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Das Netzwerk Tor ermöglicht Anonymität.

Im dunklen Teil des Internets

Waffen, Drogen und Anonymität: Mein erstes Mal im Darknet

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München - Immer wieder spielt das Darknet bei kriminellen Machenschaften eine entscheidende Rolle. Auch der Amokläufer von München kaufte seine Waffe dort. Doch wie funktioniert es eigentlich? Ein Selbstversuch.

Es klingt wie eine andere Welt, ein dunkler Bereich, in dem sich Kriminelle tummeln und mit Drogen, Waffen und gefälschten Dokumenten gehandelt wird. Der Amokläufer von München, auch er nutzte das Darknet und beschaffte sich damit eine Waffe, mit der er seine Tat verübte. Nun ist das dunkle Netz wieder in die Schlagzeilen geraten: Laut Polizei nutze Marcel H. das Netzwerk, um sich dort mit Bildern seiner Tat zu brüsten. In einem Artikel schrieb der Spiegel, dass es sich bei 4chan nicht um ein Forum innerhalb des Darknets handelt. Die Polizei habe diese Bezeichnung fälschlicherweise benutzt, so der Spiegel. Die Polizei hat sich dazu bisher noch nicht offiziell geäußert. 

Aus diesen Schlagzeilen kenne ich das Darknet. Aber wie funktioniert das Darknet? Und, ist es gefährlich? Genau diese Fragen stelle ich mir immer wieder. Ich entschließe mich, der Sache auf den Grund zu gehen und wage einen Selbstversuch: Meine ersten zwei Stunden im dunklen Teil des Internets. 

Das bekannteste Netzwerk des Darknet: TOR

Da das Darknet für mich nur ein negativ besetzter, abstrakter Begriff ist, den ich bisher nur aus Zeitungsartikeln kannte, lese ich mich zuerst einmal in die Materie ein. Ich will wissen: Was ist eigentlich das Darknet?

Das Ergebnis zu dieser Frage verwundert mich, denn grundsätzlich dient der Begriff Darknet lediglich als Sammelbegriff für alle Netzwerke, in denen es möglich ist, anonym zu surfen. Der Zugang zum Darknet funktioniert deswegen auch nur über spezielle Netzwerke, wie zum Beispiel Tor. Im Gegenteil zu herkömmlichen Netzwerken verschlüsselt Tor den Datenverkehr. Daher hat er auch seinen Namen: „The Onion Router“, was übersetzt so viel wie „Zwiebel-Router“ heißt. Wer das Netzwerk nutzt, dessen IP-Adresse wird über mehrere Stationen geleitet und somit mehrfach verschlüsselt. Damit kann die IP-Adresse praktisch nicht zurückverfolgt werden

Wer sich auskennt, kann hier also unerkannt im Untergrund agieren - denn die Polizei ist weitestgehend machtlos. Eine perfekte Umgebung für Kriminelle und solche, die illegale Produkte kaufen wollen. Laut den Angaben des Tor-Projektes nutzten durchschnittlich zwei Millionen Menschen täglich die Tor-Software, 10 Prozent davon kommen aus Deutschland.

Jeder Laie kann ins Darknet: Der Zugang

Entgegen meinen eigenen Erwartungen brauchte ich nur wenige Minuten, um ins Darknet zu gelangen. Anleitungen und Youtube-Videos, die erklären, wie der Download des Tor-Netzwerkes gelingt, finden sich einfach und nur wenige Klicks später habe ich es installiert: Die Schnittstelle zwischen normalem Internet und dessen dunkler Seite.

Die Startseite des TOR-Browsers

Als ich Tor öffne, erscheint die Suchmaschine „DuckDuckGo“. Mit ihr kann ich ab sofort anonym surfen und auch Internetseiten finden, die herkömmliche Suchmaschinen nicht anzeigen. Dabei handelt es sich um Seiten, die im sogenannten „Deep Web“ liegen. In gängigen Suchmaschinen sind diese nicht verlinkt und somit nicht auffindbar. 

Die Anonymität gefällt mir erst einmal. Irgendwie fühlt man sich sicher und unsichtbar. 

