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Gefährliche Doppelgänger

- Die Natur liebt das Verwechsel-Spiel. Einen Falter lässt sie aussehen wie ein welkes Blatt, eine harmlose Schwebefliege wie eine giftige Wespe. Und auch im Reich der Pilze stiftet sie Verwirrung. Der Schwammerl-Sucher sollte daher auf der Hut sein. Denn ob Steinpilz oder Stockschwämmchen - beinahe jeder Speisepilz hat einen gefährlichen Doppelgänger. Jedes Jahr vergiften sich auch in Bayern Pilzsucher.

"Heuer hatten wir noch keinen schweren Fall", sagt Norbert Felgenhauer, Oberarzt in der toxikologischen Abteilung, Klinikum rechts der Isar. Doch die Vorjahre lehren: Wenn die Pilze schießen, kommen bald auch die ersten Vergiftungsopfer in die Klinik. Rund 200 Anrufer suchen jedes Jahr nach einer Pilzmahlzeit beim Giftnotruf Rat. Die meisten haben tatsächlich giftige Schwammerl gegessen. Tödlich endet dies aber selten. "Die meisten Pilzgifte führen nur zu Durchfall und Erbrechen", sagt Felgenhauer.

Doch auch das kann böse Folgen haben. Zum Beispiel beim Satanspilz, einem prächtigen Schwammerl mit rotem Stiel und heller Kappe. "Cholera ist harmlos dagegen", sagt Robert Tardino, geprüfter Pilzberater und Mitglied im Münchner Verein für Pilzkunde. Er erzählt von einem Betroffenen, der geglaubt hatte, einen Sommersteinpilz zu essen. Vier Tage lang habe er auf der Intensivstation gelegen.

Dennoch zählt der Satanspilz nicht zu den giftigsten Pilzen. Dem Gefährlichsten eilt sein mörderischer Ruf inzwischen voraus: Auch in Bayern sterben immer wieder Sammler an den Amatoxinen des Knollenblätterpilzes. Der grüne Knollenblätterpilz, den es auch mit schneeweißem Hut gibt, sowie sein kegelhütiger Bruder können tödlich sein. Schon ein Schwammerl genügt. "Das Vergiftungsbild ist recht eindeutig", sagt Felgenhauer. Die Qual beginnt mit Erbrechen und Durchfall. Während bei harmloseren Pilzen schon nach einer halben bis drei Stunden der Magen rebelliert, beginnt der Knollenblätterpilz erst nach frühestens sechs Stunden zu wirken. Nach ein bis zwei Tagen erholt sich der Erkrankte scheinbar. Dann kommt es zu Leberschäden. Zwar existiert ein Gegenmittel. Doch oft kommt es zu spät zum Einsatz. Hat die Leber zu viel Gift aufgenommen, hilft nur noch eine Transplantation.

Giftnotruf München: 089/19 24 0

Durch seine Knolle und die weißen Lamellen ist Deutschlands gefährlichster Giftpilz leicht von Champignons zu unterscheiden. Tückischer ist das Verwechslungsspiel beim Nadelholzhäubling, der dem Stockschwämmchen verblüffend ähnelt. Auch er enthält das Knollenblätterpilz-Gift. Experten erkennen ihn am weiß überzogenen Stiel und am weißen Sporenpulver. Der Stiel des Stockschwämmchens ist dagegen geschuppt, das Sporenpulver kupferbraun. Außerdem wächst er, wie sein Name verrät, auf Nadelholz. "Wenn nichts anderes da ist, nimmt er aber auch mal Laubholz", sagt Tardino. Selbst einzelne Gifthäublinge zwischen einem Büschel von Stockschwämmchen habe man schon gefunden.

Verwirrend ist die Ähnlichkeit auch zwischen Perl- und Pantherpilz. Der eine ein guter Speisepilz, der andere ein giftiges Gewächs, das zu schweren Halluzinationen und Bluthochdruck führt. "Die Menschen geraten in Raserei", sagt Felgenhauer. Im Gegensatz zum Fliegenpilz, der dieselben Gifte in geringerer Konzentration enthält, sind Todesfälle beim Pantherpilz bekannt. Perlpilz-Sammler erkennen den Doppelgänger an seinem rein weißen Fleisch. Beim Perlpilz ist es unter der Huthaut sowie an Fraßstellen rosafarben. Doch Amanita Pantherina hat noch einen Doppelgänger. Auch der graue Wulstling ist als Jungpilz kaum zu unterscheiden. "Pilzbabys gehören nicht in den Kochtopf", lautet daher ein Grundsatz.

Giftige Zwillinge haben auch der Steinpilz und der Wiesenchampignon. Allerdings sind die Doppelgänger nicht tödlich. Verdauungsstörungen kann der Gallenröhrling auslösen, der als junger Schwammerl dem Steinpilz bis auf den keulenförmigen Stiel gleicht. Da er allerdings bitter schmeckt, verdirbt er meist nicht den Magen, sondern nur das Pilzessen. Nach Tinte oder Jod riecht der Karbolegerling. Der Hut weiß, die Lamellen rosa, später violett - alles sieht aus wie beim Wiesenchampignon. Zwar gilbt das Fleisch beim Karbolegerling an Druckstellen. Doch das geschieht auch beim leckeren Anis-Champignon. Der Kennerblick aber lässt sich nicht täuschen: "Unten am aufgeschnittenen Stiel hat er eine gelbe Stelle", sagt Tardino.

Keine allzu tückischen Doppelgänger haben dagegen zwei andere, in Bayern verbreitete Giftpilze: der Orangefuchsige Rauhkopf, der sogar im Münchner Kapuzinerhölzl gefunden wurde, und sein Bruder, der Spitzgebuckelte Rauhkopf. Die fuchsroten Schwammerl können verheerende Folgen haben. Das Gift Orellanin zerstört die Nieren. Erste Symptome wie Rückenschmerzen treten erst nach Tagen auf.

Pilzgifte sind noch nicht ausreichend erforscht

Zwar ähneln die Rauhköpfe eigentlich keinem Speisepilz. Dennoch werden sie immer wieder verwechselt, zum Beispiel mit Pfifferlingen. Vor wenigen Jahren vergiftete sich eine ganze Gruppe Jugendlicher mit dem Rauhkopf. Sie wollten "Magic Mushrooms", Pilze mit einer Rauschwirkung, sammeln.

"Unglaublich", kommentiert Tardino. Dennoch gibt es auch für einen Experten immer wieder Überraschungen: Denn das Reich der Pilze ist noch wenig erforscht. Selbst beliebte Schwammerl entpuppten sich in den vergangenen Jahren als giftig. So kann der Kahle Krempling zu einer Auflösung der roten Blutkörperchen - auch wenn man ihn zuvor ohne Symptome gegessen hat. Der Grünling kann sogar zur Auflösung der Muskeln führen. "Die Gifte sind längst nicht alle bekannt", sagt Tardino.

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