Bleivergiftung statt Babyglück

- Ayurveda ist "in" - eine Jahrtausende alte indische Naturheilkunde, mit ihrem ganzheitlichen Ansatz des Gleichgewichts von Körper und Seele, findet auch in der westlichen Welt immer mehr Anhänger. Sie gilt als nebenwirkungsfrei, als "sanfte" Alternative zur etablierten Schulmedizin. Doch beim Griff zu Medikamenten ist Vorsicht geboten: Toxikologen haben in Ayurveda-Präparaten gefährlich hohe Schwermetall-Konzentrationen gefunden.

<P>Der Wunsch nach einem Baby war groß, als eine 36-jährige Frau mit ihrem Lebensgefährten nach Indien reiste, um sich dort wegen einer Fertilitätsstörung behandeln zu lassen. Ein ayurvedischer Arzt verordnete das Arzneimittel "Profert" einer indischen Firma. Zwei Monate nahm die Frau die verordnete Dosis von vier Kapseln am Tag, bis sie mit schweren Bauchkrämpfen und starkem Gewichtsverlust in ein Münchner Krankenhaus kam - Diagnose: Bleivergiftung.<BR><BR>Im Münchner Universitätsinstitut für Rechtsmedizin sah man sich das Medikament näher an und kam zu einem schockierenden Ergebnis: Jede Kapsel enthielt 15 Milligramm Blei, das entspricht 60 Milligramm pro Tagesdosis -das 100fache des von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwerts. "Zwar waren die Inhaltsstoffe auf der Verpackung aufgeführt, die Schwermetalle jedoch nur in Sanskrit", sagt die Toxikologin Gabriele Roider vom Institut.<BR><BR>"Trivanga Bhasma" hieß die Bleimischung - nach ayurvedischem Verständnis wurde sie entgiftet durch Erhitzen mit Cannabis, Schlafmohn und Aloe. Ein Irrtum, wie sich zeigte. Der Münchner Fall ist nicht der erste: Von mehr als 50 Schwermetallvergiftungen nach Ayurveda-Medikation ist in der Fachliteratur die Rede, die Folgen waren epileptische Anfälle, Entwicklungsverzögerungen oder Geburtsfehler. <BR><BR>Die Universität Boston testete im vergangenen Jahr 70 verschiedene Ayurveda-Produkte, die in Südasien hergestellt und in den USA verkauft wurden. Jedes fünfte Präparat enthielt Blei, Quecksilber und/oder Arsen - in Konzentrationen weit über den allgemeinen Standards. Problem: In Amerika wie auch in Deutschland gelten Ayurveda-Medikamente nur als Nahrungsergänzung und unterliegen damit nicht den strengen Richtlinien des Arzneimittelgesetzes. Was über das Internet oder im Urlaub gekauft wird, entzieht sich ohnehin jeglicher Kontrolle.<BR><BR>Nun sind Schwermetalle nicht automatisch giftig. Blei ist zwar als Metallverbindung harmlos, das hier entstandene Bleioxid jedoch ist in der Magensäure löslich und damit hochgefährlich. "Wäre das nicht rechtzeitig erkannt und behandelt worden, hätte es für die Frau tödlich ausgehen können", sagt Roider. "Besonders schlimm ist, dass es bei einer Fertilitätsstörung angewandt wurde." Blei könne massive Missbildungen am Fötus hervorrufen.<BR><BR>Doch auch so sind die Folgen gravierend: Blei gilt als Speichergift, es dauert Jahre, bis es in den Knochen wieder abgebaut ist. Dann könnte es aber für ein Baby zu spät sein.</P><P><BR>Lexikon aktuell: Ayurveda<BR>Das Wort aus dem indischen Sanskrit bezeichnet eine traditionelle indische Heilkunst. Wörtlich bedeutet es "Lebensweisheit",abgeleitet aus Ayus (Leben) und Veda (Wissen). Ayurveda konzentriert sich auf die für den Menschen notwendigen physischen, mentalen, emotionalen und spirituellen Aspekte seiner Gesundheit bzw. Krankheit, es ist also eine ganzheitliche Lehre. Nach ihr kommen in jedem Organismus unterschiedliche Temperamente oder Energien, die "Doshas" vor: Vata (Wind, Luft, Pneuma) Pitta (Feuer und Wasser, Chole) Kapha (Erde und Wasser, Phlegma). In einem gesunden Organismus befinden sich die "Doshas" in harmonischem Gleichgewicht. Doch dominieren meist ein oder zwei. Der Arzt muss herausfinden, welche vorherrschen, denn jeder Typ erhält andere Medikamente und Behandlungen.</P>

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