Fernsehen bremst das Gehirn

- Welche, wie viele und wie Menschen Informationen aufnehmen und im Gedächtnis behalten, gehört zu den spannendsten Fragen, denen die Neurowissenschaften, die Psychologie oder die Psychiatrie auf den Grund gehen. Über lebenslanges Lernen, die tägliche Informationsflut und warum sich Großeltern intensiv mit ihren Enkeln beschäftigen sollten, sprach Thorsten Naeser mit Prof. Manfred Spitzer, dem Ärztlichen Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie der Universität Ulm und Gründer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen.

Herr Professor Spitzer, bitte erläutern Sie die wichtigsten Erkenntnisse der modernen Hirnforschung für unser Gedächtnis.

Spitzer: Früher stellte man sich das Gedächtnis als eine Art Schuhkarton vor, in den Inhalte hineingelegt werden. Heute wissen wir, dass dies nicht zutrifft. Das Gedächtnis muss man sich als Winterlandschaft vorstellen, in der Leute herumlaufen. Irgendwo ist eine Glühweinbude und eine Toilette. Mancher, der bei der Glühweinbude war, wird auf die Toilette gehen. Betrachtet man die Landschaft, wird einem ein Trampelpfad auffallen. Im Gehirn laufen keine Leute durch den Schnee, aber es laufen Impulse über Synapsen. Hierdurch werden die synaptischen Verbindungen zwischen den Nervenzellen stärker. Es entstehen also Trampelpfade für Impulse.

Gibt es Umstände, die Schülern etwa das Lernen von Vokabeln erleichtern können?

Spitzer: Sie fragen letztlich, wie man "büffeln" soll. Meine Antwort lautet: Man soll überhaupt nicht büffeln! Vokabeln lernt man beispielsweise sehr gut im Land, etwa bei einem Schüleraustausch. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass ein halbes Jahr im Ausland die Sprache besser verfestigt als drei Jahre ein Leistungskurs. Wenn ein Auslandsaufenthalt besser ist als ein Leistungskurs, dann sollte die Sprache eben darüber gelernt werden. Ich glaube, wir tun hier noch viel zu wenig.

Gibt es kulturelle Unterschiede im Lernverhalten von Menschen?

Spitzer: Fragt man zum Beispiel Schüler in Korea, wer in Mathematik gut ist, dann lautet die Antwort: "Wer viel übt." Fragt man deutsche Schüler die gleiche Frage, so lautete die Antwort: "Wer begabt ist." Diese Einstellung hat Konsequenzen: In Korea wird viel geübt, die Koreaner sind im Vergleich in Mathematik in der Spitzengruppe. In Deutschland wird wenig geübt, weil die Schüler denken, dass derjenige, der dafür begabt ist, sowieso gut ist und derjenige, der unbegabt ist, keine Chance hat. Das Resultat ist, dass die deutschen Schüler in Mathematik im unteren Mittelfeld liegen. Es ist die Einstellung und diese ist kulturell vermittelt.

Wie wirkt sich der Medienkonsum auf das Gehirn und das Lernen aus? Sind wir überfüttert mit Informationen?

Spitzer: Man redet oft von Informationsüberfütterung. Das ist falsch, denn das Gehirn sorgt selbst dafür, dass es nur das aufnimmt, was es verdauen kann. Die Sache ist viel schlimmer: Untersuchungen zeigen, dass der Fernsehkonsum in der Kindheit und Jugend mit dem akademischen Erfolg in deutlichem Zusammenhang steht. Die beste Studie dafür ergab: In der Gruppe derjenigen, die mit fünf Jahren weniger als eine Stunde fernsahen, gab es über 50 Prozent Hochschulabsolventen und etwa zehn Prozent Schulabgänger. In der Gruppe mit mehr als drei Stunden Fernsehkonsum pro Tag gab es nur noch zehn Prozent Hochschulabsolventen und über 20 Prozent Schulabbrecher. Der Fernsehkonsum beeinträchtigt die geistige Entwicklung der Kinder.

Welche Art von Gehirntraining empfehlen Sie, um im Alter noch fit zu bleiben?

Spitzer: Ich halte nichts vom Kreuzworträtsellösen, mit dem man sozusagen die Bedürfnisse seines Gehirns abhakt, wie mit der Vitaminpille die Bedürfnisse seines Körpers. Ich glaube, es ist viel besser, wenn Menschen miteinander umgehen, einander helfen und miteinander reden. Das beste Gehirnjogging machen ältere Menschen mit ihren Enkeln!

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