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Der Bäckermeister Uwe Steinhauer holt neben seinem Berufsalltag das Abitur nach.

Per E-Mail zum Abschluss

Mainz. Uwe Steinhauer ist Bäcker und leitet einen kleinen Familienbetrieb in der Nähe von Bad Kreuznach. Der 46-Jährige interessiert sich jedoch nicht nur fürs Backen - vor allem deutsche Literatur hat es ihm angetan.

Vor ein paar Jahren wollte der Vater zweier erwachsener Söhne dann noch mal was ganz Neues anfangen und sein Abitur nachholen. Da die Schulzeiten des klassischen Abendgymnasiums mit dem Bäckerberuf schlecht vereinbar sind, kam ihm das Angebot des Mainzer Ketteler-Kollegs entgegen: Bei „Abi online“ können sich die Absolventen einen großen Teil des Stoffs in Eigenregie vor dem heimischen Computer aneignen.

Neben dem Angebot in Rheinland-Pfalz gebe es allein in Nordrhein- Westfalen elf Schulen, an denen jährlich insgesamt etwa 150 Absolventen ihren Abschluss machten, sagt Dieter Röhrich vom Westfalen-Kolleg in Dortmund.

 Auch Erwachsenenschulen in Bremen und Rostock bieten Berufstätigen die Möglichkeit, Teile des Abiturstoffes online zu pauken. Die Schulen verzeichneten eine stark steigende Nachfrage, sagt Röhrich. Unter den Anwärtern seien etwa Leistungssportler oder Zirkusartisten, die viel auf Reisen sind.

„Abitur wollte ich immer schon machen, im Grunde seitdem ich vier Wochen im Beruf war“, erzählt Bäckermeister Steinhauer. Damals sei das aber kein Thema gewesen. Er ging mit der mittleren Reife von der Schule ab, um später den Familienbetrieb zu übernehmen, wurde früh Vater. Aber das Interesse vor allem an Literatur blieb - auch neben der nächtlichen Arbeit mit Mehl, Hefe und Brötchenteig.

„Beim Bäckerberuf bin ich meist eingeschränkt auf 20 bis 30 Quadratmeter Backstube und sehe immer die gleichen Leute“, erzählt Steinhauer. Er wollte seinen Horizont erweitern. Nun zählt er zum ersten Online- Jahrgang, der am Ketteler-Kolleg in diesem Juni seine Abiturprüfungen schreibt.

Für Online-Abiturienten gelten die gleichen Zugangsbestimmungen wie für „normale“ Schüler des Abendgymnasiums. Dies sind etwa Berufstätigkeit oder wenn ein Lernwilliger nebenher einen Familienhaushalt führen und Kinder erziehen muss. „Für Väter und Mütter, deren Kinder morgens in der Kita sind, haben wir auch einen Vormittagskurs eingerichtet“, sagt Schulleiter Rolf-Jürgen Renard.

Für diesen Zeitraum sei die Betreuung oft leichter zu organisieren, als für die Abendkurse. Der Studiengang ist je zur Hälfte in eine Präsenz- und eine Selbstlernphase gegliedert. So müssen auch Online-Schüler ihren heimischen Computer verlassen - zweimal in der Woche zum Präsenzunterricht in Mainz und natürlich für die Prüfungen. Bei der anderen Hälfte des Stoffes jedoch können sie sich frei einteilen, wann sie lernen. Soviel Freiheit ist nicht jedermanns Sache - das weiß auch Schulleiter Renard.

„Man muss ein bestimmter Typ sein und über ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Talent für Zeitmanagement verfügen.“ Wer es schafft, sich beispielsweise regelmäßig Zeit für Lateinvokabeln, Matheformeln oder Englischlektionen zu nehmen, für den birgt die Online-Variante viele Vorteile.

„Wer weiter weg wohnt, spart sich die Anfahrt“, sagt Renard. Wer morgens früh um 6.00 Uhr schon fit ist, wenn die Kinder noch schlafen, oder abends um 23.00 Uhr gut lernen kann - alles kein Problem. Der erste Abi-Online-Kurs 2007 startete mit 30 Anwärtern. Vier von ihnen haben die Schule im vergangenen Jahr mit der Fachhochschulreife abgeschlossen, sieben wollen in diesem Jahr den Abschluss schaffen. „Die Schüler hören aus ganz verschiedenen Gründen auf, etwa weil sich im persönlichen Umfeld etwas grundlegend verändert hat oder sie den Arbeitsplatz gewechselt haben“, sagt der Schulleiter.

Die Abbrecher-Quote entspreche in etwa der des herkömmlichen Abendgymnasiums. In den vergangenen beiden Jahren haben laut Renard jeweils mehr als 40 Schüler den Online-Kurs gestartet. Bäckermeister Steinhauer ist optimistisch, ein gutes Abitur hinzulegen. „Das habe ich auch den überwiegend hochmotivierten Lehrern und dem guten Klassenzusammenhalt zu verdanken“, erzählt er. Dazu komme die große Unterstützung in seiner Familie.

Vor allem die beiden Präsenztage pro Woche, bei denen er bis 22.00 Uhr in der Schule sitzt, sind hart - denn um 02.00 Uhr klingelt ja wieder der Wecker für den Dienst in der Backstube. „Dann arbeite ich, lege mich am Vormittag noch mal schlafen und am Nachmittag wird gelernt.“ Was er mit dem Abi anfängt und ob er vielleicht an die Uni geht - das weiß Steinhauer noch nicht. Seine 20 und 24 Jahre alten Söhne sind beide noch in der Ausbildung und „brauchen noch ein bisschen Geld“. Daher wird Steinhauer erstmal weiter backen - zumindest nachts. 

Von Andrea Löbbecke und Kristina Klement

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