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So schnell kann‘s gehen, mein Gesicht wurde geklaut.

Ein Erfahrungsbericht

Auf Facebook: Hilfe, jemand hat mein Gesicht geklaut

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Plötzlich habe ich einen neuen Namen, einen neuen Beruf - und mag keinen Frozen Yogurt. Wie dreist Identitätsklau auf Facebook betrieben wird - und was Sie tun können.

Mein Name ist Christopf Ibing und ich bin ein Frozen-Yogurt-Hasser. Bis gestern war ich noch Klaus-Maria Mehr, und Yogurt war mir ziemlich wurscht. Facebook hat mich heute Morgen eines Besseren belehrt.

Mein Gesicht wurde geklaut. Das Bild hat der Fotograf unserer Redaktion, Thomas Plettenberg, vor Jahren von mir gemacht. Seitdem steht es über jedem meiner Artikel, auch über diesem. Ein Anblick, an den ich mich durchaus gewöhnt habe.

Genau dieses Foto blickte am Freitagmorgen von einem Facebookprofil zu mir zurück. Nur dass ich in diesem Fall nicht mehr Klaus-Maria Mehr hieß und als Redakteur bei Merkur.de arbeitete - sondern Christopf (den Vornamen hätte ich meinen Eltern nie verziehen) Ibing, geboren in Arnsberg, wohnhaft in Lüdenscheid in Westfalen. Mein Abitur habe ich dem Profil nach im Mariengymnasium Arnsberg gemacht, später an der FH SWF Hagen Wirtschaftsingenieurswesen studiert und arbeite inzwischen bei der Gerhardi Kunststofftechnik GmbH.

Nein, ich habe weder einen bösen Zwillingsbruder, eine Geheimidentität, noch habe ich über Nacht ein neues Leben angefangen. Jemand hat einfach dreist mein Bild geklaut und sich daraus ein überzeugendes Fake-Profil auf Facebook gebastelt. Ein Blick auf Christopf Ibings Aktivitäten lässt auch Rückschlüsse zu, mit welchen Hintergedanken.

Als Herr Ibing bewertet mein Emblem nämlich gerne Streetfood-Läden in der Umgebung von Lippstadt. 

So bin ich, Christopf Ibing, ein großer Fan vom Beef Club: „Ihr habt das beste Burgerkonzept im Umkreis“, schreibe ich enthusiastisch und empfehle dem Laden sogar, bei einem Festival in Lippstadt teilzunehmen: „Ihr müsst unbedingt zum Cheatday Streetfood kommen.“ Das war vor drei Wochen. Vor einer Woche war ich in der Fleischerei Lippstadt einkaufen - und wieder vollends begeistert - witziger Weise mit genau demselben Text: 

Christopf Ibing keinen Frozen Yogurt, dafür gerne Burger. Ein Fake-Profil mit meinem Foto.

Offenbar ist mein Fake-Ich oft in Lippstadt unterwegs, so auch an diesem Freitagmorgen, nur fand meine Begeisterung da ein jähes Ende: Der Yo Frozen Yogurt, ein Streetfoodladen in Lippstadt, schmeckte meinem Christopf-Ich so gar nicht. „Nicht ausreichende Qualität für so einen hohen Preis“, schreibe ich da. 

Schlechte Qualität, zu hoher Preis, schreibt Fake-Christopf. Wurde das Profil extra eingerichtet, um Yo Frozen Yogurt zu diskreditieren?

Dessen Chef Simon Brenzinger hat diese böse Bewertung von Herrn Ibing nicht einfach so hingenommen, sondern Ibings Facebookprofil überprüft. Eine erste gute Möglichkeit dafür ist, das Profilbild erstmal durch die umgekehrte Bildersuche bei Google zu jagen. Dafür speichert man das Profilbild von Facebook auf dem eigenen Desktop ab und lädt es bei Google wieder hoch. Und siehe da: Simon Brenzinger stößt auf mein professionelles Twitterprofil und schließlich auf mein Autorenprofil bei Merkur.de. 

