Blackberry in Not

Berlin - Vom Statussymbol zum Verlierer: Einst schmückten sich Manager mit Blackberrys, nun verschmähen selbst klamme Teenager die multifunktionalen Telefone. Zu viele Tasten, zu langsam, zu altbacken. Stationen eines Niedergangs.

Das schnelllebige Handygeschäft verzeiht keine Fehler. Einmal den Anschluss verloren, bedeutet oftmals das Todesurteil. So war es mit Siemens Mobile (die unter der Ägide der taiwanischen BenQ 2006 pleitegingen), so war es mit Palm (die nach dem Aufkaufen durch Hewlett-Packard jüngst die Segel streichen mussten). Und so könnte es mit dem Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) geschehen, wenn er nicht noch die Kurve kriegt.

Blackberrys, das waren früher die Statussymbole der Manager und Regierungsbeamten. Zu Zeiten, als die meisten Handynutzer vom mobilen Internet nur träumen konnten, tippten die stolzen Blackberry-Besitzer schon fleißig E-Mails. Die Tastatur ist bis heute legendär - sie ermöglicht trotz ihrer Minitasten schnelles Schreiben. Doch dann kam Apple 2007 mit dem iPhone, und plötzlich hieß mobiles Internet auch Surfen im Web, Musik hören, Videos schauen und spielen.

Auf den Blackberrys wurden weiter fleißig E-Mails getippt. Die Fixierung auf den Geschmack der Stammkundschaft ließ das Design unverändert. Die Tastatur blieb, während die Kunden ganz fasziniert von dem berührungsempfindlichen Bildschirm des iPhone waren. Plötzlich war Apple cool, und Blackberrys galten als altbacken. Dieses Image hat der kanadische Hersteller RIM bis heute nicht abschütteln können, auch mit alternativen Touch-Screen-Modellen nicht. Und obwohl der Smartphone-Markt boomt, mussten die Blackberrys zum ersten Mal seit Jahren einen Verkaufsrückgang hinnehmen.

Im zweiten Geschäftsquartal, das von Juni bis August lief, wurde RIM noch 10,6 Millionen Blackberrys los - im Vorjahreszeitraum waren es 12,1 Millionen. Dagegen stiegen die Verkäufe des teureren iPhone auf die Rekordzahl von 20,3 Millionen Stück. Und während Apple so viele iPads verkaufte wie die Fabriken produzieren können (9,3 Millionen), schlug RIM gerade mal 200 000 seiner Playbook-Tablets los.

Die Kommentare der Beobachter reichten am Donnerstag und Freitag von einem schlichten “enttäuschend“ bis hin zu einem dramatischen “die Uhr tickt“. RIM sollte ein “G“ zu seinem Firmennamen hinzufügen, frotzelte die IT-Journalistin Ingrid Lunden: Das Börsenkürzel lautete dann “GRIMM“, wie düster.

Die Blackberrys müssen sich nicht mehr nur gegen Apples iPhone behaupten, sondern auch gegen die zahlreichen Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android. Binnen kürzester Zeit ist Android von einstelligen Marktanteilen zu einem der führenden Anbieter hochgeschossen, während der Anteil von Blackberrys an den Smartphone-Verkäufen nach Angaben des Marktforschungsinstituts Gartner im zweiten Kalenderquartal von 19 auf 12 Prozent absackte. Mit Nokia und Microsoft haben sich überdies zwei milliardenschwere Konzerne verbündet, um die Branche mit Handys aufzurollen, die von Windows Phone 7 angetrieben werden.

Der aktuelle Absatzrückgang ist das bisher lauteste Alarmsignal für den Blackberry-Hersteller RIM. Obwohl sich der Aktienpreis angesichts der Probleme seit Jahresbeginn bereits halbiert hat, ziehen die Anleger jetzt noch einmal die Reißleine: Der Kurs stürzte am Freitag vorbörslich um mehr als 20 Prozent ab.

Die beiden Firmenchefs Jim Balsillie und Mike Lazaridis versprechen eisern, doch noch die Kurve zu kriegen - mit neuen Touchscreen-Modellen und dem Umstieg auf das leistungsfähige Betriebssystem QNX, mit dem Industrieanlagen oder auch das Bordcomputer-System Audi Connect angetrieben werden. Der Umstieg nimmt jedoch Zeit in Anspruch, erste QNX-Blackberrys sollen erst Anfang kommenden Jahres kommen. Im schnellen Smartphone-Markt ist ein halbes Jahr eine Ewigkeit.

dpa

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