Der Denker mit dem Jagdspeer

- Der Mensch galt noch als Abbild Gottes. Doch Charles Darwin arbeitete bereits daran, ihn mit seiner "Entstehung der Arten" vom Thron der Schöpfung zu stoßen. Da zogen Arbeiter im August 1856 in einem Kalksteinbruch im Neandertal in der Nähe von Düsseldorf dunkelbraune Knochen aus dem Lehm. Unbeachtet warfen sie diese zum Gesteinsschutt.

Doch der Besitzer des Steinbruchs sah mehr in ihnen und bewahrte die fossilen Fundstücke auf. Die Bedeutung ahnte indes auch er nicht: Der Jahrhundertfund des so genannten Neandertalers sollte die Vorstellung von der Geschichte des Menschen umkrempeln.

"Aus dem Geschlecht der Flachköpfe"

In der Wissenschaft machte der Fund bald Furore. Die erste Theorie vom Höhlenbären war schnell verworfen. "Dem Geschlecht der Flachköpfe, die noch heute im amerikanischen Westen wohnen", sei der mysteriöse Knochenfund zuzurechnen, berichtete am 4. September 1856 das "Barmer Bürgerblatt". Der Elberfelder Schullehrer Johann Carl Fuhlgott wagte eine andere Theorie: Er sah in dem flachen Schädeldach mit den Knochenwülsten über den Augenhöhlen die Überreste eines urtümlichen Menschen.

Die Welt der Wissenschaft reagierte entrüstet. Fuhlgott fand wenig Verbündete. Für viele war die Menschheit damals nicht älter als 6000 Jahre, wie die Kirche es vorgab. Der vermeintliche Urmensch sei nichts anderes als ein Rachitis-Kranker mit krummen Beinen, urteilte schließlich der renommierte Berliner Pathologe Rudolf Virchow. Bis zu seinem Tod 1902 blieb er starrköpfig bei seiner Deutung.

Die Wissenschaft allerdings bewegte sich weiter. Sie schuf schließlich das Bild des Neandertalers als eines äffischen, keulenschwingenden Steinzeit-Tölpels.

150 Jahre nach der Entdeckung des Homo neanderthalensis hat die Forschung eine höhere Meinung von dem weltweit populärsten Urmenschen. "Sie waren hochintelligente, flexible Menschen", sagt der Tübinger Ur- und Frühgeschichtler Ralf Schmitz. Das Gehirn des Steinzeit-Jägers war sogar größer als das von Homo sapiens. Fest steht zudem: Die Neandertaler, die etwa vor 230 000 Jahren in Europa auftauchten, waren Nomaden, bauten Zelte und Hütten, hatten eine Sprache und schnitzten wirksame Waffen.

Selbst kompliziert herzustellendes Pech aus Birkenrinde kannten sie und klebten damit Steinspitzen an Speere. In den arktischen Steppen und Tundren verfolgten sie Mammuts und Moschusochsen, Wollnashörner und Höhlenbären. "Die Knochenanalyse zeigte, dass sich die Neandertaler fast ausschließlich von Fleisch ernährten", sagt Schmitz.

Aus den fossilen Resten schlossen die Forscher auch, dass die Urmenschen Verletzte pflegten. Verheilte schwere Knochenbrüche sind nicht selten. Auch Neandertaler mit Behinderungen wurden gefunden. Ohne Hilfe hätten sie nicht überlebt. Vielleicht war dem Neandertaler sogar eine gewisse Spiritualität nicht fremd. Forscher haben Familiengräber gefunden: Bei der Bestattung orientierten sich die Neandertaler offenbar am dem Lauf der Sonne. In allen bisher gefundenen Gräbern lagen die Toten in Ost-West-Richtung ausgestreckt.

Auch die jüngste Forschung weiß Neues zu berichten. 1997 gelang die teilweise Entzifferung des Erbguts aus dem Fund von 1856. Beinahe gleichzeitig gingen die Archäologen Jürgen Thissen und Ralf W. Schmitz im Neandertal erneut auf Spurensuche - und wurden fündig. Sie entdeckten den alten Fundplatz neu und bargen weitere Fragmente des historischen Skeletts.

Gene sollen Rätsel um Urmenschen lösen

Die Untersuchung der Gene zeigte: Die muskulösen stemmigen Steinzeitler waren keine direkten Urahnen des heutigen Menschen, sondern eher Vettern. Ihr gemeinsamer Vorfahr war Homo erectus vor einer halben Million Jahren.

Andere Rätsel um den Urmenschen sind dagegen noch ungelöst. Zum Beispiel das von seinem Verschwinden. Vor etwa 27 000 Jahren lebten die Letzten der legendären Urmenschen. Warum sie ausstarben, weiß keiner. Fest steht, dass etwa 10 000 Jahre zuvor der Urahn des modernen Menschen aus Afrika einwanderte. Hat er den Neandertaler ausgerottet? Oder brachte seine Klugheit ihm den Sieg? Bei den extremen Klimaschwankungen der damaligen Zeit hätte ihm das den entscheidenden Überlebensvorteil bringen können.

Vielleicht werden bald die Gene das Geheimnis preisgeben. In Leipzig startete jüngst das "Neandertaler-Genom-Projekt" des Genetikers Svante Pääbo. Die Wissenschaft wartet gespannt.

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