Geflügelte Vielfalt

- Um Kettenraucher sollte das Blutströpfchen einen weiten Bogen fliegen: Das Nikotin in nur einer Zigarette tötet den einheimischen Tagfalter in weniger als einer Minute. Wer das Tier jedoch mit Zyankali vergiften will, hat es schwer. Ein Blutströpfchen (Foto unten re.) überlebt eine Dosis, die einen Menschen töten könnte, bis zu einer halben Stunde. Forscher verwenden zum Töten dieses Schmetterlings daher Rauch statt Gift.

Von den erstaunlichen Fähigkeiten des Blutströpfchens wissen übrigens auch die Vögel. Sie erkennen schon an der Flügel-Färbung, dass sie auf den Leckerbissen verzichten sollten. Denn zum Schutz vor Feinden reichert der Falter Gift im Körper an.

Das Blutströpfchen ist nur eine Art in der vielleicht weltgrößten Schmetterlings-Sammlung, im Gebäude der Zoologischen Staatssammlung. In dem unterirdischen Archiv reiht sich Regal an Regal. Fest verschlossen in Holzkästen mit Glasfenster lagern etwa zehn Millionen Schmetterlinge. Hier breitet der Atlasfalter 30 Zentimeter weit seine Flügel aus. Der graue Birkenspanner versteckt sich in einer Schublade daneben. Jedes Tier wurde in Kleinarbeit getrocknet und mit Nadeln aufgesteckt, eine Tätigkeit, für die viel Fingerspitzengefühl notwendig ist.

Hobbygärtner halten Schwärmer oft für Kolibris

Dr. Axel Hausmann ist seit rund 20 Jahren Herr über dieses Reich und Experte auf dem Gebiet der Lepidoptera, wie Schmetterlinge mit wissenschaftlichem Namen heißen. Er sei einer der wenigen, die sich noch mit der Bestimmung von Arten auskennen, sagt er. "Kaum einer kann noch die verschiedenen Arten unterscheiden."

Die alljährlichen Schädlingsplagen zeigen aber, wie wichtig dieses Wissen ist. Einem Schmetterlingskundler ist schnell klar, wer an dem schlechten Zustand zahlloser Kastanienbäume in Münchens Biergärten schuld ist: die Raupe der Miniermotte.

Der Experte bestimmt aber nicht nur Schädlingsarten. Er hilft auch verunsicherten Hobbygärtnern weiter: So umschwirren Geranien keine "Kolibris" - wie viele Leute glauben - , sondern Taubenschwänzchen. Im Schwirrflug scheint der Schwärmer in der Luft zu stehen, während er mit seinem Rüssel Nektar aus den Blüten saugt.

In erster Linie dient die Sammlung jedoch wissenschaftlichen Zwecken: Hier lagern viele Jahrhunderte alte Schmetterlinge, darunter viele so genannte Typenexemplare. So bezeichnen Biologen das erste entdeckte und beschriebene Tier einer Art. Von jeder Spezies gibt es außerdem mehrere Exemplare, "denn innerhalb jeder Art bestehen Abweichungen", erläutert Hausmann.

Inzwischen ist die Sammlung immer mehr auf das Wissen von Privatpersonen angewiesen. Neuzugänge kommen vor allem aus Nachlässen und Schenkungen. Gesetze zum Naturschutz schränken heute jedoch das Sammeln von Schmetterlingen ein. Für Hausmann absoluter Unsinn: "In einer Minute werden im Straßenverkehr mehr Schmetterlinge getötet als durch alle Sammler in einem ganzen Jahrhundert."

Auf Schmetterlings-Jagd gehen Forscher heute nur noch selten. Für Expeditionen in ferne Länder wie zu Darwins Zeiten fehlt das Geld.

Doch auch unter den heimischen Faltern gibt es Entdeckungen zu machen: Der Hornissenschwärmer imitiert sein giftiges Vorbild perfekt: Seine Flügel sind durchsichtig und der gelb-schwarze Körper signalisiert Gefahr. "Dabei ist der Falter völlig harmlos", erläutert Hausmann. Ein Phänomen, das von Wissenschaftlern als "Mimikry" bezeichnet wird. Die Vielfalt der Arten ist es auch, die Hausmann bei seiner Arbeit immer wieder in ehrfürchtiges Staunen versetzt: "Was mich besonders an den Schmetterlingen fasziniert, ist ihre Vollkommenheit und Verschiedenartigkeit - die Kreativität in der Schöpfung."

Ein Schmetterling hat es ihm aber besonders angetan, ein Urania-Falter aus Madagaskar. Seine Flügel schillern in allen Regenbogenfarben. Sie verlieren ihren Glanz auch nach Jahrhunderten nicht: Wie Hausmann erklärt, entsteht der Schimmer durch winzige, flache Blättchen auf den Flügeln: "Wenn Sonnenlicht auf diese Strukturen trifft, wird es in seine einzelnen Wellenlängen aufgespalten, derselbe Effekt, den ein Tropfen Öl in Wasser hervorruft."

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