Der Gastronom vermutet hinter Christopf Ibing einen ehemaligen Kollegen im Yogurt-Geschäft, der Pleite gegangen ist. Nachweisen lässt sich das freilich schwerlich. Es könnte auch ein professioneller Bewertungsschreiber gewesen sein. Denn, das sagen Umfragen, die Deutschen lieben Nutzer-Bewertungen - und folgen ihnen blind. Nur oft, auch das ist inzwischen durch mehrere Recherchen belegt, sind diese Bewertungen falsch, besser noch: von Unternehmern in Auftrag gegeben, um das eigene Produkt hochzujubeln und unliebsame Konkurrenz zu diskreditieren. Inzwischen ein florierendes Business, sagen Insider.

Dank Brenzingers Hinweis bin ich alarmiert - nur was tun?

Bilderklau bei Facebook: So wehren Sie sich

Ein Anruf bei unserer Rechtsabteilung klärt mich auf: So viel kann ich gar nicht tun. 

Das Problem: Nicht mal Facebook weiß so genau, wer hinter seinen Milliarden an Profilen steckt. Das macht es ja rechten Propagandisten und ausländischen Geheimdiensten so leicht, so genannte Fake News via Facebook zu verbreiten. Man braucht schließlich nur eine E-Mail-Adresse, um ein Profil zu eröffnen - und die bekommt bekanntlich schnell.

Natürlich hätte Facebook Zugriff auf IP-Adressen und wenigstens die E-Mail-Adresse, mit der das Profil gegründet wurde. Nur die gibt das Unternehmen ungern heraus. Bisher auch nicht nach einem Schreiben unserer Rechtsabteilung. Ätsch, meine ich Facebook hinter meinen (!) Augen, die angeblich einem Christopf Ibing gehören sollen, rufen hören. Tut uns leid, lieber Nutzer, aber diese Daten gehören uns.

Trotzdem: Wer auch immer hinter dem eifrigen Bewertungs-Schreiber Christopf Ibing steckt, er macht sich mit dem Bild-Diebstahl gleich in zweierlei Hinsicht strafbar. Erstens verstößt er gegen meine Persönlichkeitsrechte. Niemand darf ein Bild von mir einfach so ohne meine Zustimmung verwenden. Außerdem verletzt der unbekannte Yogurt-Hasser das Urheberrecht gegenüber unserem Fotografen. 

Ich kann also durchaus zur Polizei gehen und das anzeigen. Schaden kann es sicher nicht. Aufgrund der freundlichen Unternehmenspolitik von Facebook ist es freilich mehr als fraglich, ob jemals jemand dafür belangt wird.

Dass hier gegen geltendes Recht verstoßen wird, weiß allerdings auch Facebook. Daher ergibt es Sinn, das falsche Profil zu melden. Die Melde-Option finde ich, in dem ich bei fraglichem Profil auf die drei Punkte neben dem der Option „Nachricht senden“ klicke. Dann gibt es zwei verschiedene Auswahlmöglichkeiten. „Das ist ein gefälschtes Konto“ und „Er/Sie gibt sich für mich/jemanden, den ich kenne, aus“. Ich entscheide mich für Letzteres. Weil das Foto eben mich darstellt. Und weil Facebook, so vermute ich, schneller reagieren kann, da es mit meinem Profil samt Fotos gleich eine Referenz hat.

Ich hätte Facebook auch noch gerne geschrieben, wie sauer ich bin und dass ich wissen will, wer hinter dem Profil steckt. Nur das lässt das Unternehmen neuerdings in dieser Maske gar nicht mehr zu. Ich darf nur auswählen und abschicken.

Dafür reagiert Facebook relativ schnell, was auch an einer Nachricht unserer Rechtsabteilung gelegen haben mag, und löscht das Profil komplett.

Was bleibt, ist dieses diffuse, ungute Gefühl. Jener Yogurt-Hasser hat drei Wochen lang mein Gesicht als Maske getragen, und damit Schindluder betrieben. Zum Glück, möchte man fast sagen, war es nur ein Yogurt-Hasser, der mein Gesicht für seine Zwecke missbraucht hat. Zum Glück war es kein rechter Hetzer oder etwas anderes Schlimmeres. 

Erst vor einer Woche habe ich eine Geschichte über Andrea Würzinger geschrieben, die ein Betrüger - ebenfalls mit geklauten Fotos - fast bis an den Abgrund getrieben hat. Dass auch mein Gesicht so schnell als freundliche Maske für einen fiesen Betrüger dient, hätte ich mir da noch nicht mal im Traum vorstellen können.

Und das ist Andreas Geschichte: Andrea verliebt sich auf Facebook - und bezahlt dafür bis heute

kmm

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