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Big Data: Google weiß viel von jedem Menschen.

Die Gefahren von Big Data

Google weiß mehr als die eigene Ehefrau

München - Die digitale Gesellschaft hat Vorteile, weil sie für viele Menschen das Leben bequemer macht. Aber sie funktioniert nicht ohne jede Menge Daten. Die hinterlässt jeder von uns im Netz – das birgt große Gefahren.

Die Regierung war beunruhigt und wollte alles über ihre Bürger wissen: In welchen Häusern leben sie, was essen sie, welche Kleidung tragen sie, und wie amüsieren sie sich? Millionen und Abermillionen von Daten, eingesammelt von eifrigen Landarbeitern, sollten dafür sorgen, dass sich die aufmüpfige Bevölkerung in Irland leichter kontrollieren lässt. Doch bald schon kapitulierte die Regierung vor der schieren Masse an Informationen, die „Big Data“ lieferte. Die Datensammelei war nicht zu bewältigen. Schließlich schrieb man das Jahr 1835. Heute, knapp zwei Jahrhunderte später, ist der Hunger der Mächtigen nach Informationen über Bürger und Kunden größer denn je.

„Big Data“ - eines der Schlagwörter des Jahres 2016

Im Gegensatz zum Irland des 19. Jahrhunderts verfügen Konzerne und Regierungen heute über die Mittel und die Technik, ungeheure Datenmengen zu sammeln, zu analysieren und zu nutzen. Wie groß „Big Data“, eines der großen Schlagwörter des Jahres 2016, tatsächlich ist, entzieht sich längst jeder Vorstellungskraft. Es heißt, dass im Internet heute innerhalb von zehn Minuten so viele Daten gesammelt werden, wie zuvor in der gesamten Geschichte der Menschheit bis zum Jahr 2002. David Pieterse vom Softwareunternehmen Cloudera spricht von einem „Daten-Tsunami“. Die Welle, die über uns hereinbricht, bringt die einschneidendsten Veränderungen seit Beginn des Industriezeitalters. Sie bietet gewaltige Chancen, etwa in den Bereichen Medizin und Verkehr. Doch sie sorgt auch dafür, dass über 40 Prozent der Arbeitsplätze mittelfristig wegfallen. Und die Überwachung der Bürger und Kunden dürfte George Orwells „Großen Bruder“ aus dem Roman „1984“ schon bald als kleines Licht dastehen lassen.

„Big Data“ ist längst in unserem Alltag angekommen. Jeder Klick, jede Banküberweisung, jedes Telefonat, jede Zieleingabe im Navi verursacht eine Datenspur. Krankenkassen haben ein Auge auf Smartuhren und Fitnessarmbänder geworfen. Dass Versicherte, die sich zu wenig bewegen, höhere Beiträge zahlen müssen, ist eine nicht mehr allzu weit entfernte Vision. Moderne Autos funken unentwegt Daten an den Hersteller. Hält sich der Fahrer an die Vorgaben zum Einfahren des Motors – und hat er somit Anspruch auf Garantie? Die hauseigene Kfz-Versicherung findet es hochinteressant, wenn der elektrische Sitz immer wieder verstellt wird. Schließlich hat der Versicherte angegeben, dass nur er das Auto fährt – und dafür einen Nachlass bei der Prämie erhalten. Doch das ständige Verstellen spricht dafür, dass auch andere Fahrer am Lenkrad sitzen.

Sucht Herr Maier einen neuen Job?

Google weiß oft mehr über seine Nutzer als deren eigene Ehepartner. Sucht Herr Maier, so wollen wir ihn nennen, einen neuen Job? Denkt er an Scheidung? Hat er Angst vor Prostatakrebs? „Wir wissen mehr oder weniger, woran Sie denken“, schwärmt Eric Schmidt, Aufsichtsratsvorsitzender des Google-Mutterunternehmens Alphabet, von seinen Datenspeichern. Je besser Google Herrn Maier kennenlernt – desto teurer kann es diese Informationen an seine Werbepartner verkaufen. Die preisen Herrn Maier dann genau die Produkte an, die ihn interessieren könnten. Allein mit Informationen, die Google über seine Nutzer sammelt, ist das Unternehmen zu einem der wertvollsten der Welt geworden – obwohl es kaum etwas produziert, das man in die Hand nehmen kann. Googles Mutterkonzern Alphabet erwirtschaftete 2015 trotzdem einen Umsatz von 74,5 Milliarden Dollar.

