Unterwegs mit „Ninja“: Wenn der Superstar „Fortnite“ spielt, schauen Tausende gebannt zu. Der 27-Jährige überträgt seine Spiele live.

Gamescom 2018

Vorsicht, Suchtpotenzial! Dieses Spiel legt ganze Netzwerke lahm

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Es legt WLAN-Netzwerke lahm, zieht Kinder wie Erwachsene in seinen Bann und ist für seine Macher die ultimative Goldgrube: Wie ein kostenloses Ballerspiel ohne Gewaltszenen die halbe Welt verrückt macht.

München – Gut, dass in Bayern gerade Sommerferien sind. So bleibt den Lehrern ein Problem erspart, mit dem Kollegen in den USA gerade zu kämpfen haben. Dort brechen reihenweise die Internet- und WLAN-Netze der Schulen zusammen, weil zahllose Kinder im Unterricht heimlich das wohl größte Spiele-Phänomen zocken, das es je gab. „Sie wollen an unserer Schule ,Fortnite‘ verbieten. Aber sie wissen nicht, wie sie den Server blockieren“, spotten die Kids im Internet. Und so spielen sie weiter und weiter und weiter – genau wie mittlerweile über 125 Millionen Menschen weltweit, die vom „Fortnite Battle Royale“-Virus befallen sind.

„Fortnite“: Auch Griezmann ist ein Fan

Zehn- bis 15-Jährige gelten als Hauptzielgruppe des US-Spieleherstellers Epic, zum Verdruss vieler Eltern, die ihre Kinder kaum mehr vom Bildschirm wegbekommen. Doch das „Fortnite“-Fieber hat längst auch Millionen von Erwachsenen infiziert, beispielsweise Frankreichs Weltmeister Antoine Griezmann, der seine Tore bei der Fußball-WM mit den Tänzen der Spielfiguren feierte.

Fortnite hier, Fortnite da – schon seit dem Frühjahr hat es auch auf bayerischen Schulhöfen kaum mehr ein anderes Thema gegeben als das niedlichste und bunteste Killerspiel aller Zeiten, dessen Prinzip tatsächlich kinderleicht zu verstehen ist. Exakt 100 Spieler, die online vernetzt sind, werden aus einem fliegenden Party-Bus über einer Insel abgeworfen und kämpfen dort gegeneinander – bis ein letzter Überlebender als Sieger der Runde übrig bleibt. Darwinismus als Spiel, ein archaisches Prinzip.

Einer gewinnt, 99 verlieren und haben kein anderes Ziel, als es beim nächsten Mal besser zu machen. Dazu sammeln sie Rohstoffe, bauen Waffen und Verteidigungsanlagen, die namensgebenden Forts. Cleverness und pfiffige Taktiken lohnen sich, stumpfes Metzeln führt nicht zum Sieg. Die Teilnehmer können auch zu zweit oder zu viert in einer Gruppe spielen, dann werden Teamgeist und Kooperation zu einem wichtigen Element. Die Hatz auf die Gegner wird in harmlos wirkender und oft sehr witziger Comic-Optik gezeigt – beinahe so, als würde Kater Sylvester auf die Jagd nach Vögelchen Tweety gehen. Gewaltszenen und Blut fehlen komplett.

„Fortnite“ ist ein Ballerspiel ohne Gewaltszenen

Die Medien-Website spieleratgeber-nrw.de warnt zwar vor der Kernaussage des Spiels: „Die Waffengewalt ist die einzige Möglichkeit, die Runde für sich zu entscheiden.“ Und der 10-jährige Max hat dem Online-Magazin Ze.tt überaus plastisch erklärt, wie sein Lieblingsspiel funktioniert: „Wenn es zum Kampf kommt, nutze ich meist die Pumpgun, feuere einen Schuss, damit ihr Fort kaputtgeht, und wechsle sofort zum Trommelgewehr, weil damit die Chance höher ist, sie zu treffen.“ Aber zur Erleichterung vieler Eltern fehlt hier die exzessive und rohe Gewaltdarstellung anderer Spiele.

Das Hauptproblem, das viele Mütter und Väter mit „Fortnite“ haben, ist vielmehr das nimmermüde Zocken ihrer Kinder auf PlayStation 4 und Xbox One, Nintendo Switch, iPhone oder iPad, wie Medienpädagoge Torben Kohring in der „Zeit“ erklärt: „Eltern fragen nicht mehr, wie gewalttätig ein Spiel macht, sondern wie sie in den Griff bekommen sollen, dass ihr Kind stundenlang spielt.“ Er hält den Inhalt des Spiels für relativ unproblematisch.

Doch der kleine Max dürfte „Fortnite“ eigentlich noch gar nicht zocken. Denn offiziell ist das Spiel erst ab 12 Jahren freigegeben. Der spieleratgeber-nrw.de rät aber zu einem Limit von 14 Jahren – und zu einer Spielzeit von höchstens einer Stunde täglich. Noch besser: Maximal zwei Spielrunden am Tag. Denn das Kind nach 60 Minuten, kurz vor Abschluss einer Runde, von der PlayStation wegzuholen, erzeugt nur Frust und Ärger. Weiterer Tipp der Experten: Eltern sollten „Fortnite“ zumindest zu Beginn gemeinsam mit ihrem Nachwuchs spielen, um zu verstehen, was das Kind daran so fasziniert, und um die Gewalt besser einschätzen zu können.

