Botschafter des Fernen Ostens

- Sein Anrufbeantworter meldet sich in Deutsch, Englisch und Chinesisch, sein Terminkalender gleicht dem eines Spitzendiplomaten, seine Forschungen führen ihn in unbekannte Winkel des Fernen Ostens. Gottfried-Karl Kindermann ist Politologe und Weltenforscher, Wissenschaftler und Kosmopolit. Am Donnerstag feiert der Gründungsdirektor des Seminars für Internationale Politik der Ludwig-Maximilians-Universität seinen 80. Geburtstag.

Die Begeisterung für China packte den Sohn eines Theaterhistorikers schon als Zwölfjährigen. "Meine Eltern schenkten mir Lin Yu-tangs ,Mein Land und mein Volk’, ein Bestseller damals", erinnert sich Kindermann.

Mit zwölf Jahren von China begeistert

Er beschloss, die Geschichte des Landes zu erforschen - und später einmal eine Chinesin zu heiraten. "Hat beides geklappt", erzählt der Forscher lachend. Heute lebt er mit seiner taiwanesischen Ehefrau Fang-fang und dem fuchsroten Zwergspitz Wang Wang in Neuhausen.

München ist seit den späten 60ern die Forschungsstätte des gebürtigen Wieners. Nach seiner Doktorarbeit bei Hans J. Morgenthau in Chicago und der Habilitation bei Arnold Bergstraesser in Freiburg erhielt er 1967 einen Ruf an die Isar. Im folgenden Jahr wurde ein politologisches Zentralinstitut gegründet: Auf Vorschlag Kindermanns erhielt es den Namen "Geschwister-Scholl-Institut".

Bereits im Gründungsjahr rollte die 68er-Bewegung durch das junge Institut. Mitglieder der Marxistischen Gruppe störten die Vorlesung des Marx-Kritikers und Marx-Kenners Kindermann. Er schlug sie mit ihren eigenen Waffen: Nach einer Vorlesung warfen die Studenten ihm reaktionäres Gedankengut vor. Kindermann zeigte ihnen seine Quellen: Marx, Lenin, Mao. Die Vorlesung war ein Puzzle, zusammengesetzt aus Passagen kommunistischer Werke - die Studenten gaben Ruhe.

Kindermanns Lehrtätigkeit begleitete stets seine Arbeit an großen wissenschaftlichen Werken. "Grundelemente der Weltpolitik" wurde ein Standardwerk. Als seine wichtigste Arbeit gilt die Monographie "Der Aufstieg Ostasiens in der Weltpolitik 1840 bis 2000". Einen Namen machte er sich durch die Begründung der so genannten "Münchner Schule des Neorealismus".

München war auch Ausgangspunkt von Kindermanns akademischen Wanderungen zwischen den Kulturen. Er besuchte den Dalai Lama in dessen indischem Exil, begleitete den späteren US-Präsidenten Richard Nixon im Wahlkampf, führte Gespräche mit den Präsidenten asiatischer Länder.

Kürzer treten will der Forscher auch nach seinem 80. Geburtstag nicht. Eine neue Monographie zur Entwicklung eines österreichischen Nationalbewusstseins in der Ersten Republik ist in Arbeit, auch die interdisziplinären Ringvorlesungen zu Ostasien sollen weitergehen. Und natürlich will Kindermann ein Reisender bleiben. "Erst letzte Woche bin ich aus China zurückgekehrt", erzählt er. Immer mit dabei: sein Regenschirm. Ohne ihn, sein Markenzeichen, wagt sich der Professor nicht auf die Straße. "Ein Aberglaube", sagt Kindermann lachend.

Ohne Schirm hätten ihn Regengüsse heimgesucht, mitten an sonnigen Tagen. Und schließlich sei jede Prognose mit Unvorhersehbarem behaftet. Doch sein Schirm weist dieses Element offenbar in die Schranken. "Man kann darüber schmunzeln, aber es wirkt."

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