Eine blühende Oase an der alten Seidenstraße

- Mehr als 50 Grad im Schatten, flirrende Hitze und undurchdringlicher Dunst erwarten den Reisenden, der es im Hochsommer bis zum zweittiefsten Punkt der Erde, der Turfan-Senke im Nordwesten Chinas, geschafft hat, eisige Kälte dagegen die Hartgesottenen, die sich im Winter hierher wagen.

<P>Eigentlich alles Gründe, Turfan links liegen zu lassen. Dennoch ist die Oase ein Magnet, der alljährlich viele tausend Touristen anzieht. Denn sie war eine bedeutende Station auf der alten Seidenstraße, ein zentraler Warenumschlagplatz für Händler und ein kultureller Schmelztiegel, der viele Gelehrte anzog.</P><P>Turfan liegt in der Randzone des Tarim Beckens, 154 Meter unter dem Meeresspiegel in der chinesischen Provinz Xinjiang. Der Ort galt für mehr als zwei Jahrtausende als das Land der Vermittlung zwischen Ost und West. Vom 2. Jahrhundert vor Christus bis ins 13. Jahrhundert n. Chr. hatte Turfan ein wenig das Flair einer Weltstadt, bevor die Mongolen einfielen und die ganze Region in Bedeutungslosigkeit fiel. In Turfan wurden wertvolle Güter wie Seide und Gewürze umgeschlagen, es herrschte ein reger Austausch zwischen den großen Religionen. Die Oase wurde aber auch zu einem Refugium für religiöse Gruppen wie den Manichäern. Deren Lehre geht auf den Propheten Mani zurück, der bereits sechzigjährig im Jahr 227 n. Chr. starb. Im Zentrum dieser Religion standen nicht Gottheiten sondern Prinzipien wie Licht und Finsternis oder Geist und Materie. <BR><BR>Hoch entwickelt war auch die städtische Infrastruktur. Aus gut ausgebauten unterirdischen Kanälen, die immer noch funktionieren, beziehen die Bewohner bis heute ihr Trinkwasser aus dem Hochgebirge des Tienshan. Im Süden breitet sich die Wüste Taklamakan aus.<BR><BR>Bis zur Eroberung durch die Mongolen entwickelte sich in Turfan eine einzigartige kulturelle Blüte, die heute noch deutsche Kulturforscher und Archäologen anlockt, wie den Sinologen Professor Thomas Höllmann von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Zur Oase gehören auch die Ruinenstädte Gaochang und Jiaohe und die spektakulären Höhlentempel von Bäzäklik und Sängim mit ihren einzigartigen Wandmalereien", erklärt er. </P><P>Die Kultur der Oase Turfan ist für die Nachwelt durch Bildnisse, wissenschaftliche und religiöse Texte überliefert. "Besonders wichtig sind diese Dokumente, um zu erforschen wie die Menschen sich auf der mehrere tausend Kilometer langen Seidenstraße verständigen konnten", erklärt Höllmann. "Viele Texte, die aus Turfan stammen, sind nur noch in Fragmenten erhalten und wurden Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Oase nach London, Paris oder Berlin gebracht, wo sie archiviert sind." Als Schreibmaterial verwendete man Papier aus dem Reich der Mitte, aber auch Palmblätter, Pergament oder Holzrinden. "Der größte Teil der Aufzeichnungen betrifft Texte aus dem Buddhismus oder dem Manichäismus, es gibt aber auch zahlreiche Abrechnungen, Pacht- und Kaufverträge" erklärt der Sinologe. </P><P>Aufgabe der Wissenschaftler ist es nun, Fundstücke aus den Ausgrabungen sowie Bildnisse und Texte aus den Klöstern in einen einheitlichen Kontext zu stellen und so das Leben der Bewohner entlang der Seidenstraße zu rekonstruieren. "Dabei helfen uns vor allem die Wandmalereien, die viele aufschlussreiche Szenen aus dem Alltag der Menschen zweigen - etwa bei der Körperpflege oder dem Feldbau", erklärt Höllmann. </P><P>Besonders eindrucksvoll bei der Spurensuche in der Vergangenheit sind auch die gut konservierten Mumien, die sich in den Randbereichen des Tarim-Beckens gefunden wurden. "Das Klima hier ist extrem trocken", sagt Höllmann,"so blieben die Toten und ihre Grabbeigaben sehr gut erhalten." Sehr hilfreich sind für die archäologische Arbeit die mit chinesischen Schriftzeichen dekorierten Gewänder, die das einstige politische und kulturelle Bewusstsein der Seidenstraße dokumentieren. "Die Turfan-Forschung bietet uns eine hervorragende Gelegenheit, das Leben an der Seidenstraße zu rekonstruieren", meint der Archäologe und ist sich sicher, "dass die Wüste in den nächsten Jahren noch viele Überraschungen preisgeben wird". <BR><BR></P><P> </P>

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