Betty K. gibt die Hoffnung nicht auf

- Eines Morgens hatte sie ihn plötzlich entdeckt, diesen kleinen, gemeinen Knoten in ihrer linken Brust. Durch eine Mammographie beim Radiologen erfährt Betty K. (Name geänd.), dass sie Brustkrebs hat. Welch´ schreckliche Diagnose! Betty K. ist kein Einzelfall: An einem Mamma-Karzinom erkranken jährlich 47 500 Frauen in Deutschland. Tausend Ängste gleichzeitig schießen der 65-Jährigen durch den Kopf: Wird ihr die Brust abgenommen oder gehört sie gar zu den 18 000 Frauen, die an dieser Krebsart sterben? Und überhaupt - wie wird es weitergehen? Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen. Die Chirurgen hatten damals die bösartige Geschwulst entfernt und Betty K. brachte anschließend Chemo-, Strahlen- und Hormontherapien erfolgreich hinter sich. Ihr Alltag hat sich längst normalisiert. Und jetzt sind während einer Nachsorgeuntersuchung Lebermetastasen aufgefallen!

<P>Präparat noch in Erprobungsphase</P><P>Betty K. lebt wieder in Todesangst. Was tun? Um die Bildung von weiteren Tochtergeschwüren zu verhindern, rät Onkologe Bernhard Heinrich zu einer zweiten Hormon-Therapie. Außerdem bietet der Arzt ihr an, an einer Medikamenten-Studie teilzunehmen. Hatte Betty K. richtig gehört? Sie soll ein noch nicht auf dem Markt erhältliches Krebs-Präparat testen?! Den Kopf voll ungelöster Fragen verlässt sie die Augsburger Onkologenpraxis: Mutiert sie als Studienteilnehmerin zum Versuchskaninchen der mächtigen Pharmaindustrie? Das Präparat befindet sich doch vorerst nur in einer Art "Erprobungsphase" an Krebspatienten. Oder würde dieses unbekannte, doch moderne "Mittel" ihr Leben retten? Betty K. ist hin- und hergerissen und nimmt sich eine Woche Bedenkzeit. </P><P>Wen wundert das: Klinische Studien haben in Deutschland keinen guten Ruf, ist es doch den meisten Patienten ein Horror, für die Forschung "missbraucht" zu werden. Die Deutschen stehen mit dieser Befürchtung nicht allein da. Weltweit begeben sich ebenfalls nur zwei bis fünf Prozent aller Kranken zu Studienzwecken in die Hände von "principal investigators" - Fachärzten mit mindestens zweijähriger Forschungstätigkeit. Doch welche Arten von Studien gibt es überhaupt? Betty K. lässt sich aufklären: "An so genannten Zulassungsstudien von neuen Medikamentengruppen haben gerade unheilbare Krebspatienten großes Interesse", erklärt Bernd Mühlbauer, Leiter des Kompetenzzentrums für Klinische Studien in Bremen. Für sie sind die in Erprobung befindlichen Arzneimittel oft die letzte Hoffnung auf Besserung. Diese haben zum Ziel, die Behandlung schrittweise verträglicher und wirksamer zu gestalten. Darauf hofft auch "unsere" Patientin: Ihre Gynäkologin und auch der Hausarzt haben sie überzeugt und deshalb wird sie Prüfungsteilnehmerin Nr. 1047 in dieser internationalen Zulassungsstudie.<BR><BR>"Experiment" kann abgebrochen werden</P><P>"So viele Ärzte können nicht irren",meint die Angestellte lakonisch und betritt doch recht hoffnungsvoll die onkologische Praxis. Denn als "Versuchsobjekt" hat sie auch Vorteile: Sie erhält Untersuchungen und Medikamente kostenlos und wird nur von Ärzten untersucht, die ein überdurchschnittliches Wissen über ihr Krankheitsbild haben. Zudem erfährt sie, dass ihr Befinden genauestens überwacht und besser dokumentiert wird, als das in der "normalen" Versorgung möglich ist. Obendrein weiß Betty K., dass auch sie bereits von Studien profitiert hat: Viele wirksame Behandlungsverfahren wie ihre gleichzeitig zum "Versuch" angewandte Hormontherapie wären nach Angaben der Deutschen Krebshilfe ohne Studien gar nicht entdeckt worden. Als ihr Heinrich versichert, sie könne jederzeit das "Experiment" abbrechen, unterschreibt Betty K. beruhigt den Aufklärungsbogen. </P><P>Ihr ist klar, dass Ärzte nicht einfach drauflosforschen können. Werden die Tests über neue Therapieverfahren ohne Einwilligung des Patienten vorgenommen, droht dem Mediziner eine mindestens einjährige Gefängnisstrafe. Außerdem ist jeder Teilnehmer bei schweren, durch Studien provozierten Schäden mit 512 000 Euro versichert. "Durchbruch in der Krebsmedizin mit neuartigem Medikament!" Schon oft hat Betty K. Schlagzeilen dieser Art in der Regenbogenpresse gelesen und doch nicht recht geglaubt. Kritische Patienten und Krebsforscher sind vorsichtig. Sie wissen, dass ein Fortschritt in der Behandlung von Krebspatienten