Einschnitt im langen ruhigen Fluss

- 31. Dezember, 11 Uhr morgens - und immer noch keinen Plan für die große Jahresfete. "Danke für die Einladung, aber ich muss mal schauen - es gibt noch andere Partys." Viele wissen an Silvester noch nicht, wie sie den Abend verbringen werden. Für Professor Karlheinz Geißler, Zeitforscher an der Bundeswehr-Uni München, zeigt sich darin "ein postmodernes Symptom der Überfluss-Gesellschaft".

Wo es in allen Lebensbereichen immer mehr Wahlmöglichkeiten gibt, da schränkt ein festes Datum wie Silvester die Menschen ein, erklärt Geißler. "Man will sich alles offen halten, um das beste rauszuholen. Das ist die heutige Schnäppchenjäger-Mentalität."

Seit der Renaissance gilt die Zukunft als offen

Obwohl an Silvester ausgiebig gefeiert wird, offenbart sich laut Geißler hier nicht nur Freude über den Jahreswechsel. Immer liege auch etwas Bedrohliches in der Luft. "Dieser Zeitpunkt ist eine Übergangssituation, wie der Weg über eine Brücke", sagt der Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftspädagogik. "Man weiß nicht, was einen auf der anderen Seite erwartet." Gute Wünsche tausche man aus, weil man wisse, dass im neuen Jahr auch Schlimmes kommen könnte.

"Seit der Renaissance gehen wir davon aus, dass die Zukunft offen ist", sagt der Zeitforscher. Das Bangen vor der Zukunft liege in diesem Glauben des Menschen begründet, kommende Dinge beeinflussen zu können. So bringe das neue Jahr Chancen wie Gefahren. Deshalb feierten die Menschen an Silvester nicht nur den Beginn des neuen Jahres, sondern auch, "dass wir das letzte Jahr überlebt haben".

Dass wir überhaupt in regelmäßigen Abständen einen Einschnitt feiern, liegt laut Geißler in der menschlichen Natur begründet. "Die Zeit fließt schließlich unendlich und ohne eigene Ordnung", sagt er. "Um existieren zu können, müssen wir Ordnung schaffen." Ein Beispiel dafür sei unser am astronomischen Jahr angelehnter Kalender.

Früher war das anders. Da orientierte man sich beispielsweise an Herrschern. So wurde laut der Bibel Jesus geboren, als Kaiser Augustus in Rom und Quirinius Statthalter in Syrien waren, erklärt Geißler. "Weil aber Ereignisse wie Naturkatastrophen nicht regelmäßig wiederkehren, ist es praktischer, darüber ein gleich bleibendes Zeitraster zu legen." Die Bedeutung solcher Raster lasse heute allerdings nach. "Der Sonntag zum Beispiel ist nicht mehr der Tag der Ruhe."

Dass aber Silvester einmal seinen Stellenwert verliere, sei unwahrscheinlich. "Die Individualisierungs-Gesellschaft scheitert, wenn jeder den Jahreswechsel an einem anderen Tag begeht", sagt der Zeitforscher. Schließlich könne jeder das kollektive Ereignis Silvester individuell nutzen: "Indem man persönlich Bilanz zieht, kann man sich entmüllen."

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