Dem einen nützt, dem anderen schadet er

- Ein Glas Wein am Tag sei "gut fürs Herz" oder "maßvoller Alkoholkonsum senkt die Sterblichkeit" - viele Meldungen und Meinungen schreiben dem Bier oder Wein gesundheitsfördernde Eigenschaften zu. So soll nach neueren Studien der Rote in geringen Mengen vor Erkältungen schützen, eine bessere Lungenfunktion garantieren, Herpesviren stoppen und sogar das Risiko für Alzheimer senken.

<P>Bei dieser Positiv-Liste könnte man Bordeaux-Flaschen in jeder Apotheke vermuten. Doch das wäre ein Trugschluss. "Alkohol ist an sich ein Gift", warnt der Neurologe Professor Hans Helmut Kornhuber, der früher einen Lehrstuhl an der Universität Ulm hatte. Alkohol kann allen Organen schaden - von der Leber bis zum Hirn, sagt Kronhuber und verweist auf andere Studien, wonach schon der regelmäßige Konsum von geringen Mengen den Blutdruck steigern und die Entstehung von Brustkrebs bei Frauen begünstigen könne.</P><P>Studien der vergangenen 20 Jahre belegen andererseits, dass die Rate tödlicher Herz-Kreislauferkrankungen bei moderaten Weinkonsumenten im Vergleich zu Abstinenzlern oder starken Trinkern geringer ist. Dieses Ergebnis passt zu denen einer Studie der American Cancer Society mit 490 000 Teilnehmern (1997 veröffentlicht im "New England Journal of Medicine", Bd. 337, S. 1705).</P><P>Die Deutsche Weinakademie stützt sich auf solche Ergebnisse und plädiert für 0,2 bis 0,4 Liter Wein am Tag. Das entspricht etwa 20 bis 40 Gramm Alkohol.</P><P>Verwunderlich ist allerdings, dass in verschiedenen Ländern unterschiedliche Alkohol-Mengen "gesundheitlich zuträglich" sein sollen. So sprechen sich die Franzosen für bis zu einem halben Liter Wein täglich aus, die USA für maximal 0,2 Liter.</P><P> Allgemeine Trink-Empfehlungen hält Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, für sehr problematisch: Die Wirkung aller Alkoholika hänge von individuellen Faktoren ab. Selbst maßvoll trinkende Menschen setzten sich, wenn sie außerdem rauchen oder mit einer Lebererkrankung, Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen belastet sind, oder eine Veranlagung für Brustkrebs haben, besonderen Risiken aus, warnt Gahl. Vor einer Niedrigdosisabhängigkeit bei besonders gefährdeten Menschen warnt zudem Prof. Walter Zieglgänsberger vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie.</P><P>Bernhard Watzl von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe betont, dass ein eventuell schützender Alkohol-Effekt auch vom Alter abhänge: Ein 20-Jähriger habe durch den moderaten Konsum noch keinen Vorteil, denn das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei den jungen Leuten sowieso gering. Männer im Alter über 40 und Frauen über 60 Jahre könnten sich dagegen mit ein bis zwei Gläsern Wein am Tag durchaus etwas Gutes tun und ihr Infarktrisiko senken, meint Watzl. Denn die Blutplättchen verklumpen weniger leicht, Blutgerinnsel werden schneller auf gelöst. </P><P>Im Blut von maßvollen Konsumenten findet sich mehr vom herzschützenden Lipoprotein und dem "positiven" Cholesterin-HDL (High Density Lipoprotein) und weniger vom arteriosklerosefördernden LDL (Low Density Lipoprotein). Letzteres dringt in die Blutgefäße ein und setzt dort Cholesterin frei, das sich an den Gefäßwänden ablagert - die Arterien werden enger, und weniger Blut strömt zu den Organen. HDL kann dagegen das abgelagerte Cholesterin wieder aufnehmen und abtransportieren.</P><P> Welcher Alkohol nützt nun aber dem Herz? Die "Copenhagen City Heart Study" kommt zu dem Ergebnis, dass der Weingenießer am ehesten von seinen Trinkgewohnheiten profitiert ("British Medical Journal", Bd. 310, S. 1165, 1995). Die Deutsche Weinakademie meint, dass der Wein seine günstigen Eigenschaften vielleicht nicht nur durch den Alkohol bekommt. Inhaltsstoffe aus den Traubenschalen und Kernen schützten vor zellschädigenden Wirkstoffen, hätten also antioxidative Eigenschaften. Einige dieser "Polyphenole" steigerten zudem das (günstige) HDL-Cholesterin uns senkten das ungünstige LDL-Cholesterin.</P><P>Eine Studie von Prof. Roland Goerlich an der Universität Bonn lieferte dafür aber keine Beweise: Studienteilnehmer tranken sechs Wochen lang täglich ein Glas Rotwein (0,2 Liter). Danach hatte sich im Blut der freiwilligen Trinker zwar der Polyphenolgehalt erhöht, doch konnte in diesen Konzentrationen weder ein zellschützender Effekt noch ein Einfluss auf bestimmte Immunzellen festgestellt werden.</P><P>So gibt denn auch der Kardiologe Wolfgang Bocksch vom Virchow-Klinikum in Berlin zu bedenken: "Es ist noch nicht bewiesen, dass Alkohol vor dem Herzinfarkt schützt." Keine Untersuchung zeige bisher, dass die Substanz Alkohol die gefäßschützenden Mechanismen in Gang setzt. Alkoholgegner Kornhuber führt die erwiesenermaßen niedrigere Herzinfarktrate unter moderaten Weinkonsumenten auf einen anderen Umstand zurück: "Das liegt nicht am Alkohol, sondern an der Trinkerpersönlichkeit." Tatsächlich zeigt eine neue US-Studie im "American Journal of Clinical Nutrition" (Bd. 76, S. 466, 2002),dass Weingenießer einen gesünderen Lebensstil pflegen, weniger gesättigte Fettsäuren und Cholesterin zu sich nehmen, weniger rauchen und mehr Sport treiben.<BR></P>Lexikon aktuell Alkohol <P>Gemeint ist Äthanol oder Äthylalkohol (C2H5OH), der durch Vergärung von Zucker aus unterschiedlichen Grundstoffen gewonnen wird. Über das Blut wird der Alkohol im gesamten Körper bis in die Körperwasser der Gewebe verteilt. Im Gehirn werden verstärkt beruhigende und anregende Botenstoffe freigesetzt, die eine Suchtgefahr bedeuten. Bei regelmäßig erhöhtem Konsum kommt es in praktisch allen Geweben zu Zellschädigungen. Massiver Dauerkonsum bewirkt zudem ein erhöhtes Krebsrisiko (Mund-, Rachen-, Speiseröhrenkrebs und bei Frauen Brustkrebs). <BR><BR><BR>Zahlen </P><P><BR>Der Alkoholkonsum je Bundesbürger betrug nach der Statistik im Jahr 2000 (in Litern) bei<BR>Bier: 125,5<BR>Wein: 19,0<BR>Sekt: 4,1<BR>Schnaps: 5,8<BR></P><P>Internet</P><P>www.dhs.de (Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren) <BR><BR><BR></P>

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