1,5 Meter Abstand können in manchen Fällen zu wenig sein, wie eine Corona-Studie aus Südkorea zeigt.
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1,5 Meter Abstand können in manchen Fällen zu wenig sein, wie eine Corona-Studie aus Südkorea zeigt.

Südkorea

Corona-Infektion trotz 6,5 Metern Abstand - Forschende aus Südkorea haben dringenden Verdacht

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    vonTanja Banner
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Eine Schülerin infiziert sich innerhalb kürzester Zeit mit Corona – obwohl sie 6,5 Meter von der infizierten Person entfernt war. Forschende aus Südkorea haben Luftströme im Verdacht.

  • In manchen Situationen sind 1,5 oder sogar zwei Meter Abstand viel zu wenig. Das zeigt eine Corona-Studie aus Südkorea.
  • Dort hatte sich eine Schülerin innerhalb von fünf Minuten mit Corona* infiziert - obwohl sie 6,5 Meter von der Corona-positiven Person entfernt war.
  • Forschende haben Luftströme im Verdacht und machen Vorschläge, die die Situation entschärfen könnten.

Seoul – Wie verhält man sich in der Corona-Pandemie richtig? Seit vielen Monaten weisen sämtliche mit dem Thema befasste Stellen in Deutschland - vom Robert Koch-Institut (RKI) bis hin zum Bundesgesundheitsministerium - auf die sogenannten AHA-Regeln hin: Abstand halten, Hygieneregeln beachten und Alltagsmaske tragen.

In Deutschland wird in der Regel ein Abstand von „mindestens 1,5 Metern“ empfohlen. Von Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) heißt es dazu: „Die Wahrscheinlichkeit, mit virushaltigen Tröpfchen und Aerosolen in Kontakt zu kommen, ist insbesondere im Umkreis von ein bis zwei Metern um eine mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infizierte Person erhöht.“

Corona-Infektion: In manchen Situationen reichen zwei Meter Abstand nicht

Doch nun zeigt eine Studie aus Südkorea, dass ein Abstand von eineinhalb oder zwei Metern in bestimmten Situationen möglicherweise nicht ausreicht, um sich vor einer Corona-Infektion zu schützen. Ein Team von Forschenden um den Epidemiologen Lee Ju-Hyung hat sich für die Studie, die im „Journal of Korean Medical Science“ veröffentlicht wurde, mit einem mysteriösen Corona-Fall in der südkoreanischen Stadt Jeonju befasst.

Dort infizierte sich eine Schülerin Mitte Juni mit Corona - obwohl es in der Stadt seit zwei Monaten keinen einzigen Corona-Fall mehr gab. Und auch die Provinz, in der die Stadt liegt, hatte zu diesem Zeitpunkt seit einem Monat keine neuen Corona-Fälle mehr gemeldet. Die infizierte Schülerin hatte die Region zudem nicht verlassen. Nach Angaben der Forschenden bewegte sie sich hauptsächlich zwischen ihrer Wohnung und der Schule. Mithilfe von Smartphone-Standortdaten fanden die Forschenden heraus, dass sich der Weg der Schülerin für kurze Zeit mit dem Weg einer Geschäftsfrau überschnitten hatte, die die Stadt besuchte. Die Geschäftsfrau war zum Zeitpunkt der Überschneidung Corona-positiv, wie die Forschenden wussten.

Corona-Studie aus Südkorea: Schülerin infiziert sich innerhalb von 5 Minuten

Für etwa fünf Minuten befanden sich die beiden Frauen gleichzeitig in einem Restaurant - ein Zeitraum, der den Forschenden zufolge reichte, dass sich die Schülerin mit Corona infizierte. Und das, obwohl sich die Geschäftsfrau und die Schülerin weit voneinander entfernt befanden und offenbar weder miteinander sprachen noch nacheinander die gleichen Oberflächen berührten. Mithilfe von Videoaufnahmen rekonstruierten die Forschenden die kurze Begegnung zwischen den beiden Frauen. Sie fanden die genauen Sitzabstände zwischen den Restaurantbesuchern heraus, ermittelten, wie die Klimaanlage eingestellt war und welche Sitzplätze im Restaurant belegt waren.

Schematische Darstellung der Situation im Restaurant. Zu sehen sind die Corona-positive Geschäftsfrau (B), die Schülerin (A) und die weitere Person, die sich infiziert hat (C). Person D ist zwar ebenfalls als bestätigter Corona-Fall gekennzeichnet, spielt für die Studie jedoch keine Rolle, da die Person zum fraglichen Zeitpunkt noch nicht ansteckend war.

Corona-Studie aus Südkorea: Corona-Infektion im Restaurant über 6,5 Meter Entfernung

In ihrer Studie beschreiben die Forschenden ausführlich, wie die Bedingungen im Restaurant waren: Die Schülerin saß in Begleitung an einem Tisch und unterhielt sich ohne Maske. Die Geschäftsfrau saß 6,5 Meter von der Schülerin entfernt und unterhielt sich ebenfalls ohne Maske mit einer Begleitperson. Fünf Minuten, nachdem die Geschäftsfrau das Restaurant betreten hatte, verließ die Schülerin es. Eine weitere Person, die sich ebenfalls an diesem Tag mit Corona infizierte, betrat das Restaurant kurz darauf und ließ sich in einer Entfernung von 4,8 Metern zur Corona-positiven Geschäftsfrau nieder. Die beiden hielten sich 21 Minuten in diesem Abstand auf, bevor die Geschäftsfrau das Restaurant verließ.

