Feminismus für Fortgeschrittene

- Irgendwann hat es Georg Plotke gereicht. Der Student setzte sich hin und schrieb einen Brief an den Dekan seiner Uni.

"Seit einiger Zeit schleicht sich in mehreren Vorlesungen die Unsitte ein, dass die zuhörenden Damen ihre Hüte nicht ablegen", schimpfte der junge Mann. "Ganz abgesehen davon, dass durch einen solchen Mangel an Rücksicht und an Sachlichkeit die Würde des Auditoriums verletzt wird, werden auch die Kommilitonen gestört und jedem, der seinen Platz hinter einer solchen Dame hat, der Ausblick auf den Dozenten genommen." Der Dekan handelte sofort: Am 4. Dezember 1911 erließ er ein Gesuch, die Studentinnen mögen im Kolleg die Hüte abnehmen.

Harte Zeiten für Frauen in der Wissenschaft -heute scheint das längst ein alter Hut zu sein. Wie die Statistik zeigt, halten sich Studentinnen und Studenten die Waage. Der Anblick junger Frauen in den Hörsälen, ob nun mit oder ohne Kopfbedeckung, ist keine Sensation mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit -solange es um die Plätze im Auditorium geht.

Wenn sich der Blick aber auf die Dozentenpulte richtet, sind selten Frauen zu sehen. Professorin Ulla Mitzdorf, die Frauenbeauftragte der Ludwig-Maximilians- Universität (LMU), erklärt: "14 Prozent Professorinnen stehen 86 Prozent Professoren gegenüber."

Je höher die Position auf der akademischen Karriereleiter, umso dünner wird die Luft für Frauen. Denn obwohl rund die Hälfte der Studienanfänger weiblich ist, finden sich unter den Doktoranden nur noch 38 Prozent Frauen. Unter denen, die sich in Vorbereitung auf eine künftige Professur habilitieren, stellen Frauen mit 22 Prozent nur noch ein gutes Fünftel. "In puncto Gleichberechtigung der Geschlechter haben wir an den Universitäten den Ideal-Zustand bei weitem noch nicht erreicht", lautet das Fazit von Ulla Mitzdorf.

Trotzdem ist die 62-jährige Wissenschaftlerin optimistisch. "Die noch bestehende Benachteiligung von Frauen ist gesellschaftlich bedingt, und die Gesellschaft ist im Wandel", sagt sie. "Ich denke schon, dass zum Beispiel eine Bundeskanzlerin Angela Merkel für heranwachsende Mädchen ein Vorbild ist."

Medizin studieren mehr Frauen als Männer

Frauen werden so lange für gleiche Rechte kämpfen, bis diese erreicht sind, erklärt Ulla Mitzdorf. Erst 1994 wurde ein wichtiger Schritt erreicht: Der Absatz 2 im Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes, der die Gleichberechtigung von Frau und Mann festschreibt, wurde um den Satz ergänzt: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."

"Das eröffnet für Frauen natürlich auch an den staatlichen Hochschulen neue Perspektiven", sagt Ulla Mitzdorf. Dennoch: Verbriefte Rechte sind das eine, die Realität eines noch immer patriarchalisch geprägten Uni-Klüngels ist das andere. "Männer werden häufiger als Frauen aufgefordert, eine akademische Laufbahn einzuschlagen", beobachtet die Frauenbeauftragte. Das liege nicht zuletzt daran, dass Menschen -psychologisch gesehen -immer das fördern, was ihnen ähnlich ist. "Und ein Professor sieht dann eben lieber einen jungen dynamischen Mann in seiner Nachfolge als eine Frau", so Ulla Mitzdorf.

Wenn sich die Emanzipation der Frauen in der Wissenschaft mit dem jetzigen Tempo weiterentwickelt, ist Geschlechter- Gerechtigkeit erst in 150 Jahren erreicht. Ulla Mitzdorf glaubt aber nicht, dass es noch so lange dauert. Lassen sich doch die heutigen Abiturientinnen nicht mehr von konservativen Rollenklischees beeindrucken: An den medizinischen Fakultäten zum Beispiel studieren mehr junge Frauen als Männer. "Nur in den technischen Fächern sind Frauen noch deutlich unterrepräsentiert", erklärt die Wissenschaftlerin, die selbst Physik studiert hat. "Und das wird sich ändern, sobald alles Technische nicht mehr den Mythos des Komplizierten, Weltfremden hat."

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