Rassismus im Netz

"Ausländer raus!" - Was tun, wenn Facebook-Freunde solche Kommentare posten?

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München - Nicht alle Kommentare im Internet fallen unter Meinungsfreiheit: Fremdenfeindliche Hetze auf Facebook wird bestraft. Doch was kann man als Privatperson unternehmen, wenn ein Freund solche rechtsextremen Dinge postet?

Fremdenfeindliche Hetze auf Facebook und Co. wird mit hohen Strafen geahndet. Polizei und Staatsanwaltschaften gehen derzeit verstärkt dagegen vor. Erste Urteile sind bereits gefallen. Doch als Privatperson ist man gegen rechtsextreme Kommentare und Posts machtlos. Was unternimmt man gegen Freunde, die die NPD liken, die unter Artikel über das derzeitige Flüchtlingsdrama "Ausländer raus" schreiben? Man schämt sich, klar. Warum hat man so jemanden überhaupt in seiner Freundesliste, fragt man sich. Man könnte die Person löschen. Aber das würde das Posten rassistischer Kommentare nicht stoppen.

Man könnte den Freund anschreiben und ihn fragen, warum er solche Sachen liket, postet oder kommentiert. Man könnte ihn sogar melden. Aber wäre das nicht ein bisschen feige? Die Freundschaftsanfrage hat man demjenigen ja einst gestellt, um in Kontakt zu bleiben, weil man ihn mag, um zu verfolgen, was er so treibt. Jetzt will man das, was er so postet und liket am liebsten nur noch verstecken. Was ist also der beste Weg, mit solchen Freunden umzugehen?

Ein Facebook-Nutzer berichtet von seinen negativen Erfahrungen

Rafael Benz (Name von der Redaktion geändert) ist 22 Jahre alt. Er hat über 300 Facebook-Freunde, keine Seltenheit heutzutage. Schule, Freizeit, Uni - überall lernt man Leute kennen, befreundet sich in der virtuellen Welt und verfolgt über die Timeline, was sie so treiben. Vor gut einem Jahr stachen Rafael die Postings und Kommentare eines Freund auf ein Mal besonders ins Auge: Victor Schmidt (Name von der Redaktion geändert), den er über die Uni kennengelernt hatte, likte plötzlich Posts von Pegida, Udo Ulfkotte und der NPD. Rafael war schockiert. Aber er wusste: Gegen Likes kann man nichts machen. "Als er dann aber auch in fremdenfeindlicher Weise kommentierte, habe ich schon das ein oder andere mal zurückkommentiert und gefragt, warum er sich so äußert", erzählt Rafael. 

Eigentlich sei Victor in Ordnung, meint der 22-Jährige: "Er hat mir Tipps zum Studium gegeben, war immer hilfsbereit." Als richtigen Freund würde er ihn allerdings nicht bezeichnen. Trotzdem stören ihn die rassistischen Kommentare von Victor sehr. "Wenn er wirklich hetzerisch wird, spreche ich ihn darauf an", sagt Rafael. Eventuell würde er Victor auch löschen. An eine Anzeige traut er sich vorerst nicht - erst, wenn der Kommilitone nachweislich eine Straftat beginge, würde er den Schritt wagen. "Bei Posts wie 'Ausländer raus', wäre meine Toleranzgrenze überschritten", sagt Rafael. "In dem Fall müsste ich ihn sogar melden." Aber Fan von AFD und Pegida zu sein, sei keine Straftat, sagt der 22-Jährige. 

Rassistische Kommentare mit Klarnamen

Rafael ist schockiert, dass User inzwischen sogar mit Klarnamen rassistische Aussagen posten. "Ich finde das krass", sagt er. "Die denken: 'Ha, ich brauche mich nicht mehr verstecken, Hetze gegen Ausländer ist gang und gäbe.' Die wissen, dass nichts dagegen unternommen wird." Als Auslöser für fremdenfeindliche Kommentare sieht Rafael die Angst der deutschen Bevölkerung vor dem Islam: "Seit der Islamische Staat täglich in den Nachrichten ist, wächst die Angst vor Anschlägen", sagt er. "Das Problem ist, dass viele keine tausenden Flüchtlinge sehen, sondern tausende Muslime, die herkommen." Wären das Christen, wäre auch die Solidarität in Deutschland ganz anders, meint Rafael. Er ist der Ansicht, "die Flüchtlingskatastrophe hätte nur weiter Öl ins Feuer gegossen". 

