Duelle mit Wort und Pose

- "Der eigentliche Skandal der Macht", das wusste schon Friedrich Nietzsche, ist ganz simpel: "Jeder will sie". Einst trug man Duelle mit Speer und Schwert aus, heute immerhin noch mit Wort und Pose in den TV-Studios, wo die Moderatorinnen die Sekundanten, die Maskenbildner den Leibarzt ersetzt haben - die Macht selbst wirkt freilich in der aufgesplitterten Öffentlichkeit zunehmend unsichtbar.

<P>Was heißt Macht in der modernen Gesellschaft? Diese Frage stand jetzt im Mittelpunkt des "6. Philosophicum Lech", das sich an vier Tagen den "Kanälen der Macht", dem Ort von Herrschaft und Freiheit in der Gegenwart widmete. Dabei zeigte sich schnell, dass die klassischen politischen Theorien der Macht unter heutigen Bedingungen kaum noch greifen.</P><P>So sprach der Politologe Thomas Meyer (Dortmund) von einer zunehmenden Entpolitisierung des Politischen, der Verwandlung von politischer Praxis in "symbolische Politik" einerseits und der Unterordnung von Politik unter ökonomische Marktgesetze andererseits. Während die idealtypische Demokratielehre nach wie vor davon ausgeht, dass Politiker handeln, die Medien dieses Handeln beobachten, und das Wählervolk souverän "in freier und geheimer Wahl" entscheidet, sieht die Realität anders aus: Politiker beobachten die Medien, um darauf ihren Auftritt in Wort und Tat bedarfsgerecht zu designen. Dem zum Publikum mutierten Wahlvolk wird die eigene Meinung durch permanente Umfragen der Meinungsforschungsinstitute nahe gelegt, Entscheidungen so bereits vorweggenommen.</P><P>Unter dem Begriff "Ökonomie der Aufmerksamkeit" fasst der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Georg Franck seine Forschungen zum Thema zusammen: Auch Medien handeln, aber nicht mit Fakten, sondern mit Aufmerksamkeit. Informationen bilden ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Diesem "mentalen Kapitalismus", so Franck, muss sich die Politik unterordnen. Wie Meyer verwies Franck auf die "Eigengesetze" der Medien und der Unterhaltungsindustrie.<BR>Denen widmeten sich die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen (Zürich) und der Kunsthistoriker Walter Grasskamp (München). Anhand verletzlicher Diven der Kulturszene - Maria Callas, Marylin Monroe und Madonna - sowie des Versuchs der Beatles, mit ihrem "Sergeant Pepper"-Album aus ihrer verfestigten öffentlichen Rolle auszubrechen, zeigten beide Vorträge, dass heutige Politiker mit denselben Problemen zu kämpfen haben, wie die Stars der Kulturindustrie: Mehr Ohnmacht als Macht, das öffentliche Image kann leicht zum Gefängnis werden.</P><P>Gerade der Ernstfall - Krieg, Katastrophe, Hochwasser - bildet aber, so der Philosoph Konrad Paul Liessmann (Wien), auch "eine mediale Sternstunde", in der das Medium Wirklichkeitsnähe, der Politiker Handlungsfähigkeit darstellen kann. Die eigentliche Kunst der Politischen, so lautet die logische Konsequenz besteht also in der Durchbrechung des reinen Showbetriebs und der Herstellung des Ernstfalls. Da könne man die Macht plötzlich wieder ganz klassisch bei den politischen Amtsträgern finden: nur sie hätten die Fähigkeit, "Realität zu verändern" und "Gehorsam zu verlangen."</P><P>Vielleicht ist aber auch dies nur eine neue Fehleinschätzung. Und die aus dem Blick geratene Macht befindet sich tatsächlich in den geheimen Kanälen informeller Verfahren und persönlicher Kontakte, an denen sich seit Machiavellis Ära nichts geändert hat. <BR></P>

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