Mit Bommel, Talar und Barett

- München - Der Muff von 1000 Jahren hängt in München direkt unter dem Universitätsdach. Eingesperrt in unscheinbaren Spanholz-Schränken, lagert in der Kleiderkammer der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ein Stück Geschichte: Rund 200 Talare, sorgfältig geordnet nach Fakultätsfarben, fristeten hier bis vor einigen Jahren ein eher tristes Dasein. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts besinnen sich einige Fakultäten wieder auf die akademischen Traditionen und zelebrieren ihre Abschlussfeiern wie in alten Zeiten in feiner Robe.

<P>"Es wird der Würde des<BR>Anlasses nicht gerecht,<BR>sein Zeugnis nur<BR>zugeschickt zu<BR>bekommen."<BR>Professor Brosius<BR><BR>"Wir bemerken eine richtige Renaissance der Talare", sagt LMU-Sprecherin Cornelia Glees-zur Bonsen. "Das entspricht auch dem Wunsch der Fakultäten, dass sich die Studenten wieder stärker mit der Universität identifizieren." Vorreiter waren die Tiermediziner, die Juristen zogen nach, und seit 2002 gehen es auch die Sozialwissenschaftler wieder feierlicher an. "Es wird der Würde des Anlasses nicht gerecht, sein Zeugnis nur zugeschickt zu bekommen", sagt Prof. Hans-Bernd Brosius, Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät.</P><P>An der Technischen Universität (TUM) tragen zurzeit nur die Mediziner Talar zu den Abschlussfeiern, eine Kleiderkammer gibt es hier nicht mehr. Trotzdem geht auch hier der Trend zu feierlichen Zeugnisverleihungen und Abschlussbällen in feinem Zwirn. "Die Nachfrage ist riesig", sagt TUM-Pressesprecher Dieter Heinrichsen. "Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind."<BR>Lange war der alte Pomp verpönt. Für die Studenten der 68er-Bewegung waren die Talare der Universitäts-Obrigkeit das Symbol einer verkrusteten, reformbedürftigen Gesellschaft. "Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren", war die Parole, und wer sich noch in voller Amtstracht auf die Straße wagte, lief Gefahr, mit Tomaten beworfen zu werden.</P><P>Anno 2003 werfen sich die Würdenträger der Fakultäten wieder wie selbstverständlich in Schale. Studenten und Eltern sind begeistert: Bei der Magisterfeier der Sozialwissenschaftler war in der vergangenen Woche die Große Aula der LMU bis zum letzten Platz gefüllt. "Im Studium werden die Weichen für das spätere Leben gestellt", sagt Dekan Brosius, der 1968 erst elf Jahre alt war. "Heute kann man das wieder würdig feiern, ganz unvoreingenommen und ohne politischen Hintergrund."</P><P>Seine älteren Kollegen wussten noch von den Schätzen der Kleiderkammer, die sonst nur zur jährlichen Fronleichnams-Prozession herausgeholt werden. Sich protokollgerecht einzukleiden dauert 15 Minuten und benötigt die fachkundige Hilfe von Universitäts-Näherin Nalan Netzipoglu. Sie betreut die kostbaren Roben aus Filz und Samt, die größtenteils nach dem Zweiten Weltkrieg genäht wurden. Unterkleid, Bommel, Leibchen, Bauchbinde, weiße Handschuhe, Talar und als Kopfbedeckung das farblich passende Barett gehören zum perfekten Outfit.</P><P>Einer darf bei keiner Zeremonie fehlen: Helmut Stepper, Pedell der Universität. Früher die rechte Hand des Rektors, macht er heute nur noch einen Bürojob. Doch bei den Verleihungen ist er es, der dem Dekan voranschreitet, mit einem der zwei vergoldeten Zepter, die aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammen und hoch versichert im Universitäts-Archiv liegen. Bei den Feiern ist Stepper das beliebteste Fotomotiv. "Ich mach den Job gern, allein um den Stolz in den Gesichtern zu sehen", erklärt er seine Motive.</P><P>Das feierliche Zeremoniell ist eine weitgehend verschüttete Tradition, nirgendwo ist aufgeschrieben, wie eine Zeugnisverleihung protokollgerecht abzulaufen hat.</P><P>Unter mehreren Schichten<BR>Textil schwitzt sichs<BR>ganz ordentlich</P><P>"Ich weiß nicht, ob ich die Regeln alle beherrsche, aber zumindest die, die ich brauche, um da rein und raus zu kommen", scherzt Brosius, und auch Pedell Stepper gesteht, dass "meistens improvisiert wird".</P><P>Die Talarträger haben's ohnehin schwer genug, denn unter mehreren Textilschichten schwitzt sich's ganz ordentlich. "Die meisten Roben müssten dringend mal gereinigt werden", sagt Brosius. Es dauert eben seine Zeit, bis der Muff von 1000 Jahren komplett ausgelüftet ist.</P>

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