Google wird oft als „Datenkrake“ bezeichnet. Doch die Experten des Technikmagazins c’t sind überzeugt: „Facebook ist in vielerlei Hinsicht der größere Datensammler.“ 30 Millionen Deutsche nutzen das „hungrige Datenmonster“ (c’t). Das Netzwerk einfach nicht zu verwenden, schützt nicht vor der Neugierde. Denn Facebook greift, wenn der Nutzer nicht ausdrücklich widerspricht, kontinuierlich auf die Adressbücher seiner Mitglieder zu. So sammelt Facebook auch Daten über Nicht-Mitglieder. Die Meinung „Mir doch egal, was Facebook über mich weiß“ ist im Übrigen ebenso weitverbreitet wie irreführend: Finanzunternehmen haben längst damit begonnen, für Kreditzusagen soziale Netze auszuwerten. Hat der Antragsteller dort viele „Freunde“, die in schlechten Verhältnissen leben? Dann kann es sein, dass er selbst bald keinen Kredit mehr erhält. Das Gleiche kann für einen neuen Mietvertrag gelten.

„Big Data“ fasziniert, „Big Data“ macht Angst

Vom Staat sollten sich die Menschen nicht zu viel Schutz erwarten, das hat Kanzlerin Angela Merkel klargemacht. „Die Idee, dass man sparsam mit Daten umgeht, gehört ins vergangene Jahrhundert“, erklärte sie Anfang Dezember auf dem CDU-Parteitag. Damit liegt Merkel ganz auf der Linie von Technikkonzernen wie der Telekom. Deren Chef Timotheus Höttges preist „Big Data“ als „Geschenk, um die Gesellschaft besser und schneller zu machen“. Noch stehen dem ungebremsten Datensammeln allerdings das Bundesverfassungsgericht und die Europäische Union im Weg. Das Verfassungsgericht erklärte die informationelle Selbstbestimmung 1983 zum Grundrecht. Und die neue Datenschutzgrundverordnung der EU gilt seit Mai 2016 – sie muss nun in nationales Recht gegossen werden. Wenn die Bundesregierung die Richtlinien so wirtschaftsfreundlich umsetzt, wie es die Kanzlerin anstrebt, scheint ein Konflikt mit Karlsruhe programmiert.

Die Neugierde von Konzernen ist eine Seite von „Big Data“. Doch das große Sammeln bietet Bürgern und Verbrauchern auch Chancen. In den USA haben Experten auf Basis von Twitternachrichten bereits eine Grippewelle prognostiziert und eingedämmt. Massendaten können helfen, die besten Therapien gegen Krebs zu finden. Und in der „Smart City“, der digitalen Stadt der Zukunft, erfassen vernetzte Ampeln per Bilderkennung ständig den Verkehr – und leiten die selbstfahrenden Autos so um, dass praktisch keine Staus mehr entstehen.

„Big Data“ fasziniert, „Big Data“ macht Angst. Intelligente Straßenlaternen mit Kameras, wie sie die Stuttgarter Firma Schréder mit ihrem Modell „Shuffle“ schon heute anbietet, überwachen den öffentlichen Raum. Bald werden solche Kameras Gesichtserkennung in Echtzeit bieten. Der Aufenthaltsort einer bestimmten Person lässt sich dann innerhalb weniger Augenblicke ermitteln. Chefs kontrollieren künftig per vernetztem Armband live den Stresslevel ihrer Mitarbeiter. Wissenschaftler arbeiten daran, dass sich ein Buch durch künstliche Intelligenz so weit auf Schlagworte reduzieren lässt, dass wir es in wenigen Minuten lesen können. Von fremden Sprachen erlernen wir im Schnellverfahren nur noch die Begriffe, die wir tatsächlich brauchen. Und „Big Data“ sucht genau den Partner aus, der zu uns passt – weltweit, denn mit Datenbrille können wir uns über Kontinente hinweg sehen, spüren, riechen, anfassen. Das kann man für begeisternd halten. Oder für gespenstisch.

„Big Data“-Skepsis ist angebracht

Die „Big Data“-Jünger setzen darauf, dass sich ein Leben komplett berechnen und in Algorithmen packen lässt. Doch Skepsis ist angebracht. Sarah Spiekermann, Professorin für Wirtschaftsinformatik in Wien, hält „Big Data“ für eine totalitäre Idee. Sie skizziert eine Welt, in der 30 bis 40 Prozent des Verkehrs mit Google-Autos abgewickelt werden. Dadurch liefern sich Regierungen mit ihrer zentralen Infrastruktur bereitwillig einem Internetkonzern aus, der dann die Macht hat, sich gegen jede Regulierungsmaßnahme zu wehren. Der Schriftsteller Eugen Ruge schreibt in seinem Roman „Follower“ über eine Welt im Jahr 2055, in der jeder Bürger einen maßgeschneiderten Chip im Gehirn implantiert hat. Damit kann sich endgültig niemand mehr der neuen, der schönen, der smarten Welt entziehen. Wer es dennoch versucht, gilt als Störenfried, Querulant, Terrorist.

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