Auf die Dosis kommt es an

- Unendliches vermag die Sonne über die Erde und über die Gemüter." Wie der Dichter Jeremias Gotthelf preisen seit alters her die Menschen die Macht des strahlenden Gestirns. Sein Licht nährt nicht nur alles Leben, es erhellt die Seele, stärkt den Körper. Selbst Krankheiten wie Akne und Schuppenflechte werden durch ihre Strahlen gelindert. Der Däne Niels Ryberg Finsen therapierte sogar Hauttuberkulose mit Sonnenstrahlen. 1903 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Bei allem Ferienspaß - Vor allem Kinder brauchen einen Sonnenschutz mit hohem Faktor. Hautkrebs von der Lebensspenderin

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Mit der Zunahme der Hautkrebs-Fälle weltweit ist die Lebensspenderin in Verruf geraten. Mediziner warnen vor der tödlichen Wirkung zu intensiver Sonnenbäder.Doch wie viel Sonne braucht der Mensch? Fest steht, dass ein Mangel an Sonnenlicht dem Menschen schaden kann. Die trübe Stimmung, die viele Menschen im Winter überfällt, kann Symptom einer Krankheit sein: Lichtmangel ist die Ursache der so genannten Winterdepression. Schuld am Trübsinn ist vermutlich vor allem das Schlafhormon Melatonin, das der Körper im Dunkeln produziert. Steigt der Melatonin-Spiegel, zirkuliert weniger vom "Glückshormon" Serotonin im Körper. Man wird träge und energielos. Um gesund zu bleiben, brauchen auch Knochen, Herz, Immunsystem Sonnenlicht. "Die Hautärzte haben die Sonne dämonisiert", meint der Bostoner Endokrinologe Michael Holick. Der Autor des neuen Buches "Schützendes Sonnenlicht" (Haug-Verlag) will die Menschen aus ihren Büros und Häusern wieder in die Sonne holen.

Die wohltuende Wirkung der Sonne beruht laut Holick vor allem auf dem hohen Vitamin-D-Spiegel. Vitamin D ist die Vorstufe (Provitamin) für eine Reihe von Hormonen, die den Kalziumhaushalt wesentlich mitbestimmen. Der menschliche Körper kann das Provitamin zwar selbst aus Cholesterin herstellen, dazu aber braucht er Helios' Hilfe. Nur zehn Prozent des Vitamin-Bedarfs kann unser Organismus ohne Sonne produzieren. In nördlichen Breiten vermutet Holick deshalb sogar eine Vitamin-D-Mangel-Epidemie. Vitamin D schützt die Knochen vor Osteoporose, senkt den Bluthochdruck und schützt, wie Bonner Forscher herausgefunden haben, möglicherweise vor Herzschwäche. Guter Schutz ist oberste Pflicht

Auch gibt es nach Angaben von Holick Hinweise, dass Menschen mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel häufiger an Krebs erkranken. Nach zwei Studien, die heuer im Fachmagazin der nationalen Krebsinstitute der USA veröffentlicht wurden, verläuft der Schwarze Hautkrebs bei Sonnenanbetern sogar seltener tödlich. Außerdem senkt Sonnenbestrahlung das Risiko, an Lymphomen zu erkranken. Auch für Prostata-, Darm- und Brustkrebs soll es eine Schutzwirkung geben.Von manchen Kollegen erntet der Bostoner Mediziner herbe Kritik für seine Mangel-Berechnungen. "Höchstens alte Menschen, die überhaupt nicht mehr an die Sonne kommen, leiden an Vitamin-D-Mangel", meint der Münchner Dermatologe Professor Matthias Volkenandt. Dreimal pro Woche Hände und Unterarme 15 Minuten lang der Sonne auszusetzen - das sei genug, erklärt er.Als Freibrief für maßlose Sonnenanbeter taugen die neuen Forschungen also nicht. Im Gegenteil: Die Hautkrebszahlen mahnen zum Maß. Die Zahlen aller Hautkrebsformen sind sprunghaft gestiegen. Seit 1970 verdoppeln sich die Fälle von weißem Hautkrebs alle 15 Jahre. Beim schwarzen Hautkrebs (malignen Melanom) sogar alle zehn Jahre. Heute erkrankt statistisch einer von hundert Menschen irgendwann an einem bösartigen Hauttumor. Die weißen Hautkrebse - so genannt, weil sie kein Melanin (dunkler Hautfarbstoff) einlagern- können, rechtzeitig erkannt, gut behandelt werden. Das Melanom ist gefährlicher, weil es auch Metastasen streut. Hautärzte werden daher nicht müde, Sonnenanbeter vom Brutzeln abzubringen. Gefährlich ist die energiereiche ultraviolette Strahlung des Sonnenlichts. Der energiereichste Teil, die UVC-Strahlung, wird von der Ozonschicht absorbiert. Die UVB- und A-Strahlen aber erreichen die Erde, die dünner gewordene Ozonschicht lässt davon mehr als früher durch. UVB durchdringt die ungeschützte oberste Haut und zerstört das Erbgut der Zellen.Uneins sind sich Experten noch, welche Rolle die energieärmeren UVA-Strahlen, die tiefer in die Haut eindringen, bei der Krebsentstehung spielen. Sicher ist nur: Sie sorgen dafür, dass die Haut im Alter zu mehr Runzeln neigt. Die meisten DNA-Schäden kann der Körper selbst reparieren. Doch jeder Sonnenbrand, selbst jedes Sonnenbad, hinterlässt Zerstörungen. Sie können sich zu Tumoren entwickeln - noch Jahrzehnte später. Guter Schutz ist also oberste Pflicht, um die Sonne zu genießen. Natürlich in Maßen. Das wusste schon der Arzt und Naturforscher Paracelsus: "Allein die Dosis macht, dass ein Ding' kein Gift ist."

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Achtung Vorgänger: Bei Technik-Schnäppchen Modelljahr prüfen
Die Freude ist zunächst groß: Das neue iPad kostete viel weniger als gedacht. Doch dann die Ernüchterung: Es handelt sich gar nicht um das aktuelle Modell, sondern um …
Achtung Vorgänger: Bei Technik-Schnäppchen Modelljahr prüfen
Social Bots enttarnen: Diese acht Punkte helfen
In sozialen Netzwerken melden sich immer öfter auch Maschinen zu Wort. Das ist problematisch, wenn die Programmierer der sogenannten Social Bots Diskussionen …
Social Bots enttarnen: Diese acht Punkte helfen
Monumental, monumentaler, sowjetischer Monumentalismus
Vom Che-Guevara-Monument bis zum bulgarisch-sowjetischen Freundschaftsdenkmal: Darmon Richter präsentiert auf seiner Webseite eine Fotosammlung von Statuen und …
Monumental, monumentaler, sowjetischer Monumentalismus
Hautkrebsrisiko: App zeigt Folgen starker Sonneneinstrahlung
Sonne ist nicht gut für die Haut. Diese Belehrung hört man immer wieder. Scheinbar kommt die Warnung nur an, wenn man die Folgen nachvollziehen kann. Eine App macht das …
Hautkrebsrisiko: App zeigt Folgen starker Sonneneinstrahlung

Kommentare