Essstörungen sind nicht cool

- München/Regensburg - Am Anfang dachte Nicole, sie habe alles unter Kontrolle. Trotzdem konnte sie nicht damit aufhören, nach dem Essen zu erbrechen - mindestens dreimal am Tag nach jeder Mahlzeit. Nur wenige Monate lagen zwischen der Entscheidung, ein bisschen abzunehmen, und einer Magersucht, aus der Nicole allein nicht mehr heraus fand.

"Ein perfekter Körper ist für viele junge Menschen inzwischen wichtiger als eine gute Allgemeinbildung", sagt Elke Reichart, Autorin aus München und eine der Herausgeberinnen des Buches "Bodytalk", das neben Erfahrungsberichten wie dem von Nicole Tipps für Jugendliche enthält.

Fettpölsterchen seien besonders unter jungen Mädchen eines der häufigsten Diskussionsthemen. Schon im Alter von zehn Jahren erscheinen die ersten Patientinnen in den Beratungsstellen, sagt Monika Weiderer, Professorin für Psychologie an der Fachhochschule Regensburg. Die Beschäftigung mit dem Gedanken "Ich bin zu dick" beginne oft schon mit acht Jahren. Zunehmend seien auch Jungen von Essstörungen betroffen.

Zwar taucht das Hungern in vielen Schulklassen nur für eine gewisse Zeit als Mode auf und sei bei schätzungsweise vier von fünf Jugendlichen nach ein paar Monaten wieder vorbei. "Ein paar bleiben eben dran hängen", sagt Andreas Schnebel, Vorsitzender des Bundesfachverbands Essstörungen (BFE) in München, der auch therapeutischer Leiter des Behandlungs-Netzwerkes Anad-Pathways ist.

Einer der Hauptgründe dafür seien Körperkult und Schlankheitswahn in der Gesellschaft. "Wenn Kleidergröße 34 immer noch zu weit ist, dann macht das schon Eindruck", sagt Elke Reichart. Dazu komme, dass gerade diejenigen Mädchen bei den Jungs Erfolg hätten, die sich wie Popstars aus den Zeitschriften oder dem Musikfernsehen stylen.

Viele beachten aber nicht, dass das Hungern große Gefahren birgt. Auch manche prominente Vorbilder, denen Jugendliche nacheifern, hat es offenbar krank gemacht. "Man hat immer wieder Beispiele berühmter Leute mit Essstörungen", sagt Monika Weiderer. Weil Präsenz in der Öffentlichkeit oder der Leistungssport einen schlanken Körper verlangten, hungerten sie sich krank.

Problematisch ist den Experten zufolge ein kritikloser Umgang mit den Vorlagen makelloser Körper, die Zeitschriften und Fernsehen verbreiten. "Keines dieser Bilder zeigt den Menschen ja so, wie er in Wirklichkeit ist. Da wird sehr viel manipuliert, zum Beispiel Fettröllchen wegretuschiert", sagt Elke Reichart.

Trotzdem vergegenwärtigten sich manche Jugendliche dies kaum und gehen häufig naiv und unbedarft mit solchen Bildern um. Immer noch wenig aufgeklärt sei auch der Umgang mit Essstörungen in den Cliquen. Während Schlanksein als "cool" gelte, wird eine aus dem Hungerkult entstandene Essstörung in der Regel totgeschwiegen, so die Erfahrung von Autorin Reichart und Wissenschaftlerin Weiderer.

Alarmsignale könnten sein, wenn sich ein Jugendlicher zurückzieht, nicht mehr an Treffen mit Freunden teilnimmt oder nach dem Essen immer sehr schnell auf dem Klo verschwindet, heißt es bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln. Bei Jungen äußere sich das Problem auch in "exzessivem Sporttreiben" bei gleichzeitig starker Gewichtsabnahme, so Andreas Schnebel. Selbst wenn es ihnen schon lange sehr schlecht gehe, entschieden sich Betroffene nur selten aus freien Stücken, Hilfe in einer Beratungsstelle oder bei einem Arzt zu suchen.

"Die Krankheit ist nach wie vor ein großes Tabu. Deshalb denkt leider jedes betroffene Mädchen, sie sei die einzige", so Weiderer. Die Hilfe müsse daher mit einem offenen Gespräch beginnen. Eltern und Lehrer kämen oft gar nicht an die Betroffenen heran. Gerade Freunde und Freundinnen seien daher gefordert. Sie sollten zunächst das offene Gespräch suchen.

Der richtige Ton sei dann nicht der einer direkten Konfrontation.  "Ich habe den Eindruck, bei Dir ist etwas nicht in Ordnung" sei besser als "Warum isst Du denn nichts mehr?", sagt Weiderer. Unbedingt zu vermeiden sind Bloßstellungen wie "Ich habe gesehen, wie Du erbrochen hast" oder "Ich rieche das doch", mahnt Andreas Schnebel. Das führe nur dazu, dass die Betroffenen sich verschließen.

Ist das Gesprächsangebot erfolgreich, können Freunde gemeinsam mit der oder dem Betroffenen im Internet nach einer Beratungsstelle suchen. "Ist die Reaktion zurückhaltend, aber nicht ablehnend, sollte ich es wenig später einfach noch einmal versuchen", rät Elke Reichart. Trifft das Hilfsangebot auf barsche Zurückweisung, "dann kann man es nur laufen lassen", so Reichart  und darauf hoffen, dass der Jugendliche von allein den Weg in eine Beratungsstelle oder Klinik findet.

Internet: www.bzga-essstoerungen.de, www.anad-pathways.de

Literatur: Andrea Hauner und Elke Reichart: "Bodytalk. Der riskante Kult um Körper und Schönheit", Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 3-423-62203-2, 10 Euro.

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