Fressen für die Forschung

- Die Kühe fressen im Dienste der Wissenschaft: Den Tierpfleger begrüßt im Stall in Grub bei München erwartungsvolles Muhen, als er mit einem Eimer den Stall betritt. Darin ist gehäckselter Bt176-Mais, die Ration für die Kuh in Box Nummer sechs. Das Futter, das der Pfleger in den Trog schüttet, wäre ohne moderne Wissenschaft nie gewachsen: Der Mais ist gentechnisch verändert.

"Wir wollen wissen, ob sich der Mais auf das Fleisch und auf die Gesundheit der Tiere auswirkt", erklärt Professor Heinrich Meyer. Welche Ängste die Gentechnologie weckt, hat der Physiologe von der Technischen Universität München selbst erfahren. Auch vor den Ställen der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Grub standen schon wütende Demonstranten, in den Händen Transparente gegen die Versuche mit dem Bt-Mais.

Um mehr Sicherheit geht es indes auch Meyer. Die TU-Forscher betreiben daher einen Aufwand wie bei der Zulassung eines neuen Medikaments. "90 Prozent der Arbeit macht dabei die Sicherheit aus", erklärt Meyer. Auf gentechnisch veränderte Pflanzen wird man schon bald nicht mehr verzichten können, davon ist er überzeugt. Weltweit steigt der Bedarf an Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen. Knapp werden dagegen die Anbauflächen.

Allein der Maiszünsler, ein unscheinbarer Nachtfalter, vernichtet rund 7 Prozent der Maisernte. Die Raupen bohren sich in den Stängel und die Pflanzen knicken ab. Was der Schädling nicht selbst zerstört, besorgen Pilze. "Die Fraßlöcher dienen ihnen als Eintrittspforte", erklärt Steffi Wiedemann, Mitarbeiterin in Meyers Labor.

Der Mais, den die Kühe im Versuchsstall fressen, setzt sich gegen den Parasiten zur Wehr. Wissenschaftler haben den Pflanzen ein Gen aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis eingebaut. Der veränderte Bt-Mais versteht die Sprache und übersetzt die neue Erbinformation in ein Eiweiß, das so genannte Cry-Protein. Für den Maiszünsler macht es die Mahlzeit tödlich. Für Säugetiere bleibt der Mais ungiftig.

Was aber passiert im Körper der Kuh mit dem Eiweiß und der Erbinformation (DNA) aus dem Bakterium? Die TU-Wissenschaftler wollen es wissen: Sie untersuchen das Fleisch, den Darm-Inhalt und den Kot der Tiere. Aus den Proben gewinnen sie ein Gemisch aus Eiweißen und die fremde DNA.

Das das bakterielle Gen und das Cry-Protein aufzuspüren, ist Detektivarbeit. Damit kein Molekül ihren Augen entgeht, bedienen sich die Forscher einiger Tricks. Die so genannte Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) ist einer davon. Sie funktioniert wie eine Kopiermaschine für DNA. Mit ihrer Hilfe kann man schon wenige Moleküle in einer Probe finden. "Vor zwanzig Jahren wäre das noch undenkbar gewesen", sagt Meyer.

Das Ergebnis lässt Steak-Liebhaber aufatmen: Im Fleisch haben die Wissenschaftler nichts gefunden. Die fremde Erbinformation wird im Darm nach und nach abgebaut.

Anders müssen die Forscher mit dem Eiweiß-Gemisch umgehen: Wenn Hitze das Protein zerstört, funktioniert der Nachweis nicht mehr. "Unseren Studenten demonstrieren wir das im Versuch", sagt Meyer lachend. "Wir machen Popcorn aus genverändertem Mais. Wenn sie das Cry-Protein nicht mehr finden, sind alle immer ganz überrascht."

Unter vielen anderen Eiweißen müssen die Forscher das Cry-Protein aber erst einmal finden. Auch das geht nicht ohne Raffinesse: Wie mit einem Sieb werden die Eiweiße auf einem so genannten Agarose-Gel nach ihrer Größe sortiert. Das farblose Gel, das aussieht wie der Guss auf dem Obstkuchen, liegt in einer kleinen Plastikwanne, bedeckt von einer farblosen Lösung. Mit elektrischem Strom bringt Steffi Wiedemann die Eiweiße in Bewegung.

Entwarnung für Fleisch-Liebhaber

Eine Stunde später ist das Gel fertig. Noch einmal so lange dauert es, bis die sortierten Eiweiße auf eine hauchdünne Membran gepaust sind. Irgendwo auf der dünnen Folie muss das Cry-Protein sein, wonach die Forscher suchen. Spezielle Antikörper spüren es für sie auf. Steffi Wiedemann gibt die Membran in eine Färbelösung. Schon nach wenigen Minuten erscheint eine dünne, blaue Linie - das Eiweiß ist gefunden. An anderer Stelle ist keine Farbe. Die Wissenschaftlerin weiß jetzt: Das Fleisch ist in Ordnung.

Ob die Tiere gesund sind und ob sie sich weiterhin fortpflanzen können, überprüfen andere Wissenschaftler. Für den Physiologen ist Sorgfalt oberstes Gebot: " Gentechnik ist weder gut noch schlecht", sagt Meyer. "Es kommt darauf an, wie man damit umgeht."

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