Geburtstagsfeier ohne Freunde: Die ZVS hat keiner lieb

- Am Donnerstag, davon geht Ulf Bade aus, schickt sicher niemand Glückwunsch-Karten. Freundliche Post wäre auch allzu ungewohnt für den Direktor der Dortmunder "Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen" (ZVS). Schließlich erhält die Behörde sonst auch nur "böse Beschwerdebriefe zuhauf", wie er sagt. Das dürfte am Tag ihres 30-jährigen Bestehens kaum anders sein.

<P>Denn die ZVS kämpft mit ihrem Image. Seit ihrer Gründung am 1. Mai 1973 muss die von den 16 Ländern finanzierte Behörde jährlich "in Grundrechte von jungen Menschen eingreifen", räumt Bade ein. Allein in den vergangenen beiden Semestern wies sie bundesweit rund 160 000 Studenten in den sieben Fächern Betriebswirtschaftslehre, Biologie, Medizin, Pharmazie, Psychologie, Tier- und Zahnmedizin einen Studienplatz und -ort zu. Ihre Entscheidungen betreffen zwar immer weniger Fächer, aber noch immer hat die ZVS Macht über Lebensplanung.</P><P>Diese Macht hat auch Judith Reiff zu spüren bekommen. Als sich die Stuttgarterin vor einiger Zeit für den Studiengang Betriebswirtschaftslehre (BWL) in München bewarb, war sie sicher: "Mit meinem Abi von 1,5 werde ich einen Studienplatz bekommen." Das sah die ZVS anders. Zwar durfte Reiff BWL studieren - aber nicht in München. Später hat sie gebürtige Münchner Studenten kennen gelernt, die hier BWL studieren "und das mit 'nem Abi von 2,8".</P><P>Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wirft man einen Blick auf das Zulassungsverfahren der ZVS. Es besteht aus zwei Schritten. Im ersten Schritt legt die ZVS in den Fächern, in denen es mehr Bewerber als Studienplätze gibt, eine Rangliste für jedes einzelne Bundesland fest. Nach einem speziellen Schlüssel und unter Berücksichtigung der Wartezeit werden die Plätze pro Land von oben nach unten vergeben. "Der Letzte, der reinrutscht, bestimmt den Numerus Clausus", erläutert der ZVS-Chef.</P><P>Sozialkriterien sind für den<BR>Studienort entscheidend<BR> <BR>Erst im zweiten Schritt wird über die die Auswahl des Studienortes entschieden. Für beliebte Uni-Städte wie Hamburg und München bewerben sich stets mehr Studenten, als die Hochschulen aufnehmen können. Zwei Kriterien geben hier den Ausschlag: 25 Prozent der Bewerber erhalten ihren Wunschort im bundesweiten Abiturvergleich. Die restlichen 75 Prozent werden über so genannte Sozialkriterien vergeben. Hierzu zählen Schwerbehinderung, ein naher Wohnsitz bei den Eltern - im "Hotel Mama", wie Bade sagt - oder ein so genannter Ortsbindungsantrag. Den wiederum kann der Bewerber begründen - etwa durch ein kirchliches Ehrenamt oder eine schwere Asthmaerkrankung. "Erstaunlich ist allerdings", sagt Bade, "dass es an beliebten Unis mehr pflegebedürftige Großeltern gibt als anderswo".</P><P>Studentin Reiff hätte zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung entweder eine Abinote von 1,4 gebraucht oder bei den Sozialkriterien "mindestens ein Hotel Mama", ermittelt Bade aus den Statistiken. Da sie beides nicht vorweisen konnte, habe die ZVS ihren Wunschort München abgelehnt. Den schwarzen Peter für solche Entscheidungen gibt der ZVS-Direktor an die Politik weiter: "Sie hat es seit 30 Jahren nicht geschafft hat, Angebot und Nachfrage unter einen Hut zu bringen."<BR></P>

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