- Spezielle Therapien helfen Betroffenen beim Neuanfang

Computersucht: Spielen bis zum bitteren Ende

Am Ende interessierte er sich nur noch für Belohnungspunkte. Der 23-jährige Tim aus Dresden verbrachte immer mehr Zeit mit Online-Computerspielen. Bis zu 18 Stunden täglich saß er vorm Rechner.

Weil er nicht mehr loskam, geriet sein Leben aus den Fugen. Eine spezielle Therapie soll nun helfen, die Online-Sucht zu überwinden. Ein zweistöckiger gelbgetünchter Bau im Dresdner Stadtteil Seidnitz. Unten hat ein Sportverein seine Büros, darüber die Suchtberatungsstelle Gesop. Seit ein paar Monaten gibt es hier auch ein Angebot für Spielsüchtige wie Tim, der in Wirklichkeit anders heißt, aus Scham aber nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden will.

Bundesweit existieren bereits einige Einrichtungen, die sich mit der Behandlung von Computer-Spielsüchtigen und Internet-Junkies befassen. So gibt es in Mainz eine Ambulanz für Spielsucht. Doch ein flächendeckendes Angebot fehlt bislang noch. So ist die Dresdner Therapiegruppe in Sachsen die erste überhaupt, die Betroffene dabei unterstützt, dem Netz zu entkommen. Projektleiterin Petra Fürstenberg sagt, Computerspiele und Internet könnten süchtig machen wie Alkohol oder Drogen. "Es gibt zwar noch nicht allzu viele Erfahrungen", sagt die Psychologin. "Klar ist aber, dass auch diese Sucht kreuzgefährlich ist und soziale Abstürze produziert." Tim, ein schmaler junger Mann, mit noch etwas kindlichen Gesichtszügen, hat bislang abseits des Computerschirms nicht allzu viel erlebt in seiner Jugend. Er ist fast nie zu Partys gegangen, hat kaum Freunde. Die einzigen, die er hin und wieder traf, waren wie er vernarrt in Spiele. Manchmal trafen sie sich und spielten gemeinsam.

Mit leiser Stimme berichtet er in einem Besprechungsraum der Suchtberatungsstelle, wie er mit elf das erste Mal am Rechner seines älteren Bruders hockte und alles um sich herum vergaß. Wie er dann immer häufiger und manchmal bis zum Morgengrauen spielte. Und wie er 2005 das Abitur gerade noch mit Ach und Krach schaffte, weil er nicht mal mehr vor den Prüfungen lernte. Inzwischen weiß er, dass er damals schon süchtig war. Waren es zunächst Egoshooter-Spiele wie "Counter-Strike", zogen ihn später Online-Rollenspiele wie "Herr der Ringe" und "World of Warcraft" in den Bann.

Als er nach dem fast vergeigten Abi in Leipzig ein Bauingenieur-Studium begann, ging das gerade mal drei Wochen gut. "Ich bin dann einfach nicht mehr hingegangen", sagt Tim. Auch ein zweiter Anlauf an der Dresdner Uni ein Jahr später scheiterte. Nach vier Semestern brach er im vergangenen Herbst erneut ab, weil der Kampf gegen dunkle Mächte, um Belohungspunkte und den Aufstieg in die nächste Stufe immer wichtiger für ihn wurde. "Es gibt da einfach kein Ende", sagt er, "wenn man will, findet man immer noch was."

Bis zu 18 Stunden hockte er am Ende vorm Bildschirm. Er schlief kaum noch, aß nur sporadisch, vergaß sich zu waschen. Anfang 2009 hat sich Tim, der heute von staatlicher Hilfe lebt, dann selbst zur Therapie aufgerafft. "Pausenlos spielen und studieren - beides gleichzeitig funktioniert nicht", sagt er nun, mit etwas Abstand. Im Herbst will er sich in Dresden noch einmal an der Uni einschreiben.

Studien zufolge gibt es in Deutschland um die drei Prozent Internet-Süchtige und noch einmal soviel stark Gefährdete. Fürstenberg sagt, vor allem junge Leute zwischen 13 und Anfang 30 seien betroffen, insbesondere Männer. Problematisch wird es aus ihrer Sicht, wenn jemand mehr als 30 bis 35 Stunden pro Woche im Internet spielt, chattet oder surft. Wenn deswegen Familie, Freunde, Arbeit oder Ausbildung vernachlässigt werden.

Im Kreuzfeuer der Kritik steht dabei seit einiger Zeit zunehmend die Spiele-Industrie. Computerspiel-Forscher und Mediziner halten den Herstellern vor, ihre Produkte ohne Rücksicht auf Verluste immer ausgeklügelter zu gestalten, um eine möglichst hohe Bindung zu erreichen. Besonders hoch sei das Suchtpotenzial bei Online-Spielen, die den Anbietern Monat für Monat Geld in die Kassen spülen.

Fürstenberg sagt, bei der Therapie gehe es darum, den Betroffenen beim Weg zurück in die reale Welt zu helfen. Es gehe um einen gezügelten und kompetenten Umgang mit dem Internet, nicht um ein völliges Verbot, weil dies nicht realistisch wäre. "Wir raten aber unseren Klienten dringend dazu, Spiele mit hohem Suchtpotenzial strikt zu meiden."

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