Mit Crystal bis vor den Abgrund

- Sara* wird schlecht, schwindlig, schwarz vor Augen. Sie fällt um, in einer Disko. Als sie wieder zu sich kommt, verkrampfen sich ihre Muskeln. "Ich hatte Angst, wusste nicht, was mit mir passiert. Ich hatte einfach die Hosen voll." Die 26-Jährige mit den schwarzen, langen Haaren und den Tattoos auf den Händen sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer eines Reihenhauses in einem Münchner Vorort. Sie zündet sich eine Zigarette an und versucht sich zu erinnern an den Tag im Winter 2002. "Ich wusste, entweder ich geh drauf oder ich schaff es ohne das Zeug."

Das Zeug, von dem Sara spricht, heißt Crystal. Der Konsum ist im Nachtleben gang und gäbe. "Ich kenne zwar auch Leute, die nichts genommen haben, aber die kann ich an einer Hand abzählen."

Sara arbeitet als Türsteherin in Diskotheken, manchmal 36 Stunden am Stück. An den Tag, an dem sie die Müdigkeit zum ersten Mal mit der Droge bekämpft, erinnert sie sich nicht genau. "Du sitzt da, wirst müde, ein Kollege bietet es dir an und du nimmst es."

Angst hat Sara nicht. Obwohl sie vorher außer Marihuana keine Drogen genommen hat. Nur einmal, da hat ihr in der Disko jemand eine Ecstasy-Pille ins Glas geworfen, ohne dass sie es bemerkt hat. "Ich habe alles blau gesehen, die Menschen hatten alle Fratzen", erzählt sie. "Echt erschreckend." Sie könne es nicht leiden, keine Kontrolle über sich selbst zu haben. Deshalb trinkt sie keinen Alkohol. Drogen wie Heroin oder Crack würde sie nicht anrühren.

Crystal macht wach, high und selbstbewusst

Crystal aber sei anders. Nach dem Schnupfen bekomme man keinen Kick, man werde nicht high. Nur wach, hippelig, selbstbewusst. "Du denkst, dir kann keiner was", beschreibt Sara das Gefühl.

Am Anfang schnupft sie das Pulver nur, wenn sie müde wird. Irgendwann dann fast jeden Abend. Meistens läuft es so: "Du legst eine Linie und schnupfst mit einem Stück gerollten Papier, einem Geldschein, irgendeinem Röhrchen." Ein solches Ritual ist es aber nicht immer. Manchmal muss es einfach nur schnell gehen. "Dann haben wir aus einem Creme-Döschen geschnupft."

Zu diesem Zeitpunkt ist Sara bereits süchtig. "Du wirst von Crystal abhängig. Das ist Fakt", sagt sie. Alles andere ist gelogen.

Vom ersten Konsum bis zum Zusammenbruch in der Disko dauert es ungefähr vier Jahre. "Ich hatte fünf Nächte nicht geschlafen, tagelang nichts gegessen." Knapp 20 Kilo hat Sara bis dahin abgenommen. Denn das Hungergefühl bleibe genauso aus wie die Müdigkeit.

Nach dem Zusammenbruch entscheidet Sara aufzuhören. Und bereut den Schritt immer wieder.

Sie macht einen kalten Entzug. Ohne ärztliche Hilfe. Ohne Ersatzdrogen, die es wie Methadon bei einem Heroinentzug auch für Drogen wie Crystal, Kokain oder Speed gibt. "Das schaffen von 1000 vielleicht zwei", sagt Sara.

Vier Wochen dauert die Tortur. "Die ersten zwei Wochen habe ich nur gekotzt." Ein Bekannter ist bei ihr, redet ihr gut zu. Abhalten, wieder Drogen zu nehmen, muss er sie aber nicht. "Klar habe ich manchmal gedacht: "War doch ganz lustig mit dem Zeug". Trotzdem hat Sara nie wieder geschnupft. "Wenn ich etwas will, dann schaffe ich es auch."

Andere sind nicht so stark. "Ich kenne Leute, die durch das Zeug zum Wrack wurden." Ein Bekannter stürzt sich von einer Brücke. Freunde von ihr werden in die Psychiatrie eingewiesen. Die Diagnosen: Psychosen, Halluzinationen, Verfolgungswahn.

Mit Crystal ist Sara auch nach ihrem Entzug ständig in Kontakt. Kollegen und Freunde schnupfen weiter. Sara schaut zu. "Das ist am Anfang ziemlich hart", mittlerweile aber kein Problem mehr. Sie verspüre seit Jahren keine Lust mehr selbst zu schnupfen.

Nur manchmal, wenn es ihr schlecht gehe, dann denke sie darüber nach, wie es wäre, etwas zu nehmen. "Dann musst du stark sein." Und das war Sara bisher.

*Name von der Redaktion geändert

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