Bedenklicher als der Inhalt von „Fortnite Battle Royale“, das zunächst nur als Ableger des Actionhits „Fortnite“ entstanden ist, ist das Geschäftsmodell von Hersteller Epic. Denn das Spiel ist gratis, zumindest theoretisch. Der Download und das Zocken kosten exakt null Euro – dieses Lockvogelangebot zieht gerade junge Fans magisch an.

Hinter dem Spiel steckt ein Milliardengeschäft

Und dennoch hat Epic seit der Veröffentlichung vor knapp einem Jahr rund 1,2 Milliarden Dollar mit dem Spiel erwirtschaftet – ausschließlich durch Zusatzkäufe innerhalb der App, mit der die Fans neue Kleidung für ihre Figuren oder neue Designs für ihre Waffen kaufen können. Zwischen 5 und 110 Euro werden dafür fällig. Und fürs Renommee auf dem Pausenhof sind die Klamotten und Verkleidungen aus „Fortnite“, die vom Disco-Tänzer bis zum Kaninchen reichen, heute so wichtig wie früher die neuesten Turnschuhe von Adidas. Epic hat eine gewaltige Taschengeld-Falle und eine Geldmaschine geschaffen – für sich selbst und für eine ganze „Fortnite“-Industrie, deren Superstar Tyler „Ninja“ Blevins heißt.

Der Superstar der Szene heißt Tyler Blevis alias Ninja.

Der 27-jährige Profi-Spieler, mal mit pinken und mal mit grünen Haaren unterwegs, überträgt seine Partien auf Amazons Streamingdienst Twitch und auf YouTube, wo er 16,8 Millionen Abonnenten hat. Pro Spiel schauen ihm nicht unter 100.000 Fans zu. Als Rap-Superstar Drake mit Ninja zocken durfte, nannte er ihn ehrfürchtig „meinen Gott“. Gerade hat der Fortnite-Champion einen Sponsorenvertrag mit Red Bull unterschrieben. Sein Monatseinkommen, nur fürs Zocken, wird auf mindestens 500 000 Dollar geschätzt.

Und weil überdurchschnittlich viele Mädchen verrückt nach Fortnite sind, gibt es auch ein weibliches Pendant. Die 22-jährige US-Marokkanerin Imane Anys alias „Pokimane“ kommt auch schon auf über zwei Millionen YouTube-Abonnenten. Diese Zahlen dürften noch mächtig steigen. Denn seine größten Zeiten hat „Fortnite Battle Royale“ noch vor sich, das wie eine Fernsehserie in Staffeln aufgeteilt ist, die für immer neue Spielelemente sorgen.

Gewalt ohne Gewaltdarstellung: Die Welt von „Fortnite“ ist bunt und blutlos.

Der Start auf dem Milliardenmarkt China steht bevor. In den USA bezahlen viele Eltern bereits „Fortnite“-Nachhilfe für ihre Kinder – in der Hoffnung auf eine Karriere als schwerreicher E-Sportler. Und gerade ist das Spiel in einer Beta-Version für Android-Handys erschienen, für die größte Spieleplattform der Welt. Um diese App gibt es Riesenärger. Denn weil Epic nicht die üblichen 30 Prozent Provision an Google abtreten will, lässt sich dieses „Fortnite“ nur auf Umwegen vom Epic-Server laden.

Hierfür müssen die Spieler die Sicherheitsmaßnahmen ihres Android-Handys deaktivieren, was in den nächsten Wochen und Monaten für massive Probleme und Hackerangriffe sorgen dürfte. Dann läuft Fortnite

erstmals auf praktisch jedem aktuellen Smartphone. Ferienende in Bayern ist übrigens am 11. September. Es werden harte Zeiten für die Internet-Anschlüsse der Schulen – und für die Lehrer.

„Fortnite“ und die Konkurrenz

An „Fortnite Battle Royale“ führt auch auf der Spielemesse Gamescom in Köln (bis 25. August) kein Weg vorbei. Hersteller Epic veranstaltet täglich eine aufwendige Show, bei der YouTuber um die Wette zocken.

Mit dem Über-Hit kann in Köln nur ein Spiel mithalten – FIFA 19, die neueste Ausgabe des beliebtesten Fußball-Computerspiels der Welt, das am 28. September für 60 bis 70 Euro erscheint. Spannendste Neuheit für FIFA-Fans: Fortnite gibt es jetzt auch beim Fußball. Denn Hersteller Electronic Arts hat erstmals einen von dem Kultspiel inspirierten Überlebens-Modus eingebaut. Zu Beginn stehen dabei 22 Fußballer auf dem Platz. Doch bei jedem Gegentreffer muss ein Akteur den Rasen verlassen.

Konkurrenzlos bei den jungen Spielern sind Fortnite und FIFA 19 aber nicht. „PUBG (PlayerUnknown’s Battlegrounds)“ funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie Fortnite: Überleben, bis nur mehr ein Spieler übrig bleibt. PUBG ist allerdings nicht kostenlos, sondern ab etwa 15 Euro zu haben. Und es zeigt Gewalt deutlich drastischer.

Eltern, denen solche Spiele generell zuwider sind, können versuchen, ihrem Nachwuchs den immer noch sehr gefragten Klassiker „Minecraft“ schmackhaft zu machen, der als App acht Euro kostet. Hier bauen die Spieler ganz ähnlich wie bei Fortnite in einer Art riesigem Sandkasten nach Lust und Laune, sammeln Ressourcen und entdecken die Welt – in einem Kreativ-Modus auch völlig ohne Gewalt.

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