Um auszuschließen, dass die Schülerin und die weitere Person sich bei einer anderen Gelegenheit mit Corona infiziert hatten, untersuchten die Forschenden die genetischen Eigenschaften der Coronaviren, mit denen die drei Patienten infiziert waren. Dabei stellte sich heraus: Die Schülerin und die weitere Person hatten sich mit Sicherheit bei der Geschäftsfrau mit Corona infiziert. Die Corona-Infektion einer vierten anwesenden Person hatte auf das Infektionsgeschehen im Restaurant jedoch keinen Einfluss, da die Person zum fraglichen Zeitpunkt noch nicht ansteckend war.

Corona-Studie: Luftstrom spielte offenbar eine Rolle bei der Verbreitung des Coronavirus

Besonderes Augenmerk legten die Forschenden für ihre Studie auf den Luftstrom im Restaurant und die Klimaanlage. Die war während der fraglichen Zeit aktiv und bewegte die Luft im Restaurant. Folgende Geschwindigkeiten des Luftstroms maßen die Forschenden im Restaurant:

  • Luftstrom zwischen Geschäftsfrau und Schülerin: Maximal 1 Meter pro Sekunde (3,6 km/h)
  • Luftstrom zwischen Geschäftsfrau und weiterer infizierter Person: maximal 1,2 Meter pro Sekunde (4,3 km/h)

Weitere Personen wurden in dem Restaurant nicht angesteckt - obwohl sie teilweise deutlich näher an der Geschäftsfrau aufhielten. Die These der Forschenden: Sie saßen nicht im direkten Luftzug und wurden daher nicht infiziert. Auch die Begleitpersonen der beiden Neu-Infizierten infizierten sich nicht mit Corona - möglicherweise, weil ihre Gesichter nicht in Richtung der infizierten Geschäftsfrau gerichtet waren, vermuten die Forschenden.

Corona-Infektion in Innenräumen: Luftbewegung hat etwas damit zu tun

Die Rückschlüsse der Forschenden: Die Luftbewegung im Innenraum hat im untersuchten Fall möglicherweise Tröpfchen über die Entfernung von 6,5 Metern transportiert - und zwar so viele, dass sich innerhalb von maximal fünf Minuten eine Person mit Corona infiziert hatte. Daraus schließen die Forschenden: Eine Corona-Infektion über Tröpfchen kann innerhalb eines kurzen Zeitabschnitts über eine größere Distanz als zwei Meter geschehen, wenn eine Luftbewegung wie durch eine Klimaanlage dazukommt. „Die Regeln für Quarantäne und epidemiologische Untersuchung müssen aktualisiert werden, um diese Faktoren bei der Kontrolle und Verhinderung von Covid-19 zu berücksichtigen“, fordern die Forschenden in ihrer Studie.

Sie schlagen folgende konkreten Maßnahmen vor:

  • Größerer Abstand zwischen Tischen in Restaurants im Innenbereich (mehr als 1-2 Meter).
  • Alternativ: Aufstellen von Windschutz, der den Luftstrom berücksichtigt.
  • In Umgebungen wie Restaurant sollten Masken nur beim Essen abgesetzt werden und die restliche Zeit getragen werden.

Doch ist die Corona-Studie aus Südkorea in Deutschland derzeit überhaupt relevant? Restaurants haben bereits seit einiger Zeit geschlossen und durch den Lockdown*, der seit dem 16. Dezember gilt, wurden ähnliche Situationen weiter eingeschränkt. Doch gerade in der Winterzeit und an den anstehenden Weihnachtstagen ist das Ergebnis der Corona-Studie von Interesse: Im Winter treffen sich Menschen vermehrt in Innenräumen, statt im Freien. Und gerade an Weihnachten kommt meist Besuch nach Hause: Bis zu vier nahe verwandte Personen aus unterschiedlichen Haushalten dürfen an Weihnachten zu Besuch kommen*.

Das Virus hat in Innenräumen leichtes Spiel.

In Innenräumen kann es schnell zu Situationen kommen, in denen sich das Coronavirus leicht verbreiten kann: Es ist eng, es ist stickig und man trägt keine Maske, da man sich im Kreis der Familie sicher fühlt. Zwar werden die wenigsten zu Hause eine Klimaanlage installiert haben, doch gleichzeitig sind die Bedingungen in den meisten Fällen auch enger als im Restaurant. Die Corona-Studie aus Südkorea kann man daher als eine Warnung sehen: Auch an Weihnachten sollte man versuchen, möglichst Abstand zu halten. Denn vor dem Coronavirus ist man nirgends sicher - und unter bestimmten Voraussetzungen reicht nicht einmal die Abstandregel. (Tanja Banner) *fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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