Illegale Seiten im Darknet: Die Links sind kryptisch

Nun will ich mir ansehen, ob die Gerüchte über Waffen und Drogen im Darknet stimmen. Das ist aber gar nicht so einfach, wie ich in meiner Recherche erfahren habe. Denn, die Adressen im Darknet bestehen alle aus langen Kombinationen von Zahlen und Buchstaben. Alle diese „Hidden-Service-Adressen“ enden auf „onion“ (Zwiebel). Nur wenn man diese speziellen Links kennt, kann man die Seiten finden. Viele Plattformen sind darüberhinaus noch zusätzlich geschützt: Nur wer von einem anderen Nutzer eingeladen wird, kann auf diese Seiten zugreifen. 

Bei meiner Recherche bin ich auf den Link zum Darknet Wiki gestoßen. Dort sollen anscheinend Adressen zu illegalen Seiten aufgelistet sein. Und tatsächlich: Kurze Zeit später habe ich die Seite vor mir.

Das „Hidden-Wiki“ im Darknet

Drogen, Waffen und Pässe: Das Darknet bietet viele illegale Produkte

Das Darknet wimmelt von Waffenhändlern, die ihre illegale Ware durch Bilder anbieten

Es dauert nicht lange, bis ich alles finde, wovon ich zuvor nur gelesen hatte: Jede Menge gefälschter Pässe, verschiedene Waffen und zahlreiche Seiten, auf denen Drogen angeboten werden. Tatsächlich sehen die Seiten ziemlich normal aus. Es scheint simpel, an all diese illegalen Produkte zu kommen. 

Bilder, Beschreibungstexte und daneben Kauf-Buttons, sodass das gewählte Produkt direkt im digitalen Einkaufswagen landet. Die Preise werden vornehmlich in Bitcoins angegeben, einer digitalen Währung, die nicht nur im Darknet verwendet wird. Viele der Seiten funktionieren aber auch nicht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Links oft erneuert werden, denke ich mir. 

Verschiedene berauschende Mittel werden den Nutzern durch Bilder gezeigt

Mir ist mulmig. Ob das jetzt wohl schon illegal ist? Ich frage beim Bundeskriminalamt nach. Sie erklären mir: „Das Herunterladen des Tor-Browser-Bundle aus dem Internet auf den eigenen Computer ist nicht illegal. Egal ob im Clearnet oder im Darknet, strafbar macht man sich erst, wenn man eine Straftat begeht. Dies fängt beispielsweise mit dem illegalen Download von urheberrechtlich geschützter Musik und Filmen an, geht über den Download und/oder Tausch von Kinderpornografie, bis hin zu der Bestellung, Lieferung und Empfang von illegalen Waren.“

Das Darknet ist nicht pauschal gefährlich

Ich kann mich also beruhigt noch ein bisschen mehr im Darknet umsehen. Und es lohnt sich: Ich entdecke immer mehr Seiten, die ganz und gar nichts mit illegalen Aktivitäten zu tun haben. Die Anonymität nutzen auch viele Menschen, die keine kriminellen Absichten verfolgen, aber dennoch ihre persönlichen Daten nicht preisgeben wollen. Das Bundeskriminalamt erklärt mir dazu: „Wie in der realen Welt gibt es berechtigte Gründe, warum eine Information wie zum Beispiel die Identität eines Nutzers nicht publik gemacht werden soll. Hierzu zählen beispielsweise der Schutz der Presse- und Meinungsfreiheit.“ 

Viele Foren und Chats, die durch den Tor-Browser erreichbar sind, dienen somit auch dem Austausch von Informationen. Aber nicht nur Journalisten nutzen das Netzwerk, um ihre Quellen und Informanten zu schützen. In Ländern, in denen die Regierung das Internet weitgehend zensiert, ist es oft die einzige Option, an Informationen zu kommen und sich unerkannt auszutauschen. Das berühmteste Beispiel ist die Opposition im arabischen Frühling, die den Schutz der Verschlüsselung nutzte, um anonym miteinander zu kommunizieren. 

Auch für mich fühlt sich die Anonymität irgendwie gut an. Die Bilder von Waffen und Drogen haben mich zwar erschreckt und mir eine andere, eine dunklere und verborgene Welt des Internets gezeigt, aber zum ersten Mal fühle ich mich auch sicher. Die Anonymität fordert ihren Preis - ist aber in unserer heutigen Zeit auch sehr selten geworden.

Anne Kleinmann 

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