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Via Internet - oder hier am Smart-TV - stellt sich der Zuschauer von morgen sein Programm selbst zusammen.

Via Tablet im Internet

Das ist das Fernsehen der Zukunft

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München - Auf dem Sofa vor dem Fernseher abhängen? Das war gestern. Die Zuschauer von morgen stellen sich ihr Programm selbst zusammen: via Internet – dort, wo die Sender auch immer mehr Konkurrenz bekommen. Ein Zustandsbericht.

Wenn Christoph P. von der Arbeit nach Hause kommt, lässt er sich oft auf die Couch fallen. Früher griff er automatisch zur Fernbedienung, doch das macht er schon lange nicht mehr. Heute greift er zum Tablet-Computer. „Ich schaue kein Fernsehen mehr“, sagt der 29-Jährige. Stattdessen surft der angehende Lehrer durchs Netz – und sucht sich dort das Programm zusammen, das ihn interessiert. Fernsehen nach Baukastensystem.

Ist Christoph P. ein Exot? Nein. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen, kurz IZI, sagt: „Ganz klar: Das Fernsehnutzungsverhalten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ändert sich gerade gewaltig.“ Das IZI ist an den Bayerischen Rundfunk angegliedert. Götz weiß: „Jugendliche wollen sich von Älteren abgrenzen.“ Aber: „Die Inhalte des linearen Fernsehens werden von Älteren gemacht“ – nur von Älteren.

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Lineares Fernsehen – damit meinen Experten wie Götz das klassische Programm der Sender, das sich ausschließlich in vorbestimmter Reihenfolge ansehen lässt. „Früher mussten die Jugendlichen diese Inhalte trotzdem anschauen, weil die Auswahlmöglichkeit fehlte.“ Das ist heute ganz anders.

Inzwischen ist die Auswahl im Netz fast unendlich: Videohäppchen lassen sich nicht nur bei Fernsehsendern, sondern auch online – bei Youtube und anderen Videoportalen – anschauen. Und auch auf das heimische Fernsehgerät ist kaum noch ein Jugendlicher angewiesen. Die Erwachsenen von morgen schauen längst auf ihren Handys oder Tablet-Computern. So wie Christoph P., der mit seinen 29 Jahren zwar längst erwachsen ist, doch als angehender Lehrer genau weiß, wie Jugendliche ticken.

Inhalte müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sein

„Ich kenne keinen Schüler, der heute einfach noch vor dem Fernseher sitzt und sich berieseln lässt“, sagt Christoph P. Auch seine Freunde und die Bekannten würden oft vom Fernseher aufs Internet ausweichen. „Die Sender zeigen einfach nicht das, was mich interessiert – oder zumindest nicht dann, wenn ich Zeit habe, es anzuschauen.

Genau das ist der Knackpunkt. „Jugendliche und junge Erwachsene werden immer die Inhalte wählen, die ihnen am schnellsten einen hohen Gebrauchswert bieten“, erklärt Forscherin Götz. „Da müssen die Inhalte der Sender zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sein – und der ist zunehmend das Internet.“

Bei den Sendern hat man dafür Verständnis. „Tablets eignen sich einfach verdammt gut zum Fernsehen“, sagt etwa Robert Amlung. Er ist beim ZDF für die digitale Strategie des Senders zuständig. „Besonders jüngere und höher gebildete Zuschauer weichen häufiger auf das Internet aus.“

Manche Sendungen haben online mehr Zuschauer als im TV

Die Sender setzen deshalb vor allem auf ihre Mediatheken. Mehr als 36 Millionen Mal wurde die Video-Datenbank des ZDF im vergangenen Jahr angeklickt – pro Monat. Besonders erfolgreich waren die Satire-Sendungen „Neues aus der Anstalt“ und „Heute-Show“. Aber auch Fußball und Spielfilme liefen via Internet gut, sagt Amlung. Und: Manche Sendungen haben online inzwischen sogar mehr Zuschauer als im Fernsehen – etwa eine Doku des Hessischen Rundfunks über den Internetversandhändler Amazon, erzählt Heidi Schmidt, Online-Koordinatorin bei der ARD.

Ein großes Problem bleibt den Sendern trotzdem: Eine einheitliche Fernsehquote lässt sich so nicht ermitteln. Dabei entscheidet dieser Wert über Erfolg und Misserfolg. „Derzeit gibt es zwei verschiedene Währungen: die Quote des linearen Fernsehens und die Abrufzahlen im Internet“, sagt ARD-Frau Schmidt. „Die Werte werden unterschiedlich erhoben und lassen sich nicht vergleichen.“ Allein schon deshalb, weil die Nutzer im Internet die Inhalte aktiv anklicken müssten. Zudem messe keine Quote, wie viele sich Sendungen auf illegalen oder halblegalen Wegen im Internet ansehen. Schmidt und ihre Kollegen nennen das „verborgene Quote“. Der angehende Lehrer Christoph P. zum Beispiel schaut sich vor allem US-Serien online an – und nutzt dabei nicht nur legale Angebote, wie er sagt. Auch deshalb will er seinen richtigen Namen nicht nennen.

