"Die Raumfahrt lebt von der Vision des Morgen"

- Der Physiker Ulrich Walter (49) war zusammen mit Hans Schlegel als letzter deutscher Wissenschaftsastronaut mit der Raumfähre Columbia im All. Die damalige Mission D2 jährt sich im April zum zehnten Mal. Wir sprachen mit dem Ex-Astronauten, der im kommenden Sommersemester die Professur für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München übernimmt, über die Katastrophe und die Zukunft der Raumfahrt.

Ihre Columbia-Mission jährt sich heuer zum zehnten Mal. Werden Sie zur Feier des Tages eine Flasche Sekt köpfen oder das Ganze auf nachdenkliche Weise Revue passieren lassen?<BR><BR>Walter: Ich werde wohl meine damaligen Shuttle-Kollegen anrufen, die mir angeboten haben, in die Staaten zu kommen, um dort das zehnjährige Jubiläum gemeinsam zu begehen. Für einen Flug nach Amerika wäre mir aber der Aufwand doch ein bisschen zu groß. Ob und wie ich in Deutschland feiern werde, weiß ich noch nicht, aber mindestens mit einer Flasche Champagner in meinem neuen Institut.<BR><BR>Über Raumfahrt, ob unbemannt oder bemannt, wird öffentlich ausführlich nur noch berichtet, wenn sich Probleme wie der Ariane-V-Fehlstart oder jetzt die Columbia-Katastrophe ereignen. Ärgert Sie das?<BR><BR>Walter: Das ist eine typisch menschliche Grundhaltung. Schauen wir doch mal zurück auf Apollo. Als mit der Apollo 11-Mission der erste Mensch auf dem Mond landete, war das weltweite Interesse riesengroß. Aber schon bei der zweiten Mission zum Mond, bei Apollo 12, war das Interesse der Menschen schon weit gesunken. Bei der Apollo 13-Mission hat kaum einer mehr zugeschaut. Erst als das legendäre Problem auftrat, hörte die Weltöffentlichkeit wieder hin. So sind die Menschen. Die vor Columbia stattgefundenen 112 Shuttle-Flüge haben ihnen eine gewisse Normalität vorgegaukelt. Und nun sehen die Leute wieder hin. Es ist ein wenig der Blick des Voyeurs, der sich sagt: Gut, dass ich nicht dabei war; das hätte auch mir passieren können.<BR><BR>Die NASA betont immer wieder, dass die Columbia nicht altersschwach gewesen sei.<BR><BR>Walter: Die Columbia war nicht nur jung, sie war vielmehr weit davon entfernt, wirklich alt zu sein. Von den ausgelegten 100 Missionen hat sie gerade mal 28 absolvieren können. Das vermeintlich hohe Alter der Raumfähre kann daher kaum die Absturzursache gewesen sein. Die kommt bestimmt aus ganz anderen Ecke.<BR><BR>Auf dem kürzlich veröffentlichten Bild, das mit einem Teleskop der US-Luftwaffe aufgenommen wurde, ist der Umriss der Columbia nur schemenhaft zu erkennen. Das Foto zeigt sie in 80 Kilometer Höhe ungefähr eine Minute vor dem Zerbrechen. Angeblich sind hier Anomalien im Bereich der linken Tragfläche zu erkennen. Halten Sie das vorliegende Bild für aussagekräftig?<BR><BR>Walter: Ja, das ist es. Ich habe das Bild selbst genau analysiert. Da es ziemlich grobkörnig war, habe ich es so umgewandelt, dass man das Bild auf jener pixelfreien Art sieht, wie es sich im Fernrohr präsentierte. Schaut man sich dies genauer an, fallen zwei Dinge auf. Zum einen steht an der Vorderkante des linken Flügels scheinbar etwas heraus. Zum anderen und dies ist für mich ungleich wichtiger, erkennt man auf der Hinterseite des linken Flügels einen Schatten. Wenn man diesen mit dem anderen Flügel vergleicht, dann sieht es so aus, dass hier wirklich etwas vom linken Flügel abgeht: nicht unbedingt Rauch, dafür aber irgendwie ein Schwall, der eine Fahne hinterlässt.<BR><BR>Angenommen der linke Flügel war beschädigt. Was könnte dies bewirkt haben? <BR><BR>Walter: Von den Theorien, die umhergeistern, kann man keine gänzlich ausschließen, obwohl die Theorie des abgefallenen Schaumstoffs vom externen Tank gegenwärtig die überzeugendste ist. Unwahrscheinlicher ist zum Beispiel die vom Weltraummüll. Schäden von bis zu mehreren Faustgrößen können dem Shuttle beim Wiedereintreten in die Atmosphäre nichts anhaben. Deswegen glaube ich nicht, dass Weltraummüll schuld am Unglück war, auch wenn man es nicht ganz ausschließen kann.<BR><BR>Wie geht es denn jetzt weiter mit der Raumstation ISS?<BR><BR>Walter: Die Internationale Raumstation kann zur Not ohne Shuttle existieren. Wichtig ist, dass die regelmäßigen Progress-Versorgungsschiffe der Russen die ISS im Orbit halten und anheben können. Auf diese Weise kann man die Raumstation zumindest auf dem niedrigsten Level halten. Ein Nachteil ist natürlich, dass man keine wissenschaftlichen Experimente mehr zur ISS und zurück bringen kann. Doch werden in diesem Jahr noch mindestens zwei bemannte Sojus-Flüge zur Raumstation fliegen und damit auch die Crews wechseln.<BR><BR>Der nächste große Schritt sollte eine bemannte Mars-Mission sein. Braucht die Raumfahrt denn noch diese Vision?<BR><BR>Walter: Definitiv ja. Sicherlich, man muss immer abklopfen, ob ein Unternehmen wie der Flug zum Mars realisierbar und realistisch ist. Doch die Raumfahrt lebt von der Vision des Morgen und nicht von der Erinnerung an die Vergangenheit.<BR><BR><BR> 

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