden mit Brennnesseln geschlagen.

Brennnessel ist die "Königin der Heilpflanzen"

Aber auch Brennnesseltee oder Brennnesselgemüse empfiehlt der Kräuterkenner. Die kleinen Blüten der Pflanze landen auch frisch im Salat. Joseph Ott selbst schätzt die Brennnessel besonders in Form seines "Lebenselixiers": Ein weithalsiges Glas, eine Hand voll Blüten und dann eine Flasche Schnaps. Von dem gut durchgezogenen Gesöff trinkt der Heilpflanzenführer jeden Tag ein Stamperl und hat es damit - und seiner täglichen Portion Wildkräutersuppe - bereits auf 80 Jahre gebracht. "Ich verwende alle Kräuter selbst", versichert der Kenner, der auch mit Maria Treben oder dem Kräuterpfarrer Hermann-Josef Weidinger die Welt der Heilpflanzen erkundet hat.

In Tutzing entdeckt Sepp Ott an jedem Wegesrand grüne Heiler. Zum Beispiel auf einem kiesbedeckten Platz zwischen Wohnhäusern. In einem Dickicht aus verschlungenem Grün leuchten sonnengelbe und zartrosa Blüten. "Kann man alles essen", sagt Joseph Ott - bis auf die violetten Akeleien und den grellgelben Hahnenfuß, um den selbst Kühe herumgrasen. Zwischen den Blüten von Rotklee, Gänseblümchen und Taubnessel, die den Salat zu einem Genuss für Auge und Magen machen, entdeckt Joseph Ott Labkraut. Die langen Stiele umkränzen Rosetten aus länglichen, schmalen Blättern. Früher ließ man damit die Milch gerinnen, heute schätzt es der Kräuterkundige wegen seiner heilenden Wirkung bei Nierenleiden.

Am kiesigen Weg pflückt der Pflanzenführer die ovalen Blätter des Breitwegerich. Sie sollen Menschen mit wunden Füßen helfen. "Ein paar davon in die Schuhe - und Sie laufen wie auf Butter", verspricht Ott. Seinen Schülern demonstriert er die Pflanzen in seinem Kräuterbuch, in das er Fotos und getrocknete Blätter geklebt hat. "Die Blattformen muss man sich ganz genau merken", doziert er, und dass die Wildpflanzen das Wichtigste für die Gesundheit überhaupt sind. Die Wirkstoffe seien in ihnen nicht isoliert wie in einer Tablette, sondern in "ganz natürlicher" Kombination. Welche das ist, weiß die Wissenschaft auch heute oft noch nicht. Doch bei vielen Pflanzen ist nachgewiesen: Sie wirken.

Gegen Ohrenleiden soll laut Ott der Stinkende Storchschnabel mit seinen kleinen rosa Blüten helfen. Der Kräuterkenner macht's vor, zerdrückt die weichen Blätter leicht und steckt sie sich ins Ohr. Die kleinen dunkelviolett blühenden Kerzen des kriechenden Günsels haben sich besonders bei Lungen- und Leberleiden bewährt.

"Die besten Heilkräuter wachsen fast überall"

Krämpfe aller Art kuriert die Volksmedizin mit Gänsefingerkraut. Seine farnartigen kleinen Blätter, die auf ihrer Unterseite matt silbrig leuchten, wachsen dicht am Boden.

Nur in der Erde sitzt der Wirkstoff beim "europäischen Ginseng", der Nelkenwurz. Ihre schlanken, hohen Stiele mit den unregelmäßig gezackten Blättern und kleinen gelben Blüten haben sich in den vergangenen Jahren stark ausgebreitet. Joseph Ott erklärt die Schafgarbe und Schöllkraut, Königskerze und Knoblauchrauke. Am Ende ist kaum ein Stängel, kaum ein Blatt auf der Wiese übrig, das in der Volksmedizin nicht seinen Platz hat. "Die Leute glauben immer, Heilkräuter seien etwas Seltenes, Verborgenes", sagt Ott. "Die besten aber sind die, die überall wachsen."

Weitere Infos : "Vitalia e.V.", Minnewitstr. 5, 81549 München, Tel. 089/690 00 34. Termine der Führungen liegen in Reformhäusern aus.

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