nur schrittchenweise zu erreichen ist und so gut wie nie für alle Krebsarten gleichzeitig erzielt wird. <BR><BR>Medikament hat langen Weg zum Markt</P><P>Doch wie genau funktioniert klinische Forschung? Der Weg zum Medikament ist lang und wird zu 90 Prozent von der Pharmaindustrie gefördert. Bevor ein Wirkstoff ein vermarktungsfähiges Arzneimittel ist, muss er viele verschiedene Prüfungen durchlaufen. "Sonst könnte ja jeder alles als Wundermittel verkaufen", weiß Heinrich. Bereits vor und während einer Studie prüft die Ethikkommission, ob der Patient richtig aufgeklärt wurde und seine Sicherheit gewährleistet ist. "Wenn Risiken bekannt sind, muss für den Patienten der Therapieeffekt immer größer sein", klärt der Onkologe auf. <BR><BR>Gibt die Ethikkommission, bei Privatpraxen ist das die Ärztekammer, grünes Licht und ist der Wirkstoff in Zellkulturen und Tierversuchen geprüft, kommt das Medikament in eine so genannte Phase-I-Studie. Sie wird im Allgemeinen mit gesunden Freiwilligen durchgeführt, bei denen man die Sicherheit der Substanz und die Maximaldosis ermittelt. Bei der Prüfung von neuen Krebspräparaten werden die Substanzen in Phase-II-Studien an freiwilligen Patienten getestet, die bereits alle verfügbaren Behandlungsoptionen ausgeschöpft haben, sprich "austherapiert" sind. "Diese todkranken Menschen wissen auch, dass sie mit einer Studien-Teilnahme unter Umständen zukünftigen Patienten helfen", beschreibt Heinrich ein weiteres Motiv. Das Ziel von Phase-II-Studien besteht darin zu prüfen, ob das Arzneimittel die gewünschte Wirkung hat und welche Krebsarten am besten darauf ansprechen. <BR><BR>Eine Studie reicht häufig nicht</P><P>In Phase-III-Studien schließlich werden mehrere hundert oder tausend Patienten untersucht. Meist sind sie in zwei Gruppen eingeteilt, wovon eine die Standardtherapie und die andere die neue Behandlung erhält. So ist ein direkter Vergleich möglich. Die Studien sollten nach Möglichkeit "doppelblind" sein. Das bedeutet, dass weder Arzt nochPatient wissen dürfen, welches Präparat ein Teilnehmer erhält. Erst wenn die Studienergebnisse in Phase III erfolgreich verlaufen sind, wird das Arzneimittel zugelassen, um in Phase IV nach der Zulassung erneut überprüft zu werden. Doch nicht immer ist klar, was klinische Studien überhaupt aussagen. "Oft braucht man mehrere Studien, die die therapeutische Wirksamkeit einer Behandlung belegen", erklärt Mühlbauer. So kann es gelegentlich auch vorkommen, dass die Untersuchungen fehlerhaft geplant worden sind. Doch wie die passende Studie finden? Zusammen mit der Berliner Charité´, der Brustkrebspatientinnen-Initiative mamazone Berlin und der Clinischen Studien Gesellschaft (CSG) wird momentan eine Datenbank aufgebaut, die dann Auskunft über laufende Studien geben soll.</P><P>Noch wissen "nur" gut informierte Onkologen, der Berufsverband der Onkologen und Krebszentren von laufenden Studien. Die Entwicklung eines innovativen Medikaments ohne Markteinführungskosten kostet etwa 800 Millionen US-Dollar. Und weiter: Von 5000 bis 10 000 untersuchten Substanzen schaffen es nur etwa fünf bis zur klinischen Prüfung. Lediglich ein einziger Wirkstoff bringt es schließlich zum zugelassenen Medikament. Ob diese Tatsache Betty K. ein Trost ist? "Bis jetzt fühle ich mich gut", meint sie, "man darf die Hoffnung niemals aufgeben."<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Games-Charts: Wütende Vögel und Gartenkunst
Neben dem Klassiker unter den Strategiespielen "Monopoly" kommen auch leidenschaftliche Gärtner nicht zu kurz. Sie müssen einen verwunschenen Garten wieder in Ordnung …
Games-Charts: Wütende Vögel und Gartenkunst
Smartphone auf Reisen: Ohne Gerätesperre geht es nicht
Auch im Urlaub lauern Gefahren. Besitzer mobiler Geräte müssen daher aufpassen. Damit es nicht zu herben Enttäuschungen kommt, sollten Nutzer noch diese drei Dinge tun.
Smartphone auf Reisen: Ohne Gerätesperre geht es nicht
Windows-Passwörter erneuern
Experten empfehlen, das Systempasswort für den Rechner regelmäßig zu ändern. Auf Wunsch kann Windows 10 einen daran erinnern.
Windows-Passwörter erneuern
Netflix startet mit interaktiven Inhalten
Der US-Streaming-Dienst Netflix bietet nun auch interaktive Filminhalte an. Nutzer können selbst entscheiden, wie die Handlung einer Geschichte weitergeht.
Netflix startet mit interaktiven Inhalten

Kommentare