"Die Todesgrippe kommt"

- München - Bis das gefürchtete Grippevirus ausbricht, bis es weltweit Millionen von Menschen dahinrafft: Für Professor Bernhard Ruf ist das nur eine Frage der Zeit. "Es geht nicht mehr um das ,Ob, sondern um das ,Wann", sagt der Experte für Innere Medizin und Infektiologie. "Die Gefahr war noch nie so groß wie jetzt." Das gilt auch für Deutschland.

Doch zum ersten Mal in der Geschichte der Grippe-Pandemie, einem Kontinente übergreifenden Ausbruch der Krankheit, hat die Menschheit eine reelle Chance, sich auf den Ernstfall - den medizinischen Super-Gau - vorzubereiten: Vor kurzem erst rekonstruierten US-Forscher das Virus der Spanischen Grippe - jenes Virus, das 1918 rund 50 Millionen Menschen weltweit das Leben kostete. Die Wissenschaftler machten dabei eine verblüffende Entdeckung:

Der medizinische Super-Gau

Das Virus H1N1 stammt von der Vogelgrippe ab. Inwieweit die Mutation von H1N1 im 19. Jahrhundert Rückschlüsse auf eine mögliche Mutation von H5N1, dem heutigen Vogelgrippe-Virus, zulässt, wird erforscht. "Anhand molekularbiologischer Untersuchungen lässt sich heraus finden, welche auffälligen genetischen Muster es zwischen dem Spanischen-Grippe-Virus und der Vogelgrippe gibt", erklärt Susanne Glasmacher, Biologin am Robert-Koch-Institut (RKI).

Seinerzeit hatte das Spanische-Grippe-Virus die Fähigkeit entwickelt, Menschen zu befallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass H5N1 diese Mutation ebenso gelingt, steigt von Tag zu Tag. Zumal sich das Virus bereits seit 1997 genetisch verändert: Zunächst befiel es Wasservögel, dann folgten Hühner, später Zugvögel. "Es hat sich fest etabliert in der Tierpopulation", sagt Professor Ruf. "Und es verändert sich immer weiter." Jetzt müsse es nur noch einen Schritt tun - es fehle nicht mehr viel -, dann habe es sich dem Menschen angepasst. "Wenn es soweit ist, geht es ratzfatz."

Auch RKI-Biologin Glasmacher hält einen baldigen Ausbruch für wahrscheinlich: "Statistisch betrachtet wäre eine Pandemie jetzt dran"; im Schnitt gebe es drei pro Jahrhundert - wie 1918 (Spanische Grippe), 1957 (Asiatische Grippe) und 1968 (Hongkong-Grippe). Der Zeitpunkt rücke damit näher. Wann genau das Vogelgrippe-Virus den Menschen befällt, könne aber niemand vorhersagen. Inzwischen sei es jedoch zu weit fortgeschritten, als dass es verschwinde. Ausgehend von Asien kämpft es sich nun immer mehr den Weg Richtung Europa frei. "Je besser die Geflügelpest bekämpft wird, desto besser ist die Bevölkerung geschützt", erklärt Glasmacher.

Forscher aller Kontinente arbeiten mittlerweile unter enormem Zeitdruck an Impfstoffen gegen H5N1. Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit hat nun einen Impfstoff entwickelt, der allerdings noch viele Tests durchlaufen müsse, bevor er in Produktion gehe, sagt eine Sprecherin: "Wir sind noch nicht soweit."

Was heißt das für Menschen? "Wir müssen uns vorbereiten", sagt RKI-Biologin Glasmacher. "Wir müssen anti-virale Substanzen gegen Influenza-Viren einlagern", erklärt Professor Ruf. Wirkungslos gegen das Grippevirus, aber dennoch empfehlenswert sind die klassischen humanen Grippe-Impfungen - immerhin sterben allein in Deutschland rund 15 000 Menschen jährlich infolge von Influenza. Zudem lasse sich auch nicht ausschließen, dass Influenza-Viren in Verbindung mit Vogelgrippe-Viren - sobald diese entsprechend mutiert sind - ein neues Virus im menschlichen Körper hervorrufen könnten, sagt Professor Ruf. "Auch deshalb rate ich dringend, sich impfen zu lassen."

Gegen das mutierte Vogelgrippe-Virus können aber Forscher erst einen Impfstoff entwickeln, sobald die Pandemie ausgebrochen ist. Sollte H5N1 am ersten Tag nach dem Ausbruch vollständig erkannt werden, dauert es nach Angaben von Professor Ruf rund drei Monate, bis ein Impfstoff entwickelt ist. Dann muss dieser schnellstmöglich an Krankenhäuser verteilt werden - "pro Woche werden während der ersten Welle 40 000 bis 80 000 Menschen eingewiesen, wobei der durchschnittliche stationäre Aufenthalt zehn Tagen beträgt". Derzeit sei das System Deutschland für diesen Ernstfall nicht vorbereitet. Allein die anti-virale Substanz, die gegen Influenza-Viren wirkt, würde bei heutigem Stand kaum ausreichen - "gemessen an der Bevölkerungszahl sollte die Abdeckung bei 20 Prozent liegen, erreicht sind nur knapp zehn", sagt Professor Ruf.

Deutschland ist nicht vorbereitet

Und Nachschub, heißt es, gebe es nicht: Die Reserven seien aufgebraucht.

"Die Patientenversorgung", fürchtet Professor Ruf, "wird das wirtschaftliche Leben zusammenbrechen lassen". Ein Pandemie-Plan für Deutschland sei zwar vorhanden, "doch er wurde nie im Ernstfall geprüft". Dennoch, trotz des Szenarios, das ihm realistisch erscheint, sieht der Experte für Infektiologie in der Entdeckung des Spanische-Grippe-Virus eine Möglichkeit, die bedrohliche Situation vielleicht dann doch weniger bedrohlich zu gestalten: "Wir haben jetzt die einmalige Chance, die Vorphase zu beäugen", sagt er. "Wir haben die Chance, Jahre vor Ausbruch der Pandemie die Entwicklung zu beobachten." Das, findet er, sollten Forscher im Sinne der Menschheit nutzen.

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