Ganz grau vor Angst

- Mit seinem Wissen würde der Mann heute reich werden. Richtig reich. Leider wurde Nikolai Kondratieff aber 1892 geboren und stand 1938 vor Stalins Erschießungskommando. Der russische Wirtschaftsguru hatte die Weltwirtschaftskrise vorausgesagt - und den Aufschwung der westlichen Welt. Seine Theorie lebte weiter - und ist heute begehrter denn je.

<P>Denn mit den Erkenntnissen des Ökonomen bestimmen Trendforscher auch die deutsche Zukunft: Welche Farbe müssen die Autos haben, die in zehn Jahren verkauft werden? Wie sehen die Kleider aus, die die Frauen dann tragen wollen? Werden die Menschen Häuser suchen, die große oder kleine Fenster haben? "All das können wir vorhersagen", behauptet Helmut Gaus, Professor für Sozialwissenschaft an der Universität Gent. </P><P>Psychologie regelt den Markt</P><P>Eine kühne Behauptung - auf einer kühlen Basis. Nikolai Kondratieff hatte sich die Entwicklung der Wirtschaft in England, Frankreich und den USA seit dem 18. Jahrhundert angesehen. Dabei stellte er fest, dass Wirtschaft und Wohlstand seit etwa 1780 in Wellen verlaufen. Etwa 25 Jahre, so Kondratieff, lägen zwischen dem Auf und Ab der Konjunkturzyklen. Der junge Wirtschaftswissenschaftler wollte wissen, warum das so ist - und kam zu dem Schluss: alles Psychologie. Ob und was die Menschen kaufen, hat über die Jahrhunderte hinweg immer mehr mit ihrem See-lenfrieden zu tun gehabt als mit Preisen, Zinsen oder Löhnen. Kondratieff bringt es auf den Punkt: Es geht um Angst. Auf- und abflauende Angstwellen bestimmen das Konsumverhalten. Regelmäßig und berechenbar.</P><P>Und da kommt Helmut Gaus ins Spiel. Der Sozialwissenschaftler sagt auf Gundlage der Kondratieff-Zyklen voraus, was der Verbraucher künftig kaufen wird. Eines von Gaus Lieblings-Beispielen ist die Mode: Den "subtilsten Indikator des kollektiven Unbewussten" hat der Sozialwissenschaftler über mehrere Jahrzehnte untersucht. Nichts, findet Gaus, sagt soviel über die gesellschaftlichen Befindlichkeiten aus wie die Länge der Damenröcke. Idealtypisch steht auf der einen Seite die Frau im auffallend kurzen Kleid, die viel Bein, aber weniger Taille und Busen zeigt.</P><P>Dagegen trägt ihr Gegenpart ein dunkles Kleid, das mindestens bis zum Knie reicht, mit engem Oberteil und betonter Taille. "Man muss nicht Freud gelesen haben, um zu erkennen, dass hier zwei Vorstellungen von Sexualität vorliegen", bemerkt Gaus trocken. Seine These: Die knalligen Minikleider signalisieren die freie, unabhängige Frau. Emanzipiert wie sie ist, pfeift sie drauf, Taille und Busen zu zeigen. Dafür schockiert sie mit viel Bein - in prüden und wirtschaftlich schwierigen Zeiten undenkbar.</P><P>Wenns hart kommt, geht der Blick zurück</P><P>Die konservative, weniger auffällige Dame im dunklen Kleid bedeckt züchtig ihre Knie bis runter zum Knöchel. Andererseits betont sie die typisch weibliche Silhouette - Schlüsselreize auf der Suche nach dem starken und erfolgreichen Mann, der das Geld nach Hause bringt. In ein Heim übrigens, dass kleine Fenster haben dürfte: In angsterfüllten Zeiten wird das Haus zur Trutz-Burg. Kein Wunder also, dass heimeliger Landhausstil der Wohntrend der letzten, harten Wirtschaftsjahre war. Und dass Kochen im Freundeskreis wichtiger wurde als die Schlemmerei im schicken Restaurant.