Diagnose Liebeskummer

- "Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling", trällerte 1964 die schwedische Schlägersängerin Siw Malmkvist und schaffte mit dem Song über Nacht den großen Durchbruch. Doch mit der Realität hat der fröhliche Schlager wenig gemeinsam. Liebeskummer macht regelrecht krank. Viele leiden unter Schlaf- und Appetitlosigkeit. Manche futtern sich auch "Kummerspeck" an. Der Kummer kann so schwer auf der Seele lasten, dass die/der "Liebeskranke" sich zu nichts mehr aufraffen kann und in Depressionen fällt.

Liebesschmerz wird rasch zur existenziellen Krise. "Das Herz bricht vor Trauer und Schmerz", stellt Professor Dr. Gereon Heuft von der Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Münster nüchtern fest. Auch die Münchner Frauenärztin Dr. Birgit Delisle findet Liebeskummer keineswegs lustig. 2004 gründete sie in Schwabing eine kostenlose Ambulanz für Jugendliche mit Liebeskummer. Das Projekt ist bundesweit bisher einzigartig -die gezielte Behandlung von Liebeskummer gehört zu den weißen Flecken auf der therapeutischen Landkarte.

Der Stuttgarter Psychotherapeut und Diplom-Psychologe Dietmar Luchmann sieht indes bundesweit dringenden Handlungsbedarf: Unerwiderte Liebe oder der Verlust des Partners seien die häufigste Ursache für Selbstmord. Dies gelte vor allem für Jugendliche, aber auch Erwachsene seien gefährdet. Psychologen wie Luchmann sprechen von vier Phasen der Trauer, sobald die Trennung vollzogen ist.

Zunächst durchlebt der Verlassene eine Zeit des Nicht-Wahrhaben- Wollens. Danach beginnt die unangenehmste Etappe auf dem Weg zu neuem Glück: Trauer, Verzweiflung, Wut, Depression brechen über den Leidenden herein -und das Gefühl der Hilflosigkeit. Luchmann: "Die Tränen, die hier fließen, sind keine Tränen der Trauer, sondern eine Stressreaktion, die die unerträgliche innere Spannung reduziert."

Wenn diese Phase ausgestanden sei, beginne die Verarbeitung, sagt Luchmann. So suche der Liebeskranke bald das Gespräch mit Freunden und stürze sich vielleicht in sexuelle Abenteuer, ohne jedoch schon für eine neue Partnerschaft bereit zu sein. Erst in der letzten, der Akzeptanz-Phase werde die endgültige Loslösung vollzogen, in der die vielschichtigen Ursachen für das Scheitern der Beziehung zur Kenntnis genommen werden.

"Das alles braucht Zeit", betont der Psychologe. Frauen, die unter Liebeskummer leiden, greifen im Gegensatz zu Männern eher zu Medikamenten oder sie plündern den Kühlschrank. Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher hat herausgefunden, dass die Symptomatik von Liebeskummer vor allem bei Frauen an eine schwere Depression erinnert. Unfähig, den Alltag zu bewältigen, klammern sie sich in dieser Phase an Antidepressiva.

Zu den beliebtesten Mitteln gehörten Medikamente, die den Serotonin-Spiegel im Gehirn erhöhen. Serotonin erhöhende Medikamente seien heute allein in den USA eine Zwölf-Milliarden-Dollar-Industrie. Bei akutem Liebeskummer versiegt nicht nur die Produktion von Serotonin, sondern auch die Blutkonzentrationen anderer Glückshormone wie Dopamin und Phenylethylamin (PEA) sacken in den Keller, betont der französische Arzt Dr. Michel Odent.

Liebes-kummer ist folgerichtig als Entzugssyndrom zu interpretieren, beteuert er. Dies sei keine Spekulation, sondern biete die Möglichkeit einer zielgerichteten Behandlung mit Medikamenten, die den Spiegel der entsprechenden Hormone und Neurotransmitter wieder ins Lot bringen.

Entzugssyndrome sind aber nur die eine Seite des akuten Liebeskummers. Während die Körperchemie sich bei der Produktion von Glückshormonen quasi im Streik befindet, werden Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol nunmehr im Überschuss ge-bildet. Die Folge: Die Betroffenen reagieren aggressiv und gereizt. Ziehen sich derartige Stresszustände über viele Wochen und Monate hin, ohne dass sich der Organismus abreagieren kann, schaukeln sich die Symptome immer weiter auf, warnt die Ärztin Dr. Martha Ritzmann-Widderich aus Rottweil.

Dieses zweite Gesicht des Liebeskummers tritt vor allem bei Männern auf. Während Frauen mehrheitlich eine Depression durchleben, zeigt das starke Geschlecht einen Hang zur Aggressivität. "Besonders beliebt ist das Stalking", sagt der Darmstädter Kriminalpsychologe Jens Hoffmann. Hierbei werde das Obekt der Begierde in allen erdenklichen Situationen abgefangen, bedrängt oder per Telefon terrorisiert.

Unter einem Überschuss an Stresshormonen litt auch Otto von Bismarck einmal: Als ihm während seiner Göttinger Studienzeit seine Angebetete die kalte Schulter zeigte, warf ihr der spätere Reichskanzler die Fensterscheiben ein, nachdem er sich zuvor mit diversen Bierchen getröstet hatte. Auch heute noch greifen Männer viel seltener als Frauen zu Medikamenten, sondern betäuben ihren Schmerz lieber mit Alkohol.

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