Folatmangel schädigt Babys

- Jedes Jahr werden in Deutschland hunderte Kinder mit Herzfehlern, einem offenen Rücken mit Querschnittslähmung, einem beginnenden Wasserkopf, schwersten Hirnschäden, oder einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren. Sehr viele von ihnen hätten gesund geboren werden können, wenn ihre Mutter ausreichend mit dem B-Vitamin Folat (Folsäure) versorgt worden wäre.

Folatmangel ist kein Arme-Leute-Schicksal: Durch Ernährungsfehler und ungesunde Nahrungsmittel müssen auch in den wohlhabenden Industriestaaten Kinder mit Fehlbildungen leben, beklagt Kinderarzt Prof. Berthold Koletzko (Ludwig-Maximilians-Universität München. Und damit nicht genug - internationale Studien zeigen zunehmend, dass Folatmangel auch dem Körper Erwachsener schadet. Alterserkrankungen und sogar Krebs werden offenbar gefördert. Der Grund: Folat hilft beim Abbau von Zellgiften, die sonst die normale Zellteilung stören und die Wände der Gefäße angreifen.Bayern will nun als erstes Bundesland mit einer "Folatinitiative" die Gesundheit seiner Bevölkerung verbessern. "Mit keinem anderen Vitamin sind die Bayern schlechter versorgt", erklärte Gesundheitsstaatssekretärin Emilia Müller bei der Startveranstaltung in München. Neben einer Informationskampagne über folatreiche Ernährung (auch in Kliniken!) wird für die freiwillige (gekennzeichnete) Anreicherung von Salz und Mehl geworben.Die erste deutsche  Vitamin-Aktion in Bayern

Das Gesundheitsministerium arbeitet bei der Folat-Aktion eng mit der Organisation "Health Care Bayern" und dem Arbeitskreis "Folsäure und Gesundheit" zusammen. Vorbilder gibt es genug: "38 Länder praktizieren bereits eine Langzeitvorsorge", betonte Gesundheitsforscher Prof. Friedrich-Wilhelm Schwartz (Medizinische Hochschule Hannover, Leiter des Bereichs Prävention in "Health Care Bayern").Im Gegensatz zu den USA oder Ungarn, wo verschiedene Grundnahrungsmittel generell mit Folsäure angereichert werden, setzt Bayern auf Freiwilligkeit. Etwa in den Kantinen. "30 Kantinen der Betriebskrankenkassen reichern bereits das Essen an", so Schwartz erfreut. Mit dabei sind Audi und die HypoVereinsbank und ab Oktober auch der Bayerische Landtag.

Wie notwendig allein die Prävention bei werdenden Müttern ist, beweist die "Bayerische Verzehrstudie": Nur 13 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter erreichen optimale Folat-Werte. Bayerns Männer decken ihren Bedarf zu 38 bis 54 Prozent, Frauen zu 32 bis 52 Prozent. Wenn der menschliche Organismus richtig mit dem Vitamin versorgt ist, dann sind nach neuen Studien nicht nur die Neugeborenen gesünder. Auch Herz, Hirn und Knochen der Erwachsenen sind offenbar besser vor Schädigungen geschützt. Bei einer gerade beendeten Mailänder Studie mit 818 Menschen von 50 bis 70 Jahren, die über drei Jahre entweder zusätzlich Folsäure oder ein Scheinvitamin (Placebo) bekamen, war die Gehirnleistung der Vitamingruppe deutlich besser, wie Prof. Klaus Pietzrzik (Institut für Ernährungswissenschaft der Uni Bonn) berichtete.

Nach Langzeitbeobachtungen in den USA konnte mit guten Folatwerten das Risiko für Herz- und Hirninfarkte um 13 Prozent gesenkt werden. Erste klinische Studien in Europa weisen zudem auf eine Schutzfunktion gegen Osteoporose und gegen Demenzkrankheiten (wie Alzheimer) oder Depressionen hin. Selbst eine Krebsschutzfunktion durch das B-Vitamin wird diskutiert.Das Folat spielt eine zentrale Rolle bei der Verstoffwechselung von "Homocystein", einem körpereigenen Stoffwechselprodukt, das beim Abbau von Nahrungseiweiß entsteht. Bei Folatmangel erhöhen sich sich im Körper die Werte des zellgiftigen Homocystein. Bei gesunden Menschen und bei ausreichender Versorgung mit Folsäure, sowie den Vitaminen B6 und B12 wird es schnell in eine ungiftige Form (Cystein) umgewandelt.Die meisten Deutschen haben mehr Folat nötig: Im Durchschnitt nehmen alle nur die Hälfte der Tagesdosis von 400 Mikrogramm (Schwangere brauchen über 600, und bereits vier Wochen vor der Empfängnis ).Lexikon aktuell: Folat/FolatsäureWasserlösliches, für den Stoffwechsel wichtiges Vitamin der B-Gruppe, das 1941 entdeckt und zuerst aus Spinatblättern gewonnen wurde (aus lateinisch Folium = Blatt leitet sich Folat ab). Blattgemüse, Salat, Kohl, Tomaten, Orangen, Vollkorngetreide, Leber und Eier enthalten viel Folat. Doch bei der Zubereitung geht ein Teil verloren: außerdem verwertet der Körper nicht alles, was bei der Tagesdosis von normal 400 Mikrogramm berücksichtigt werden muss.Wo die Ernährung nicht ausreicht, hilft synthetisch hergestellte Folsäure (in Tabletten), die der Körper komplett verdaut.

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