</P><P>Denn auch der scheinbar "starke Mann", sagt Gaus, flüchtet sich aus dem alltäglichen Kampf um den Broterwerb gerne in die traditionelle Geschlechterrolle. Von der ewigen Konkurrenz in der Arbeit zermürbt, sucht er zum (Wieder-) Aufbau seiner Selbst-Sicherheit den bewundernden Blick der Ehefrau. Ganz anders das Leben in wirtschaftlich starken Zeiten: Die Paar-Bindung wird schwächer, die Experimentierfreude größer. Frau und Mann wollen die Welt entdecken: Wenns gemeinsam klappt, ists gut. Wenn nicht, entdeckt man sie eben allein oder mit Freunden. Das Heim ist hell und licht, erstrahlt in kühler Design-Ästhetik.</P><P>Geht es nach Helmut Gaus, brauchen sich die Marktforscher und Produkt-Entwickler der Industrie nur anzuschauen, wo wir uns gerade befinden im Kondratieff-Zyklus, um dann ihr Angebot darauf abzustimmen. Und das wird unverdrossen in Richtung Minikleid gehen, behauptet der Forscher. "Wir befinden uns in einer Phase abnehmender Angst", ist er überzeugt. Auch dramatische Ereignisse wie der 11. September 2001 könnten daran nichts ändern, schlimmstenfalls sorgten sie für kurze Irritation.</P><P>Keine Wagnisse, keine Experimente</P><P>Helmut Gaus sähe den langfristigen Trend zur Angstlosigkeit gerne stärker in den Medien propagiert. "Es ist jetzt wichtig, dass mehr unternehmerische Leitfiguren, Quer- und Trotzköpfe, positive Denker und wagemutige Neuerer auf den Plan treten", fordert er. Auch Joyshree Ghatak, Gaus-Anhängerin und Chefin des Wiesbadener Marktfor-schungsinstituts Censydiam, behauptet: "Die Angstkurve zeigt noch mindestens fünf bis zehn Jahre nach unten." Kondratieffs Statistik und Gaus These scheinen logisch. Dennoch: Ganz anders liest sich die Lage der Nation in den täglichen Nachrichten. Die Klagen aus Handel und Industrie über die Konsumflaute und das "Angstsparen" in der Bevölkerung ebben nicht ab. Gesundheits-, Renten-, Sozialreform: die Deutschen sind verunsichert.</P><P>Und insofern, findet Askan Quittenbaum, hat Helmut Gaus wieder recht - zumindest mit seiner These, dass die Menschen in gesellschaftlichen Umbruchzeiten am Althergebrachten festhalten. Askan Quittenbaum ist Chef des Quittenbaum Auktionshauses in München und beobachtet einen Trend zu Klassikern. Beispiel Inneneinrichtung: Die puristischen Möbel aus den 60er-Jahren sind zur Zeit sehr begehrt. "Das Auge hat sich daran gewöhnt und assoziiert Wert- oder auch ästhetische Beständigkeit", überlegt Quittenbaum. Kein Wagnis, kein Experiment - zurück zum Bewährten. Konsum: alles Psychologie.</P><P>Untertauchen im Massen-Geschmack</P><P>Dennoch, so der Auktionator, geht es auch um ganz Handfestes: "Einen Klassiker können Sie leichter wieder verkaufen, wenn das Geld knapp wird." Das dürfte denn auch der Grund dafür sein, warum fast nur noch graue oder schwarze Neuwagen erstanden werden - die sind leichter wieder verkauft. Und: Ob nun aus 1. oder 2. Hand erworben, derzeit wollen Autofahrer vor allem nur eins: Bloß nicht aus dem Geschmack der Masse ausscheren. </P><P>Ähnliches zeigt sich in der Mode - vor allem bei den Männern. Schien vor wenigen Jahren noch das 3er-Monopol aus dunklem Anzug, blauem Hemd, unscheinbarer Krawatte von der legeren Version mit T-Shirt oder Rollkragenpullover gebrochen, herrscht heute wieder übliche Tristesse: Extravaganzen oder Individualität könnten ja negativ auffallen - und den Job kosten ...</P><P>Sind das alles nur Angstattacken in einer - nach Kondratieff - eigentlich abnehmenden Angstphase? Trendforscher Gaus ist davon überzeugt. Und setzt auf eine wieder bunte Zukunft.</P>

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