Samstag ist Trennungstag

Was FB-Soziologen über uns herausgefunden haben

München - Wer im Internet unterwegs ist, hinterlässt Spuren. Facebook und Co. sammeln so ungeheure Datenmengen. Eine Schatzkiste nicht nur für die Konzerne, sondern auch für Soziologen, die völlig neue Einblicke ins menschliche Beziehungsgeflecht bekommen.

Eigentlich war alles reine Privatsache: Absperrungen, Verbotsschilder, keine Reporter. Wer einen Blick auf Sigmar Gabriels Hochzeit im Klosterhotel in Wöltingerode im Landkreis Goslar erhaschen wollte, musste mit dem Hubschrauber kommen. Eine Bestätigung der Hochzeit gab es zunächst auch nicht – bis sich der SPD-Chef bei Facebook einloggte. „Sigmar hat seinen Beziehungsstatus von ,Verlobt‘ zu ,Verheiratet‘ geändert“, ließ er seine Freunde und Anhänger dort am Samstag wissen – und machte die Privatsache so doch öffentlich.

Wie Gabriel machen es inzwischen viele: Wenn sich im Privatleben etwas verändert, aktualisieren sie zuerst ihren „Beziehungsstatus“ bei Facebook. So erfährt das soziale Netzwerk im Internet oft als Erster, ob das Mitglied geheiratet hat, wieder Single ist oder eine neue Beziehung begonnen hat. 955 Millionen Menschen weltweit nutzen Facebook mindestens einmal im Monat und hinterlassen dabei eine breite Datenspur. Das Netzwerk speichert, welche Fotos sie ansehen, welche Produkte ihnen gefallen, mit wem sie befreundet sind.

Das Ergebnis ist eine unvorstellbare Datenmenge, die inzwischen in Petabytes gemessen werden muss – ein Petabyte entspricht einer Million Gigabytes. Wie hoch der Datenberg genau ist, verrät das Netzwerk nicht. Gespeichert werden die Informationen in riesigen Server-Farmen, gerade baut Facebook eine weitere Anlage in Schweden. Die Daten sind Facebooks Kapital. Als das Netzwerk vor einigen Monaten an die Börse ging, bewerteten die Investoren das Unternehmen wegen all dieser Informationen über seine Mitglieder mit mehr als 100 Milliarden Dollar. Doch nicht nur Werbetreibende und Börsianer vermuten in den Datenbergen eine Goldmine.

Cameron Marlow ist einer der Bergmänner, die dort nach Gold schürfen. Marlow, 35, nennt sich selbst den „Haus-Soziologen“ von Facebook. Er leitet das „Data Science Team“ beim sozialen Netzwerk. Die zwölf Wissenschaftler kommen fast alle von Elite-Universitäten. Marlow selbst hat am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) promoviert.

Facebook faszinierte ihn früh. 2007 wechselte er zu dem Netzwerk, nachdem er zunächst für den Internetdienst Yahoo geforscht hatte. Doch er erkannte das Potenzial, das in Facebooks Datensammlung liegt. „Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es in diesem Umfang und in dieser Qualität Daten über die menschliche Kommunikation“, sagte er der amerikanischen Zeitschrift „Technology Review“. „Wir haben jetzt ein Mikroskop, das es uns nicht nur ermöglicht, soziales Verhalten so genau zu untersuchen wie niemals zuvor, sondern wir können auch Experimente durchführen, an denen Millionen Nutzer teilnehmen, ohne es zu wissen.“

Den Facebook-Wissenschaftlern geht es dabei nicht um persönliche Informationen einzelner Nutzer. Sie forschen grundsätzlich nur mit anonymisierten Daten, versichert Facebook. Doch die schiere Masse ermöglicht völlig neue Einblicke in das Beziehungsgeflecht der Menschen. So machte es sich das „Data Science Team“ im Mai 2011 zur Aufgabe, einen alten Mythos zu überprüfen: Demnach ist jeder Mensch über maximal sechs Ecken mit jedem anderen auf der Welt bekannt. Aufgestellt hatte diese These schon 1929 der ungarische Autor Frigyes Karinthy, in einem berühmten Experiment aus dem Jahr 1967 überprüfte sie Stanley Milgram – mit nur 269 freiwilligen Teilnehmern.

