Bilder aus der Urzeit des Meeres

- Er ist ein Meeresbewohner aus der Urzeit. Schon vor 400 Millionen Jahren schwammen seine Verwandten durch die Tiefen der Ozeane. Heute gilt der Quastenflosser als lebendes Fossil. Ein Glücksfall für die Wissenschaftler, denn mit diesem Tier können die Forscher in die Tiefen der Evolution, der Entwicklung der Lebewesen, vordringen. Im Jahr 1987 filmten Wissenschaftler um Prof. Hans Fricke vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Bayern und dem Leibniz Institut für Meereswissenschaften in Kiel den bis zu 180 Zentimeter großen Fisch zum ersten Mal im Indischen Ozean. Eine der jüngsten Reisen führte die Forscher in Unterwasserschluchten vor Südafrika. Mit dabei war die Biologin Karen Hissmann.

Was macht den Quastenflosser so interessant für die Biologie?

Hissmann: Anhand von Fossilien kann man belegen, dass sich Quastenflosser seit etwa 400 Millionen Jahren kaum verändert haben. Sie scheinen keinem großen Evolutions- oder Selektionsdruck ausgesetzt gewesen zu sein. Auffälliges Merkmal der Tiere sind ihre gestielten muskulösen Flossen. Diese besitzen ein inneres Knochenskelett, das den Gliedmaßen der ersten Landwirbeltiere ähnelt. Ihre Flossen gelten daher als Vorläufer der frühen Wirbeltierbeine.

Warum haben sich Quastenflosser so lange halten können, während viele andere Arten ausstarben?

Hissmann: Der Quastenflosser hält sich in den tieferen Gewässern der Ozeane auf, wo die Konkurrenz zwischen den Arten geringer ist als im Flachwasser. Die Tiere mussten sich nicht ständig an rasch wechselnde Umweltbedingungen anpassen. Die trägen Fische leben tagsüber versteckt in Höhlen. Sie haben einen sehr niedrigen Stoffwechsel, sparen also Energie, und kommen mit wenig Nahrung aus.

Was war das für ein Erlebnis, zum Meeresgrund zu tauchen?

Hissmann: Eine Expedition dauert ungefähr vier Wochen. Erste Hinweise, wo wir nach den Tieren suchen könnten, bekommen wir oft von einheimischen Fischern, die den Fisch zufällig gefangen haben. Wir benützen ein Tauchboot für zwei Personen, um in den Lebensraum der Quastenflosser vorzudringen, der vor den Komoren in 150 bis 200 Metern Tiefe liegt.

Wie lange dauert es, bis man bei einem Ausflug zum Meeresgrund einen Quastenflosser entdeckt?

Hissmann: Quastenflosser sind sehr ortstreue Tiere, sodass sie am Meeresgrund in ihren Höhlen relativ leicht aufzufinden sind ­ wenn man die Höhlen erst einmal gefunden hat. Manchmal versammeln sie sich in Gruppen mit bis zu 16 Artgenossen. Ein individuelles Muster von Körperflecken ermöglicht es uns, die Tiere auseinander zu halten. Die Population an den Komoren dürfte zwischen 500 und 600 Tiere umfassen. Das ist nicht viel, doch sie scheint stabil zu sein.

Was machen Sie mit den Fischen, wenn Sie sie gefunden hatten?

Hissmann: Wir beobachten die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum. Wir haben es auch geschafft, die Fische mit Ultraschallsendern auszustatten. Dadurch können wir ihre Bewegungen von der Wasseroberfläche aus verfolgen. Wir haben festgestellt, dass die nachtaktiven Tiere bis zu 700 Meter tief tauchen, wenn sie auf Nahrungssuche gehen.

Welche Fragen über die Quastenflosser sind bis heute noch ungeklärt?

Hissmann: Das größte Geheimnis der Quastenflosser sind ihre Nachkommen. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, die Jungtiere zu beobachten. Niemand hat sie bis heute zu Gesicht bekommen. Wir würden gerne wissen, wo sie aufwachsen und wann sie in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden.

Das Interview führte Thorsten Naeser.

Die Jagd nach dem Quastenflosser, Verlag C.H. Beck, 334 Seiten, 54 Abbildungen, 19,90 Euro.

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