Wo die Fächergrenzen zerfließen

- Mit der Eröffnung des neuen Biozentrums hat ein frischer Wind auf dem Campus Großhadern-Martinsried der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) Einzug gehalten. Moderne Forschungsstätten und eine steigende Zahl von Wissenschaftlern in enger Nachbarschaft von Chemie, Naturwissenschaften und Medizin - das ist der posiotive Effekt. Nachteilig wirkt sich das jedoch auf das Studentenleben in der Innenstadt aus.

<P>In der lichtdurchfluteten Eingangshalle des Biozentrums riecht es nach frisch verlegtem Linoleum. Lange Bänke an den Fenstern laden ein, hier nach der Vorlesung zu verweilen. Insgesamt arbeiten hier jetzt 200 technische und wissenschaftliche Angestellte. Rund 600 Studenten geben sich die Klinke in die Hand. "Nicht viele Universitäten haben die Möglichkeit so auszubauen, wie die LMU", meint der Zoologe und Neurobiologe Professor Benedikt Grothe, Direktor des Departments Biologie 2. "Für uns ist es ein Glücksfall, dass wir jetzt alle unter einem Dach arbeiten können. Das war in der Innenstadt so nie denkbar", sagt er. </P><P>Und fügt hinzu: "Wir platzen schon wieder aus allen Nähten." Seit dem Bezug des neuen Biozentrums fließen auch wieder vermehrt Forschungsgelder. "Durch unseren neuen Standort können wir viel leichter Drittmittel anwerben, die Zahl der Doktoranden und Postdocs steigt ständig", sagt Charles David, Zell- und Entwicklungsbiologe am Biozentrum. In Martinsried verschwimmt die Trennung einzelner Teildisziplinen in der Biologie immer mehr. </P><P>"Selbst die Unterscheidung von Botanik und Zoologie hebt sich allmählich auf", erklärt David. Dafür erhält die Genetik und besonders die Epigenetik (die sich mit der Organisation der Gene im Erbgut und dem Lesen der Informationen befasst) einen immer gewichtigeren Rang. Auch das Genzentrum ist mit Blick auf neue Forschungswege bereits umstrukturiert worden. Das Biozentrum ist aber erst der Anfang des Exodus von Instituten aus München. Im Jahr 2008 ziehen auch die letzten Bio-Institute wie die Botanik aus Nymphenburg hierher. </P><P>Gebaut wird direkt neben dem Biozentrum ab diesem Mai. Die LMU-Hochschulplanung sieht vor, dass zuletzt alle Naturwissenschaften hier gebündelt werden. Für Grothe und David eine logische Konsequenz: "Unsere Vernetzung mit Nachbardisziplinen und den Max-Planck-Instituten, sowie dem IZB hier draußen wird immer besser", meint Grothe. "Die Wege sind kurz, und selbst beim Kaffeetrinken kann man noch einen wissenschaftlichen Gedankenaustausch anregen." Lediglich die öffentliche Anbindung des neuen Campus bereitet den Biologen Sorgen. Mit einer U-Bahn sei in den nächsten Jahren nicht zu rechen, so Grothe. </P><P>Der Bus von Großhadern ist immer überlastet, wenn morgens eine große Vorlesung über die Allgemeine Biologie ansteht. Am Abend, ab halb acht, fährt er nur noch im 40 Minuten Takt. Das Verkehrsproblem muss also noch gelöst werden. Doch sonst blicken die Biologen positiv in die Zukunft. "In ein paar Jahren haben wir hier einen Standort für die naturwissenschaftliche Forschung, der in Europa seinesgleichen suchen wird", meint Grothe. </P><P>Der Rektor der LMU, Professor Bernd Huber, sieht das ähnlich: "Wir haben hier die große Chance, die naturwissenschaftlichen und biomedizinischen Fächer auf einem Campus zu konzentrieren, der die tradionelle Fächertrennung aufhebt." Auf dem Campus, den die LMU als "School of Science" betrachtet, könne künftig die besonders spannende Forschung in naturwissenschaftlichen Grenzbereichen stattfinden, die jetzt durch räumliche Trennung behindert werde, meint Huber. Mittelfristig wolle die LMU dann auch die Physik aus der Innenstadt auf diesen Campus holen.</P>

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