Die Haussoziologen von Facebook haben da ganz andere Möglichkeiten: Sie sahen sich die 69 Milliarden virtuellen Freundschaften der damals 721 Millionen Facebook-Mitglieder an – immerhin mehr als zehn Prozent der Weltbevölkerung. Die Computer kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die Welt ist heute sogar noch kleiner, als man bisher dachte. Über nur vier statt sechs Ecken kannten sich die Mitglieder, selbst wenn eines „in der sibirischen Tundra und eines im peruanischen Urwald“ wohnt, schrieben die Forscher.

Doch Facebook nimmt die zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Mitglieder noch genauer unter die Lupe. Hier kommen Sigmar Gabriel und die anderen Mitglieder ins Spiel, die ihren Beziehungsstatus auf Facebook mitteilen. Die Forscher untersuchten, wann besonders viele Menschen laut ihrem Status eine neue Beziehung beginnen oder eine alte beenden. Das Ergebnis bestätigte einige Klischees: Halten sich für gewöhnlich neue und beendete Beziehungen die Waage, entstehen am Valentinstag 49 Prozent mehr neue Bindungen, als alte beendet werden. Am Tag danach sind es 22 Prozent mehr. Auch an Weihnachten finden die Menschen auf Facebook überdurchschnittlich häufig zusammen. Am Heiligabend liegt das Plus bei 22 Prozent, am 25. Dezember bei 34 Prozent.

Auch die sprichwörtlichen Frühlingsgefühle fanden Facebook-Forscher bestätigt. Während in der Zeit von Januar bis Mai deutlich mehr Beziehungen entstehen, als beendet werden, überwiegen in den Sommermonaten die Trennungen – im Juni ist laut Facebook das Risiko am größten.

Und auch bei den Wochentagen fanden die Forscher Häufungen. Während montags besonders viele Facebook-Mitglieder ihren Freunden mitteilen, dass sie eine neue Beziehung begonnen haben, ist die Trennungsrate samstags auffällig hoch.

Facebook ist nicht das einzige Internetunternehmen, das seine Daten zur Forschung nutzt. Yahoo kooperierte beispielsweise mit Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts bei dem Versuch, Ein- und Auswanderung in verschiedene Länder zu messen. Dafür analysierten sie, wie viele Yahoo-Mitglieder in einem Zeitraum von zwei Jahren den Ort, wo sie die Mehrzahl ihrer E-Mails verschicken, änderten. So konnte nachgewiesen werden, dass die Zahl der Auswanderer aus den USA nach der Finanzkrise anstieg. Auch nach Alter und Geschlecht ließen sich die Migranten dank der Daten von Yahoo erstmals unterscheiden.

Was nach wissenschaftlichen Fingerübungen klingt, wird in der Zukunft an Bedeutung gewinnen. „Es ist schwer vorherzusagen, wohin die Reise geht, weil wir uns in einem sehr frühen Stadium dieser Wissenschaft befinden“, sagt Facebook-Soziologe Marlow. „Die Zahl der Dinge, die sich mit den Facebook-Daten erforschen ließe, ist aber enorm.“

Ohne kommerziellen Hintergedanken forschen die Konzerne natürlich nicht. Das Wissen über das Verhalten und die Vorlieben der Nutzer lässt sich in Zukunft zu Geld machen. Dabei geht es nicht um den oft befürchteten Verkauf persönlicher Daten einzelner Nutzer. Andere Unternehmen könnten aber dafür bezahlen zu erfahren, was ihre Kunden denken und wollen. So könnte ein neues Modegeschäft schon vor der Eröffnung bei Facebook erfragen, welche Marken bei den Menschen im Einzugsgebiet gerade besonders gefragt sind. Oder eine Onlinepartnerbörse könnte erfahren, wann es sinnvoll ist, Werbung zu schalten, weil es gerade besonders viele Trennungen gibt.

Dieses Wissen dürfte sehr wertvoll werden – auch wenn die Ergebnisse nie hundertprozentig zuverlässig sind. Das zeigt das Beispiel von Andreas L. Er war nach New York gezogen, hielt mit den deutschen Freunden nur noch per Facebook Kontakt und änderte eines Tages wie Gabriel seinen Beziehungsstatus in „verheiratet“. Die Glückwünsche der Freunde kamen umgehend – und doch verspätet. Die Hochzeit sei schon Jahre her, schrieb L. – nur Facebook habe halt bislang nichts davon gewusst.

Philipp Vetter

Rubriklistenbild: © dapd

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