Flickarbeit in der Zelle

- Professor Thomas Carell ist vernarrt. Vernarrt in die moderne Mona Lisa. Sein Büro ist voll mit Modellen von ihr. Die meisten davon hat der 40-Jährige in mühsamer Feinarbeit selbst gebastelt. Als "Mona Lisa der modernen Wissenschaft" bezeichnete der britische Kunsthistoriker Martin Kemp das menschliche Erbgut, die Desoxyribonukleinsäure (DNS). Denn sie ist ein Bild, das weit über seinen Zusammenhang hinaus wirkt. "Ich suche nach den Fehlern in der Mona Lisa", schmunzelt Carell.

Nur ungern hatte er sich von seinen Chemiestudenten gelöst, die ihn nach der Vorlesung in der Cafeteria mit Fragen bestürmen. Da musste alles Nachfolgende eben warten.

Der Chemiker ist Sprecher des Exzellenzclusters "Münchner Zentrum für integrative Proteinwissenschaften" der LMU München. Es wird nun fünf Jahre lang mit 6,5 Millionen Euro jährlich gefördert. An dem Projekt sind Wissenschaftler der LMU, TU München, der Max-Planck-Institute für Biochemie und Neurobiologie sowie des GSF Forschungszentrums beteiligt.

"Wir wollen mehr lernen über die einzelnen Proteine in der Zelle", sagt Carell. Vor allem die Faltung der Eiweiße wollen die Forscher in den interdisziplinären Gruppen untersuchen. Denn falsch gefaltete Eiweiße können zu schweren Krankheiten wie zum Beispiel Alzheimer oder Parkinson führen.

Die Arbeitsgruppe des Chemieprofessors konzentriert sich im Exzellenzcluster auf Schäden in der DNS "und alle Eiweiße, die damit zu tun haben", so Carell. Liegen nämlich Fehler in der Mona Lisa vor, springen so-genannte Reparaturenzyme ein, die die Schäden wieder ausmerzen. Bei der Mondscheinkrankheit, Xeroderma pigmentosum, ist ein Reparaturmechanismus defekt. So können UV-Strahlen der Sonne, die Menschen mit funktionierenden Reparaturenzymen nichts ausmachen, die Hautzellen der Erkrankten irreversibel schädigen. Wenn sie sich ungeschützt dem Sonnenlicht aussetzen, erkranken sie an Hautkrebs. Deswegen können sie nur nachts aus dem Haus gehen.

Eingriff in die DNS-Reparatur für neue Krebs-Therapien

"Mich interessiert alles, was anders ist", sagt Carell. Er und seine Gruppe erkunden deswegen unter anderem die Feinregulierung und Wechselwirkungen dieser Reparaturenzyme, die Carell die eigentlichen "Spieler" an der DNS nennt. "Die neuen Proteine, die wir entdecken, könnten sicher einmal Ansatzpunkte für Therapien dieser Krankheiten oder gegen Krebs sein", meint er.

Interesse am Andersartigen ist wohl auch der Grund dafür, dass Carell viele ausländische Mitarbeiter beschäftigt. Demnächst beginnt im Rahmen des Exzellenzclusters sogar eine Iranerin mit ihrer Doktorarbeit in den Großhaderner Labors. Ob sie wohl noch mehr Fehler in der Mona Lisa entdecken kann?

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