Blütenbad des Erleuchteten

- Wenn sich morgen die Sonne über dem südindischen Dorf Shravana Belagola erhebt, stehen die 1008 Schalen schon bereit, gefüllt mit Milch und flüssiger Butter. Die Priester steigen die 600 Stufen empor. Flöten und Zimbeln ertönen. Dann färbt sich der 18 Meter hohe Körper von Bahubali glänzend weiß, während im Tal unter ihm die Gläubigen tanzen und jubeln.

Alle zwölf Jahre pilgern Hunderttausende in das 6000-Seelen-Dorf in Karnataka. Dann ist Mahamast Akabisheka. Die Anhänger des Jainismus, der vielleicht ältesten lebendigen Religion der Welt, feiern ihr größtes Fest, das heilige Bad der Statue von Bahubali. Professor Robert Zydenbos, Indologe an der Ludwig-Maximilians-Universität, wird dabei sein, zum dritten Mal.

Größte frei stehende Skulptur der Welt

Er wird die Priester bei ihren tagelangen Meditationen begleiten und die mehr als 1000 Jahre alten Riten beobachten, wenn die größte frei stehende Skulptur der Welt bald safrangelb, bald glühend orange leuchtet. Noch in Indien will er seine Beobachtungen aufschreiben: Im April soll sein Buch über den Jainismus erscheinen.

"Es ist ein riesiges Volksfest"; erzählt Zydenbos. Bis zu zwei Millionen Pilger feiern die Waschung, die nur alle zwölf Jahre stattfindet. Tagelang wird das riesenhafte Abbild des ersten Erleuchteten unserer Zeit mit wohlriechenden Flüssigkeiten übergossen. Auch die Gläubigen erhoffen sich davon eine Reinigung. Die Feier soll ihnen gutes Karma verleihen.

"Der Jainismus ist eng mit dem Buddhismus verwandt", erklärt Zydenbos. So spielen die Götter in beiden Religionen nur eine Nebenrolle. Weder ist die Welt von einem Gott geschaffen, noch können sich die Menschen von Göttern Erlösung erhoffen.

Erlösung aber ist auch das letzte Ziel des JainiSmus, Erlösung der unsterblichen Seele, die den Kern jedes Wesens bildet. Im Urzustand ist sie glückselig und allwissend. Doch in unserer Welt ist sie von verschiedenen Materie-Schichten umgeben, die ihr Leiden bescheren, ihr die Erkenntnis und Energie rauben - so lehrt es die jainistische Philosophie. Die feinste Schicht davon ist das Karma. Doch zur Erlösung muss der Mensch auch diese abstreifen. Das kann er nur durch richtiges Wissen, Glauben und Handeln. Der Jainismus und seine 24 großen Wegbereiter, die Tirthankaras, sollen den Weg weisen, die Seele aus der Kette der Wiedergeburten zu lösen. "Das oberste Prinzip ist Gewaltlosigkeit", sagt Zydenbos. Aus ihm folgen andere Gebote wie Wahrhaftigkeit und Beschränkung des Besitzes sowie der Vegetarismus.

Jainas bauen Hospize für Tiere

Für europäische Augen treibt die Unbedingtheit der Religion zum Teil seltsame Blüten: Um völlig besitzlos zu sein, sind die Mönche nackt. Eine Mundbinde und ein Federbesen sollen verhindern, dass sie aus Versehen beim Atmen oder Gehen kleine Tiere töten. "Eine extreme Religion", sagt Zydenbos.

Für religiöse Laien sind die Regeln freilich nicht so streng. Nicht Besitzlosigkeit, aber Wohltätigkeit ist ihnen vorgeschrieben, auch gegenüber Tieren. So streifen Jainas durch die Straßen indischer Großstädte und lesen kranke Kühe und Vögel auf, um sie in Tier-Hospizen zu pflegen. Doch auch in der indischen Gesellschaft und Politik haben die Anhänger des Jainismus großen Einfluss. "Gandhis Lehrer war ein Jaina", sagt Zydenbos. Sein gewaltloser Kampf fußt auf den Lehren der alten Religion.

Im Mittelalter war der Jainismus in Indien sehr verbreitet. Heute hängen ihm noch etwa fünf Millionen Inder an, pflegen die uralten Tempelanlagen und Schriften. Doch auch in Europa gibt es bereits kleinere Gemeinden. Auch von ihnen werden jetzt sicher viele nach Indien pilgern. Um gutes Karma zu sammeln, wenn ein Hubschrauber Berge von Blüten über das Haupt des Erleuchteten regnen lässt.

"Jainismus - Sein Weg in die Zukunft" von Robert Zydenbos erscheint voraussichtlich im April im Manya Verlag.

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