Chemie-Nobelpreis geht in die USA

- Stockholm/Hamburg - Für den tiefen Blick in die Kopiermaschine des Lebens bekommt der US-Forscher Roger D. Kornberg den Chemie-Nobelpreis 2006. Der Biochemiker hat nach Darstellung des Nobelkomitees detailgenau aufgeklärt, wie die Zellen höherer Lebewesen die Erbgutinformationen der DNA auf eine Blaupause für die lebenswichtigen Proteine überträgt.

Diese Erkenntnis hat weit reichende Bedeutung für das Verständnis des Lebens, aber auch für neuartige Behandlungsmethoden wie die therapeutische Anwendung von Stammzellen. Mit der Auszeichnung von Kornberg gehen in diesem Jahr alle drei naturwissenschaftlichen Nobelpreise in die USA.

"Es besteht kein Zweifel daran, dass die Grundlagenforschung von Kornberg Früchte zum Wohl der Menschheit tragen wird. Sie eröffnet Perspektiven für neue Medikamente wie etwa bei Antibiotika", sagte Per Ahlberg vom Nobelkomitee am Mittwoch in Stockholm. "Wir Menschen sind ziemlich komplizierte Maschinen. Kornberg hat einen wichtigen Teil davon erklärt, wie diese Maschine funktioniert."

Kornberg hatte untersucht, wie die so genannte eukaryontische Transkription funktioniert. "Die DNA speichert die Erbsubstanz und gibt sie weiter. Sie ist aber eine tote Substanz", erläuterte der deutsche Chemie-Nobelpreisträger von 1988, Prof. Robert Huber vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München. "Was immer das Leben ausmacht - Muskeln, Rezeptoren, Ionenkanäle -, sind Proteine. Um die Informationen der DNA zum Leben zu erwecken braucht es einen Zwischenschritt. Diese Transkription übernimmt die RNA- Polymerase." Die Aufklärung der RNA-Polymerase durch Kornberg sei eine wichtige Arbeit. Seine Resultate gelten für alle höheren Organismen, vom Hefepilz bis zum Menschen.

Kornberg hatte seine Erkenntnisse erst vor fünf Jahren publiziert, die Auszeichnung kam daher vergleichsweise schnell. "Der Anruf aus Stockholm war so überwältigend, dass ich noch immer zittere", kommentierte der Biochemiker von der Universität Stanford in Kalifornien die Zuerkennung. Vor ihm hat 1959 bereits sein Vater den Medizin-Nobelpreis auf ähnlichem Gebiet erhalten - Arthur Kornberg hatte untersucht, wie Erbgutinformationen bei der Zellteilung von der Mutterzelle auf die beiden Tochterzellen weitergegeben werden.

Arthur und Roger Kornberg sind damit das sechste Vater-Sohn- Nobelpreispaar in der Geschichte. "Manche Dinge im Leben sind einfach so unglaublich, dass man sie nicht erwarten kann", kommentierte der Sohn. "Ich habe mir das nie und nimmer erträumt."

Mit der Kür von Kornberg stammen in diesem Jahr alle naturwissenschaftlichen Nobelpreisträger aus den USA. Am Montag hatten bereits die US-Forscher Andrew Z. Fire und Craig C. Mello für das gezielte Stummschalten von Genen den Medizin-Nobelpreis zugesprochen bekommen. Am Dienstag war den beiden Astrophysikern John C. Mather und George F. Smoot die höchste Auszeichnung für Physiker für die präzise Untersuchung des Urknall-Echos zugesprochen worden.

Für Kornberg erklärt sich diese amerikanische Übermacht mit "der beispiellosen öffentlichen Unterstützung für die Wissenschaft in den USA". Der Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Prof. Helmut Schwarz, sieht die Ursachen nicht in erster Linie auf der Qualitätsebene. "Es gibt auch in Japan und Europa erstklassige Forscher, die den Preis ebenso verdient hätten. Aber was bei uns fehlt, ist eine gebündelte Lobbyarbeit", sagte er der dpa.

Die Nobelpreise sind in diesem Jahr mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedische Kronen) dotiert. Sie werden traditionsgemäß am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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