Feuer des Himmels

- Wisst ihr eigentlich, was die Schrittspannung ist?" Roland muss schreien, so laut prasselt der Gewitterregen auf das Autodach. Kurz zuvor hatte er mit den Worten "Ihr macht so ungefähr alles falsch, was man bei Gewitter falsch machen kann" die drei Erwachsenen und vier Jugendlichen, die dicht gedrängt auf ihren Campingstühlen in dem Hauszelt am Waldrand hockten, in ihre Autos auf dem nahen Feldweg gescheucht.

<P>Ein gewaltiger Blitz zuckt durch die dunkelgrauen Wolken und schlägt in einem nahen Hügel ein. Ein Blitzeinschlag kann einige 100 000 Ampere in die Erde jagen. Noch im Umkreis von 20 Metern fließt Strom durch den Boden. Befindet sich ein Mensch in diesem so genannten Spannungstrichter, überbrückt er, je weiter seine Füße auseinander stehen, eine umso größere Spannung. </P><P>Diese Schrittspannung kann einen gefährlich hohen Strom durch den Körper treiben, zu schweren Verletzungen und zu vorübergehender Lähmung führen. Kann man sich bei Gewitter nicht in einen Wagen oder ein Gebäude retten, lautet daher eine Verhaltensregel: Füße zusammen und weit entfernt von möglichen Einschlagstellen wie Bäumen, Holzmasten, Gegenständen aus Metall (wie Zeltstangen) und anderen Menschen in die Hocke gehen.</P><P>Aus den sicheren Autos heraus beobachten die Camper fasziniert die vom Sturm zerzausten, tiefgebeugten Pappeln, das braune, rasch fließende Wasser in dem zuvor nahezu trockenen Bach, der sich durch die Zeltwiese in der Eifel schlängelt, und das Spektakel in den Wolken.</P><P>Das "Feuer vom Himmel" hat die Menschen schon immer gefesselt und geängstigt. Der Blitz - das Wort stammt vom indogermanischen bhlei = leuchten - galt als Zeichen der Götter oder Ahnen, sie drohten, warnten oder signalisierten Versöhnung. Bei den Germanen schleuderte der Donnergott Thor oder Donar mit seinem Hammer die Blitze vom Himmel. Bei den alten Griechen demonstrierte Zeus mit seine Macht, bei den Römern Jupiter.</P><P>Erst 1752 bewies der amerikanische Staatsmann und Erfinder des Blitzableiters Benjamin Franklin, dass Blitze elektrische Entladungen sind.</P><P>Blitze sorgten vielleicht auch für das Leben auf der Erde: Blitzeinschläge haben nach einer Theorie von Evolutionsforschern in der "Ursuppe" der unbelebten Materie die ersten organischen Moleküle entstehen lassen.</P><P>Die gewaltige Kraft dieses leuchtenden Naturschauspiels beeindruckt auch in Zeiten von Blitzableiter und geerdeter Stromleitung. Mit Radargeräten wurden zwischen Wolken schon horizontale Blitze von 140 Kilometern Länge gemessen. </P><P>Jüngst berichteten Meteorologen von einem bisher unbekannten Blitztyp, der von der Oberseite mächtiger Gewitterwolken aus ein Dutzende Kilometer weites Geflecht leuchtenden Lichts bis 90 Kilometer hoch in den Himmel schickt. Vertikale Blitze sind im Schnitt fünf bis sieben Kilometer lang und zucken mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 000 Kilometern zwischen Himmel und Erde - das ist ein Drittel der Lichtgeschwindigkeit und würde ausreichen, den Blitz in einer Sekunde zweimal um die Erde zu jagen. Bei dem Tempo kann das menschliche Auge nicht erkennen, ob die Lichtspur von der Erde zur Wolke oder umgekehrt verläuft.</P><P>Erst Hochgeschwindigkeitsaufnahmen zeigen das Auf und Ab eines Blitzstrahls. Zuerst löst sich eine Vorentladung aus der Wolke und rast mit 300 Sekundenkilometern sprunghaft zur Erde. Diesem kaum sichtbaren Leitblitz springt von einem oder mehreren erhöhten Punkten eine elektrische Fangentladung entgegen und rast im Kanal des Vorblitzes nach oben. Der hell leuchtende Hauptblitz hat eine Stromstärke von mehreren 10 000 Ampère. Die bislang höchste gemessene Temperatur in einem Blitzkanal betrug 30 000 Grad Celsius - fünfmal so heiß wie die Oberfläche der Sonne.</P><P>Nach dieser ersten Entladung rasen noch mehrere Blitze so schnell hin und her, dass das Auge nur einen einzigen flackernden Zickzackstrahl wahrnimmt. Ein solcher Blitzkanal hat einen Durchmesser von nur wenigen Zentimetern.</P><P>Blitze entstehen durch die unterschiedliche elektrische Ladung von kleinen Wassertröpfchen und Eiskristallen innerhalb von Gewitterwolken. Durch Wind und damit verbundener Reibung werden kleinere Partikel positiv und die größeren negativ aufgeladen. Die kleineren Teilchen werden durch den Luftstrom an den oberen Rand der Wolke gewirbelt, so dass ein Ladungsungleichgewicht innerhalb der Wolke und zwischen dem negativ geladenen unteren Bereich der Wolke und dem Erdboden entsteht, welches nach Ausgleich strebt. </P><P>Wird diese starke Spannung zu groß, entlädt sie sich als Blitz. Die Luft dehnt sich durch das schlagartige Erhitzen wie die Schockwelle einer Explosion blitzartig aus: Donner kracht.</P><P>Obwohl die weitaus meisten Blitze innerhalb einer oder zwischen zwei Wolken überspringen, treffen Schätzungen zu Folge rund 100 Blitze pro Sekunde die gesamte Erdoberfläche.</P><P>Verhaltenstipps<BR>Wenn einen das Gewitter im Freien überrascht: </P>Ein Gebäude möglichst mit Blitzschutz, ein Auto (= Faraday'scher Käfig), aber kein Cabrio, einen gleich hohen Wald (Abstand zu Bäumen und tiefen Ästen mindestens drei Meter) aufsuchen; in einer nicht überschwemmten Bodenmulde mit dicht nebeneinander gesetzten Füßen in die Hocke gehen und die Beine mit den Armen umschlingen; möglichst großen Abstand zu anderen Menschen, Pferden, Kühen oder metallenen Gegenständen wie Zäunen, Zweirädern oder Golfschlägern halten; gefährliche Stellen wie Wasserflächen, Waldränder, allein stehende Bäume (egal, ob Buchen, Eichen oder andere), Hügel- oder Dünenspitzen meiden; sich keinesfalls flach auf den Boden legen oder laufen.<P><BR> </P>

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