In Zukunft wird das Problem nach Rafaels Meinung immer stärker polarisieren. "Es gibt ja noch eine Großzahl von Menschen, die sich quasi neutral verhalten", sagt er. Das werde aus seiner Sicht zukünftig immer schwieriger. "Ich denke, dass viele in das 'Grenzen-dicht-wir-sind-nicht-das-Sozialamt-der-Welt'-Lager abdriften werden", meint Rafael. "Inzwischen erheben sich ja aber glücklicherweise auch immer mehr, die gegen Hetze sind und denen brennende Flüchtlingsunterkünfte mehr Angst einjagen als Flüchtlinge." 

Was ist der beste Weg, mit Freunden wie Victor umzugehen?

"Facebook-Nutzer wenden sich oft mit dieser Frage an uns", sagt Julian Barlen. Er ist ehrenamtlicher Projektleiter des Nachrichtenportals "Endstation Rechts" und SPD-Abgeordneter im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Auch der Verein "Gib Rassismus keine Chance" erhält immer öfter Anfragen zu diesem Thema. "Wenn die User besagte Personen darauf hinweisen, verschwinden solche Posts häufig von ganz allein", sagt Heinz Christoph Roemgens, Vereinspräsident. Es gebe aber auch Fälle, bei denen der Verein einschreiten müsse: "Das ist immer dann der Fall, wenn persönliche Anfeindungen entstehen", so Roemgens.

Julian Barlen nennt zwei Ratschläge, die er Facebook-Usern mit rassistischen Freunden gibt: "Erst einmal würde ich abwägen, ob ich denjenigen entferne oder nicht", sagt der 35-Jährige. "Wenn ich den Freund entferne, werde ich nicht mehr von seinen Kommentaren behelligt. Aber ich habe eben auch keinen Einfluss mehr auf ihn." Ein persönliches Gespräch könnte schon viel bewirken. 

Man könne das Ganze auch auf das Leben außerhalb digitaler Netzwerke übertragen, so Barlen, zum Beispiel auf eine Demo von Rechtsextremen. Bleibe ich und verhalte mich ihnen gegenüber kritisch? Oder gehe ich weg und vermeide eine Diskussion? Christoph Roemgens ist derselben Meinung: Direkte Konfrontation mit dem Gegenüber sei gefragt. "Zur Anzeige raten wir immer dann, wenn bewusst von Taten gegenüber Personen gesprochen wird", erklärt der 61-Jährige.

Keine "Roboterüberwachung"

Der zweite Rat von Julian Barlen ist, den Freund zu löschen, ihn jedoch weiter zu beobachten. "Besonders bei Posts, die in den strafrechtlichen Bereich fallen, sollte man dagegen vorgehen", sagt Barlen. Er würde die Person melden, auch wenn das aufwendig sei. "Facebook wird dem Problem momentan nicht Herr", so Barlen. Er wünscht sich von dem sozialen Netzwerk schnelleres Handeln in solchen Fällen. 

Aber er betont auch, dass er keine "Roboterüberwachung" auf sozialen Netzwerken wolle. Auch auf der Facebook-Seite von "Enstation Rechts" seien kritische Kommentare erlaubt. Kommentare, die die Würde anderer verletzen, würden jedoch sofort gelöscht, so der Projektleiter. Christoph Roemgens sieht das ähnlich: Ihr Verein sei kein Schiedsgericht, sie hätten die Aufgabe des Aufklärers inne, wollten aber auch keine populistischen Ansichten verbreiten.

"Was wäre, wenn du es wärst?"

Für Roemgens besteht das Problem, das er als ""kleines jähzorniges Wesen" beschreibt, schon seit Langem. "In Phasen politischer Unruhen, die häufig sehr einseitig dargestellt werden, verfallen viele Menschen in eine gewisse Blockadehaltung", sagt er. "Es ist viel bequemer, Probleme dem vermeintlichen Verursacher zuzuschieben ohne sich der Anstrengung hinzugeben, ein ganzheitliches Bild zu erarbeiten." Oft sei es nur die einfache Frage, „Was wäre, wenn Du es wärst?“, die für die Sensibilisierung des Gegenüber fehle. 

Der Wandel in der Kommunikation hat laut Julian Barlen maßgeblich zur Verschärfung des Problems beigetragen: Vor drei Jahren seien noch gut 80 Prozent der Visits auf der Homepage von "Endstation Rechts" über Direktlinks gekommen, heute läuft das meiste über Facebook, so der Politiker. Und er gibt noch einen wichtigen Tipp für die User: Wenn man eine Person gelöscht hat, sie aber weiterhin beobachten und auf Posts reagieren möchte, sollte man die eigenen Privatsphären-Einstellungen kontrollieren. So wird durch eine sichere Einstellung verhindert, dass man selbst negative Rückmeldungen, beispielsweise in Form von beleidigenden Nachrichten bekommt. 

sb

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa (Symbolbild)

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