Ein friedlicher Siegeszug

- Maibaum, Narrenbaum, Richtbaum - das Brauchtum ist durchwuchert von Bäumen. Doch keine Geschichte ist so glanzvoll wie seine: Rund 300 Jahre brauchte er von seinen Anfängen in deutschen Zunftstuben bis in die Wohnung jeder bürgerlichen Familie auf der ganzen Welt. Seither ist der Christbaum das leuchtende Zentrum jedes Weihnachtsfests.

Immergrüne Zweige gegen böse Geister

Anders als die Entstehung des Adventskranzes liegt die des Christbaums im Dunkeln. "Wer den ersten Christbaum schmückte, weiß niemand", sagt Dr. Rainer Wehse vom LMU-Institut für Volkskunde. Fest steht aber: Vor dem leuchtenden Tannenbaum war der immergrüne Strauß. Schon im Mittelalter holte man sich Fichtenzweige, aber auch solche von Eiben, Stechpalmen und Wacholder in die Stube. Dem Volksglauben nach sollten sie Unheil abwehren. "Wie verbreitet der Brauch war, weiß man zum Beispiel aus Polizeiakten", sagt Wehse. Denn die Plünderungen in den Wäldern waren so heftig, dass die Obrigkeit mit Verboten durchgriff.

Die erste Nachricht von einem Christbaum, wenn auch noch ohne Kerzen, stammt laut Wehse dann aus Bremen. In einer Quelle von 1570 ist von einem Dattelbaum die Rede. Zeugnisse von weihnachtlichen Zunftbäumen gibt es aus dieser Zeit mehrere. An ihnen hängen Nüsse und Äpfel, die die Kinder an Weihnachten vernaschten. "Auch die heutigen Kugeln waren ursprünglich stilisierte Äpfel", sagt Wehse.

Dass gerade die verbotene Frucht des Paradieses zum ältesten Baumschmuck gehört, liegt vielleicht nicht nur daran, dass Äpfel lange frisch bleiben. In der Kirche wurden an Weihnachten früher Paradies-Spiele aufgeführt. Notwendige Requisite: ein mit Äpfeln behängter Baum. Er sollte an den Sündenfall und die Befreiung von der Erbsünde durch Jesus Christus erinnern. In Norddeutschland gehörten Adam und Eva, inklusive Schlange, noch lange zum Christbaum-Schmuck.

Im 17. Jahrhundert beginnt der Christbaum dann zu leuchten. Einer der ersten Belege für einen Weihnachtsbaum mit Kerzen stammt von Lieselotte von der Pfalz. In einem Brief von 1708 trauert sie im fernen Elsass den Weihnachtsbräuchen ihrer Kindheit nach. Im 18. Jahrhundert zieht der Christbaum dann in die festlich geschmückten Räume des deutschen Adels und Großbürgertums. "Der Christbaum ist eine deutsche Erfindung", sagt Wehse. Doch sein Erfolg ist international. Um 1820 gibt es erste Christbäume in Prag und Norwegen. Als sich die englische Königin Victoria 1840 mit Albert von Coburg vermählte, importierte sie damit auch den Brauch des Weihnachtsbaums. Russland, die Niederlande und Italien übernahmen den Christbaum. 1912 erstrahlte dann der erste öffentliche Weihnachtsbaum im Madison Garden in New York.

Seither hat sich der Brauch kaum verändert. Glaskugeln, Holzfiguren, Nüsse und Äpfel gehören immer noch zum traditionellen Weihnachtsschmuck. Nur der Name des Weihnachtsbaums ist in Gefahr: So entschied sich die Stadt London vor einigen Jahren zu einer Änderung - um Nichtchristen nicht zu verletzen: Statt Christbaum sollte es in öffentlichen Schriften nunmehr heißen: "festliche gartenbauliche Elemente".

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