Der "deodorierte" Mensch

- Der Schweiß läuft. Er rinnt übers Gesicht und den Rücken. Schweißflecken auf Hemd und Bluse künden vom Kampf des Körpers, der einem rasch peinlich wird. Warum nimmt man ihn nicht als günstiges Lebenszeichen? Im Schweiße des Angesichts war früher ein geflügeltes Wort, in dem Stolz auf (körperlich) Geleistetes mitschwang.

Die deodorierte Gesellschaft von heute hat die Natur nicht nur von ihren Arbeitsplätzen verbannt, sondern auch aus ihren Achselhöhlen. Fast eine halbe Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für Geruchshemmer aus. Dennoch setzt die Werbung immer wieder auf stark schwitzende Leiber -etwa wenn sich ein muskelbepackter Schönling im schweißnassen T-Shirt bei einer Autopanne mitten in der Wüste nichts sehnlicher wünscht als eine Cola. Dass der nassgeschwitzte Adonis nach Schweiß riecht, wird gerne verdrängt.

Doch warum schwitzt man eigentlich: Als gleichwarme Lebewesen regeln Menschen so die Innentemperatur, ohne dass sie sich wie beispielsweise Schweine zum Abkühlen in Schlamm-und Wasserbädern suhlen müssen. Stoffwechsel und Muskelarbeit erzeugen ständig Wärme, die über die Atemluft, vor allem aber über die Haut abgegeben werden müssen. Denn die Körpermaschine verschleudert in grotesker Weise Energie: Für jede in Muskelkraft umgesetzte Kalorie gehen drei Kalorien an Abwärme verloren. Ab etwa 29 Grad Lufttemperatur muss jeder Körper transpirieren.

Wenn auf der Haut Schweiß verdampft, entzieht das dem Körper Wärme, und zwar effektiv: Um einen Liter Wasser zu verdampfen, sind 2400 Kilojoule Wärme nötig. Jeden Tag, auch nachts, verdunstet der Mensch mindestens einen halben Liter Schweiß -bei extremer Hitze sogar bis zu einem Liter pro Stunde. Und Sportler, die sich bei Hitze plagen, oder Hochofenarbeiter bis zu vier Liter. Selbst Schwimmer schwitzen -allerdings nur, wenn sie sich sehr anstrengen, denn das Wasser führt Körperwärme sehr viel besser ab als gut isolierende Luft.

Mit der Pubertät kommt der Geruch

Millionen von Schweißdrüsen regulieren die Körper-Klimaanlage. Stirn, Handteller, Achseln und Fußsohlen sind besonders dicht davon durchsetzt. Hier finden sich bis zu 400 Drüsen je Quadratzentimeter, sieben Mal so viele wie in der Haut von Gesäß oder Rücken. Der größte Teil des Schweißes bildet sich in den kleinen Knäueldrüsen der Unterhaut; alleine davon besitzt ein Mensch zwei bis drei Millionen. Über einen Gang enden die Drüsen in einer Hautpore, wo sich beim Schwitzen sichtbare Tröpfchen bilden.

Die klare Kühlflüssigkeit besteht zu 99 Prozent aus Wasser, enthält aber auch Kochsalz, Harnsäure, Ammoniak und Harnstoff. Die großen Knäueldrüsen oder Duftdrüsen bildet der Körper erst in der Pubertät aus. Ihr Sekret enthält neben Wasser auch Eiweiße, Fette und Aminosäuren. Entleeren sich die Duftdrüsen, dient das weniger der Hitzeabfuhr, sondern dem Ausdruck von Gefühlen wie Wut und Schmerz, Angst und sexueller Lust. Auch deshalb riecht zersetzter Angstschweiß anders als bloße Kühlflüssigkeit.

Eine verbreitete Mär ist, dass Schweiß stinkt. Übel riecht nur das, was Hautbakterien übrig lassen, wenn sie den aus Duftdrüsen abgesonderten Schweiß abbauen. Wie ihre Abbauprodukte müffeln, hängt von der Schweiß-Komposition und der Bakterienart ab. Mikrokokken besiedeln in großer Zahl die Haut und hinterlassen beim Futtern von Schweiß einen säuerlichen Geruch, wie er eher für Frauen kennzeichnend ist.

Stechend riecht vor allem abgebauter Männer-Schweiß, denn ihn zersetzen Bakterien vom Typ der Diphteroiden. Sie mögen die Fettanteile im Schweiß und besiedeln Männerhaut in größerer Zahl als die von Frauen. Schweiß aus Duftdrüsen enthält obendrein Pheromone, also sexuell motivierte Lockstoffe. Sie signalisieren zum Beispiel einer Frau, ob ein Mann über ein Immunsystem verfügt, das von ihrem eigenen ausreichend stark abweicht, um besonders widerstandsfähige Nachkommen zu zeugen. Aber auch Männerschweiß verlockt, weil er Androstenol und dessen Abbauprodukt Androstenon enthält.

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