Der Fan als Forschungsobjekt

- Was macht einen Fußballfan zu einem ergebenen Anhänger eines Vereins oder der Nationalmannschaft? Warum rasten Fans aus, weinen, schreien und fallen sich in die Arme? Woraus begründet sich die Faszination einer Weltmeisterschaft? Sport- und Sozialpsychologen analysieren diese gesellschaftlichen Phänomene und sind sich sicher: Dramatik, Glück und Überraschungsmomente sind die Magneten, die die Menschen in die Stadien ziehen.

Nationale Großereignisse faszinieren die Menschen

"Ist man Anhänger einer Mannschaft, gibt es viele Formen, dies zu bekunden", erklärt Professor Heiner Keupp, Leiter des Lehrstuhls für Reflexive Sozialpsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Da gibt es den milieubezogenen Fan, der sich aufgrund seiner Herkunft und seines Umfeldes stark mit seinem Verein identifiziert, auch wenn dieser oft verliert, oder den Edelfan, dessen Sympathie vor allem vom Erfolg des Vereins abhängig ist. Die unangenehmste Ausprägung ist dann der Hooligan, der zwar eine starke Bindung zum Verein hat, aber in der dritten Halbzeit seine Gewaltbereitschaft ausleben will. "Fußballfan wird man oft schon im Kindesalter", sagt Keupp. "Hier geschieht eine Prägung, die oft ein Leben lang anhält."

Jetzt zur Weltmeisterschaft lassen sich auch vermehrt die Frauen vom WM-Fieber anstecken. "Eine Weltmeisterschaft ist ein nationales Großereignis und für Großereignisse lassen sich auch Menschen mitreißen, die ein geringes Interesse am Fußball haben. Da entsteht ein spezielles 'Wir-Gefühl'", erklärt Keupp.

Die Faszination Fußball macht zu einem großen Teil die Einfachheit des Spiels aus, meint der Sozialpsychologe. Ein entscheidender Faktor ist auch die Dramatik, bei einigen Begegnungen, wie etwa beim Champions-League Finale 2001, das der FC-Bayern in den letzten zwei Minuten verlor. "Unsere Welt ist oft bis ins kleinste Detail durchorganisiert", sagt Keupp, "der Fußball ist da anders, er bringt Dramatik in den Alltag." Da ist man auch bereit, sich viele langweilige Spiele anzuschauen, um dann einmal auch einem großen Ereignis beizuwohnen.

Warum nun ticken gerade Männer so aus, wenn sie mit ihrem Verein mitfiebern? Oft sieht man sie nach einem verlorenen Spiel sogar weinen. Für Keupp ist klar: "Wir Männer werden meist so erzogen, dass wir Stärke zeigen müssen. Tränen haben da keinen Platz. Hier bietet der Fußball eine hervorragende Kompensationsfunktion." Damit könne man nach einem Bundesligawochenende den Härten der Arbeitswoche besser begegnen.

Prof. Bernd Strauss von der Sportpsychologie der Uni Münster sieht das Phänomen ähnlich: "Der Glücks- und Zufallsanteil bei Fußball ist höher als bei anderen Sportarten, das zieht die Massen an." Da die Menschen das Bedürfnis haben, nach Ursachen auch im Zufall zu suchen, ist das Spiel besonders für Diskussionen und Spekulationen attraktiv. Bei der Weltmeisterschaft komme noch dazu, dass sie den Hauch des Besonderen habe, meint der Sportpsychologe.

Identifikation nimmt zu, sobald der Erfolg da ist

Strauss und sein Team haben die Weltmeisterschaft 2002 und die Europameisterschaft 2004 unter die Lupe genommen und die Münsteraner Bevölkerung nach ihrer Identifikation mit der deutschen Mannschaft befragt. Dabei stellte sich heraus, dass das Interesse an den Spielen, vom Beginn der WM bis zum Endspiel mit dem Erfolg um 40-50 Prozent anstieg. "Man identifiziert sich gerne mit Siegern", sagt Strauss.

Um solche Fan-Phänomenen zu erforschen, gibt es wissenschaftliche Befragungen. Eine Online-Umfrage zur WM führen die Sportpsychologen der Uni Münster durch. Internet: www.uni-muenster.de/Sportpsychologie.

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