Deutsche beschäftigen sich beim Fernsehen zunehmend fremd

Vielleicht hat sich die Quote aber ohnehin bald überholt. BR-Intendant Ulrich Wilhelm sagte erst vor kurzem bei den Medientagen: „Wir müssen uns emanzipieren vom Thema der Quote.“ Wichtig sei die Qualität – die Bedeutung der Quote werde zurückgehen.

Die Sender stellen sich jedenfalls auf das neue Fernsehzeitalter um – nicht nur die öffentlich-rechtlichen, auch die privaten. „Wir wollen mit unseren Sendungen auch im Internet erfolgreich sein“, sagt Markan Karajica, Geschäftsführer der Digitaltochter von ProSiebenSat1. „Wir schauen uns immer die Gesamtreichweite an: Das ist zum einen die klassische TV-Quote, zum anderen haben wir aber auch klare Ziele, wie viele Menschen wir im Internet erreichen wollen.“ Denn selbst wer den Fernseher einschaltet, schaut nicht zwangsläufig hin. „Vor fünf, sechs Jahren haben die Menschen noch vor dem Fernseher gesessen und sich berieseln lassen“, sagt Karajica. „Heute haben – je nach Studie – die Hälfte bis zwei Drittel nebenher ihr Smartphone oder Tablet auf dem Schoß.“ Dieses Phänomen nennen TV-Macher „Second Screen“.

"Die starke Senderbindung der Vergangenheit hat sich erledigt"

Vor allem Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter werden parallel genutzt. „Wir haben uns deshalb darauf eingestellt, dass wir unsere Zuschauer oder Nutzer zeitgleich auf mehreren Geräten erreichen müssen“, sagt Karajica. Die Sender produzieren also Videos, die nur fürs Internet bestimmt sind – kurze Filme, in denen man zum Beispiel hinter die Kulissen von Shows wie „Germany’s Next Topmodel“ oder „The Voice“ blicken kann. Und tatsächlich: Ein sattes Viertel der Videoabrufe auf den Online-Seiten von ProSiebenSat1 kommt von eben solchen Inhalten.

Bleibt die Frage: Wie wählen junge Zuschauer aus, was sie sich online ansehen? „Jugendliche bewegen sich im Internet vor allem in den Sozialen Netzwerken, wo Videos empfohlen werden“, sagt Fernsehforscherin Götz. „Die starke Senderbindung der Vergangenheit hat sich erledigt, geschaut wird heute, was von Freunden und Bekannten empfohlen wird.“ Das sind vor allem kurze Ausschnitte auf Youtube.

Die Fernsehsender bekommen es aber noch mit ganz anderen Konkurrenten zu tun: mit Online-Videotheken, den sogenannten Video-on-Demand-Plattformen. Drei aktive gibt es in Deutschland: Maxdome von ProSiebenSat1, Lovefilm von Amazon – und Watchever, das zum französischen Vivendi-Konzern gehört. Hier sind jederzeit Spielfilme und Serien erhältlich – in der Regel zu Schnäppchenpreisen.

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Ein Trend, der auch an den Öffentlich-Rechtlichen nicht spurlos vorübergeht. Das ZDF zum Beispiel versucht daraus sogar Nutzen zu ziehen: Es verkauft einen Teil eigener Inhalte an die Online-Videotheken – aus einfachem Grund: Es darf diese Inhalte nicht dauerhaft in der Mediathek zeigen. „Damit werden wir nicht reich“, sagt Digitalstratege Amlung. „Aber: Wir sammeln Erfahrungen.“

Kundenzahlen will keine der drei Online-Videotheken nennen. Doch eines steht fest: Das Potenzial der Plattformen ist riesig. Das kann man in den USA beobachten: Dort beherrscht das Unternehmen Netflix den Markt: 63 Prozent der Befragten nutzen den Dienst. Mehr als ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen gibt sogar an, mehr Videos online zu schauen als im klassischen Fernsehen.

Netflix hat 28,6 Millionen zahlende Mitglieder, es macht aktuell rund 150 Millionen Dollar Gewinn, produziert seit kurzem eigene Serien mit Hollywood-Größen wie Kevin Spacey, die nicht im klassischen TV laufen – und expandiert ins Ausland. Experten vermuten, dass Netflix 2014 den Angriff auf den deutschen Markt beginnen könnte.

Hierzulande gibt man sich aber gelassen. „Sorgen macht uns die Konkurrenz nicht“, sagt etwa ProSiebenSat1-Mann Karajica. Auch Fernsehforscherin Götz glaubt, „dass die Sender erkannt haben, dass sie reagieren müssen – wenn auch noch nicht in allen Dimensionen“.

Philipp Vetter

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