Maßgeschneiderte Botschaften

Datenschützer erklären: So manipulierbar sind wir

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München - Wurden US-Wähler vor dem Wahlkampf manipuliert? Welche Rolle spielten maßgeschneiderte Botschaften? Die tz sprach mit Datenschützern darüber, wie manipulierbar wir sind.

Welchen Einfluss hatte die gezielte Ansprache von einzelnen Bürgern mit gezielt auf sie zugeschnittenen Botschaften auf den Wahlsieg von Donald Trump? Im Magazin des Schweizer Tagesanzeiger hatte Alexander Nix von der Datenfirma Cambridge Analytics behauptet, von jedem US-Amerikaner ein genaues Profil zu besitzen. Anhand von Facebook-Likes habe er die Grundlage für maßgeschneiderte Nachrichten des Trump-Wahlkampfteams geschaffen. Die tz sprach mit Datenschützern darüber, wie manipulierbar wir sind.

Ist an den Behauptungen von Cambridge-Analytics-Chef Alexander Nix was dran oder ist es Aufschneiderei?

Rena Tangens.

Rena Tangens, Vorstand des Vereins Digitalcourage: Natürlich ist es zunächst mal willkommenes Marketing für die betreffende Firma. Trotzdem ist technisch längst eine Menge möglich. Tatsächlich reichen schon kleine Datenansammlungen aus verschiedenen Quellen dafür, erstaunliche Ergebnisse zu erzielen. In einem Land mit 300 Millionen Menschen reichen schon die Merkmale Postleitzahl, Geschlecht und Geburtsdatum, um 87 Prozent der Bevölkerung konkret zu identifizieren. Das ist den meisten Nutzern nicht klar, wenn sie ihr Geburtsdatum im Netz angeben. Bei Facebook geben die Menschen weitaus persönlichere und intimere Details fröhlich preis.

Was ist eigentlich so schlimm an dieser Methode?

Tangens: Jedem Einzelnen wird das erzählt, was er gerne hören möchte. Früher musste sich eine Partei in einem Wahlkampf klar positionieren, heute kann sie Hunderte unterschiedliche Botschaften mit teils gegenteiligem Inhalt an unterschiedliche Zielgruppen schicken. Am Ende wird dann aber gemacht, was die Leute, die auf diese Weise die Macht errungen haben, wirklich vorhaben. Die Folge ist ein große Frustration und eine Unzufriedenheit mit der Politik insgesamt – dem müssen wir bewusst entgegensteuern.

Zusätzlich sind in den USA persönliche Daten recht frei zugänglich…

Tangens: Absolut. Parteispenden etwa sind einsehbar, so kann man, bevor man ein Haus kauft, direkt sehen, wie die neuen Nachbarn so drauf sind. Da entwickelt sich längst neben der Filterblase im Netz auch eine im echten Leben.

Wie ist die Situation dahingehend in Deutschland?

Tangens: Zum Glück sind bei uns Daten nicht frei verfügbar. Allerdings tut sich der Branchenverband Bitkom derzeit damit hervor, die wichtigsten Prinzipien des Datenschutzes in Deutschland zu kippen – die Datensparsamkeit und die Zweckbindung. Diese Prinzipien stehen der Logik der Datenkraken natürlich entgegen. Wir dürfen diese Grundrechte nicht den Profitinteressen einzelner Unternehmen opfern.

Im Moment arbeitet die Regierung an einer Reform des Datenschutzrechts …

Friedemann Ebelt.

Friedemann Ebelt, Datenschützer Digitalcourage: Im April hat die EU eine Datenschutzgrundverordnung erlassen, die im Mai 2018 in Kraft tritt. Jetzt müssen die Mitgliedsstaaten ihre eigenen Datenschutzgesetze an das neue EU-Recht anpassen. Das Innenministerium hat einen Entwurf für ein neues Datenschutzgesetz vorgelegt in dem das Datenschutzniveau – entgegen der Absichten der EU – abgesenkt würde.

Was ist geplant?

Ebelt: Die Zweckbindung soll aufgeweicht werden. Bisher stimmt man der Verarbeitung der eigenen Daten zu einem bestimmten Zweck zu. Künftig soll der Zweck nachträglich geändert werden können, wenn es im berechtigten Interesse des datenverarbeitenden Unternehmens liegt. Damit verliere ich die komplette Hoheit über meine Daten! Und es ist eine Hintertür, die Manipulationen in Wahlkämpfen ermöglichen würde.

Tangens: Daten, die wir einmal aus der Hand gegeben haben, können wir nie mehr zurückholen.

In welchen Bereichen wird dieses Profiling noch angewendet?

Ebelt: Ein ganz heikler Bereich ist das Kreditscoring. Da geht es um die Bewertung der Kaufkraft und die Frage, ob man ein Produkt zu diesen oder jenen Konditionen bekommt – oder ob es einem gleich gar nicht angezeigt wird. Ein ganz heißes Thema, das auf uns zukommt, sind personalisierte Preise.

Was ist das Ziel dieser Datensammelaktionen?

Ebelt: Es geht darum, Menschen zu analysieren und zu identifizieren, um ihr Verhalten nicht nur nachvollziehbar sondern auch vorhersehbar zu machen. Die datengetriebene Industrie lebt davon, in die Privatsphäre ihrer Kunden einzudringen. Ein solche „Stalking-Wirtschaft“ ist das Gegenteil von dem, was wir uns eigentlich von Technologie erhoffen.

tz-Stichwort: Cambridge Analytics

Ein Vortrag über die Macht von Big Data und der Psychografie im Wahlkampf hat hohe Wellen geschlagen. Alexander Nix, smarter Chef von Cambridge Analytics war der Mann, der Donald Trumps Digital-Kampagne in der Endphase leitete. „Wir haben Psychogramme von allen erwachsenen US Bürgern – 220 Millionen Menschen“, behauptet Nix. Auf Grundlage dieser Daten werden Wahlkampfbotschaften maßgeschneidert: Am Tag der dritten TV-Debatte versandte Trumps Team 175.000 verschiedene Variationen seiner Argumente, vor allem via Facebook. „Ein Werbeplakat mit der gleichen Nachricht für alle“, hält der Datenmagier für die Zukunft nicht vorstellbar.

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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