Cannabis: eine Droge für den chronisch kranken Darm

- Starke Schmerzen, Appetitlosigkeit und blutiger Durchfall sind nur einige akute Anzeichen der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn. Eine Erkrankung mit sehr unterschiedlichem Verlauf, die in den Industrieländern weit verbreitet ist und bislang nur unbefriedigend behandelt werden kann.

<P>Zur Behandlung gehören etwa unangenehme Darmspülungen oder Cortison. In schlimmen Fällen muss auch operiert werden. In München laufen jetzt am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität Versuche mit Cannabis sativa (indischem Hanf), der daraus gewonnene Inhaltsstoff soll die Therapie verbessern.</P><P>Cannabis ist eine Pflanze, die bereits seit langem für Kontroversen sorgt. Auch so manche Mediziner haben Berührungsängste mit dem Hanfgewächs, aus dem Haschisch und Marihuana gewonnen wird: Umstritten ist vor allem, ob und welche Langzeitfolgen regelmäßiger Cannabis-Konsum hat. Diskutiert werden kognitive Einschränkungen, Probleme mit dem Gedächtnis und eine eingeschränkte Lernfähigkeit.</P><P>Andererseits sind mehrere Organisationen um die Legalisierung von Cannabis bemüht. Die Forschergruppe um den Internisten Martin Storr, der am Klinikum Großhadern nahe Münchens arbeitet, kümmert sich nicht um die Legalisierungsbemühungen für die Pflanze mit dem fünf-gefiederten Blatt. Das Team, in dem auch Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie mitarbeiten, ist nicht an der berauschenden (psychodelischen) Wirkung von Cannabis interessiert, sondern nur an der heilenden. Martin Storr, der sich der Erforschung von Morbus Crohn verschrieben hat, testet seit zwei Wochen die schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung von Wirkstoffen aus der Hanfpflanze (Cannabinoide).</P><P>Meistens sind junge Leute von der chronischen Darmentzündung betroffen. "Bereits bei 30-Jährigen kann es vorkommen, dass Teile des Darms operativ entfernt werden müssen oder der Verdauungstrakt als funktionsloser Schlauch übrig bleibt", so Storr. In einer "Doppel-Blind-Studie" wird am Klinikum Großhadern die Wirkung eines Wirkstoffs auf Morbus Crohn-Patienten getestet. Bei dieser Studie weiß weder der Arzt noch der Proband, ob ein Placebo eingenommen wird oder der Wirkstoff. "Insgesamt gibt es 66 verschiedene Cannabinoide, die auf die Darmmuskulatur einwirken", berichtet Storr. "Am wirkungsvollsten ist aber das als THC bekannte Delta-9-Tetrahydrocannabinol. Es verlangsamt nicht nur die Peristaltik des Darms, sondern ist ein Modell für einen körpereigenen Schutzmechanismus."</P><P>THC wirkt an den Nervenzellen. Somit auch an den Nerven, die den Magen-Darmtrakt versorgen. Dass damit eine entzündungshemmende Wirkung bei chronischer Darmentzündung einhergeht, wurde erst kürzlich bei Tierversuchen festgestellt: Bei Mäusen, bei denen eine Darmentzündung hervor gerufen wurde, ging die Entzündung zurück, wenn die Nervenzellen mit THC stimuliert wurden. Der menschliche, wie der tierische Körper besitzt so genannte Cannabinoid-Rezeptoren. Das sind Bausteine in der Wand einer Nervenzelle, an die das THC andocken kann (oder auch körpereigene, dem THC ähnliche Substanzen, so genannte Endocannabinoide).</P><P>Die Forscher sprechen bei diesem Andock-Mechanismus vom "Cannabinoid-System". Bei Versuchstieren, denen das System fehlt, ist der Grad einer künstlich hervorgerufenen Darmentzündung signifikant stärker als bei Tieren mit einem intakten Cannabinoid-System. Die Forscher schließen darauf, dass es sich um einen Schutzmechanismus gegen Entzündungen handelt. Behandlungen mit Cannabis-Stoffen bei chronischer Darmentzündung könnten somit hilfreich sein.</P><P>Der psychodelische Nebeneffekt, den THC allerdings auch bei geringer Dosis aufweist, kann derzeit noch nicht vollkommen ausgemerzt werden. Die Patienten dürfen deshalb in der Testphase nicht Auto fahren und haben einen Spezialausweis dabei, den sie bei Polizei- und Drogenkontrollen vorzeigen, um nicht gegen das Gesetz zu verstoßen. Lexikon aktuell Cannabis ist in Asien seit 3000 v. Chr. bekannt und wurde in der traditionellen Medizin eingesetzt. Um 1900 begann man, Cannabis als Droge zu missbrauchen. Unten: Ein Landwirt in Deutschland kontrolliert das Wachstum seiner Cannabis-Pflanzen, die er als suchtarmen Hanf legal anbaut.</P>

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