Das Geheimnis der schwarzen Madonnen

- Mehr als eine Million Gläubige pilgern jährlich nach Altötting, um in der Gnadenkapelle bei der schwarzen Madonna Hilfe und Trost zu erbitten. Die schlichte, anrührende Gestalt dieser Madonna aus Lindenholz ist seit dem 14. Jahrhundert nach zwei wundersamen Heilungen ein berühmtes Wallfahrtsziel.

<P>An zahlreichen, weit über Europa verteilten Orten beten Gläubige zu einer schwarzen Mutter Gottes. Manchmal zu einer strengen Darstellung - wie auf der Fraueninsel im Chiemsee. Oder zu einem ikonenartigen Bild - wie in Tschenstochau, dem größten Heiligtum des polnischen Volkes.<BR><BR>Im Schweizer Kloster Einsiedeln soll die Madonna einst schwarz geworden sein durch Jahrhunderte voll Ruß von Kerzen, Öllampen und Weihrauch. Dann aber wurde sie gereinigt - und vom Volk nicht mehr angenommen. Erst als ein Maler sie wieder schwarz gefärbt hatte, kamen die Pilger wieder.</P><P>Warum übt gerade das Phänomen der schwarzen Madonnen eine besonders intensive Anziehungskraft auf die Menschen aus? Verbirgt sich in den dunklen Bildnissen ein Geheimnis, das über der Grenzen der christlichen Theologie hinaus geht? Um dieses Faszinosum ranken sich die vielfältigsten Deutungsversuche und Mythen, gilt doch in den abendländischen Kulturen die Farbe "schwarz" vorwiegend als negativ besetzt. <BR><BR>Schwarz nimmt alles Licht auf, reflektiert nichts und kennzeichnet so den Bereich der Finsternis und des Okkulten, der Bedrohung und des Todes. Liturgisch betrachtet verweist die Farbe auf den Karfreitag, auf Trauer und Schmerz. Doch für viele Pilger bedeuten die schwarzen Madonnen Trost und Frieden. <BR>Lange Zeit galt für die dunklen Frauen die einfache Erklärung, sie seien nur von Ruß und anderen Umwelteinflüssen geschwärzt - doch das Phänomen "schwarze Madonna" ist sicherlich wesentlich komplexer und vielschichtiger. Ihr eigentlicher Ursprung ist bis heute rätselhaft.<BR><BR>Das Christentum und seine religiöse Bilderwelt fußt auf wesentlich älteren Glaubensvorstellungen, auf elementaren menschlichen Bedürfnissen, die sich in archetypischen Bildern niedergeschlagen haben. Diese gilt es gerade auch im Zusammenhang mit den schwarzen Madonnen zu sehen und nach möglichen Entwicklungen zu fragen.<BR><BR>In der Frühgeschichte der Menschheit war der patriarchalen Gesellschaft eine matriarchale Form vorausgegangen. Fast alle Völker kannten einen Mythos mit einer mütterlichen Gottheit, einer Urmutter. Diese hatte meist höchst ambivalente Züge. Sie galt als Spenderin des Lebens, gab Wachstum und Reichtum, doch zugleich auch als die alles Leben wieder Verschlingende. Vor allem dieser zweite Aspekt mit seiner bedrohlichen Assoziation führte zur schwarzen Färbung der Götterbildnisse. Als große Urmutter wurden diese Gottheiten unter den verschiedensten Namen verehrt: in Altägypten als Isis, Mutter des Horus, als Artemis in Ephesus, als Freyja, die altnordische Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, in Germanien - die Aufzählung ließe sich lange fortführen. </P><P>Betritt man nun im weiteren Verlauf der Geschichte den Boden des Christentums, so ist in diesem Kontext ein männlicher Schöpfergott zentral. Es stellte sich damit für die junge Kirche das schwerwiegende Problem, dass missionierte Völker den ihren eigenen Traditionen so entgegenstehenden neuen Glauben meist nur oberflächlich annahmen und vielfach zu ihren tief verwurzelten heidnischen Gottheiten zurückkehrten. <BR><BR>Eine umfassendere Etablierung des Christentums war erst mit der Grundlegung der Marienverehrung durch das Konzil von Ephesus im Jahr 431 möglich. Bei diesem Konzil sprach man die Verehrungsstätten der Kybele und der Isis der christlichen Gottesmutter zu, und in der Folge nahmen viele Städte Maria als Schutzpatronin an. An Orten, an denen vormals schwarze Göttinnen verehrt wurden, bekam auch die Gottesmutter bisweilen ein schwarzes Antlitz, und insofern kann man davon ausgehen, dass es sich bei Plätzen, an denen sich in unseren Tagen Gläubige an eine schwarze Madonna wenden, um sehr alte Kultstätten handelt. Die schwarze Färbung darf insofern sicherlich als nicht zu unterschätzender Faktor für den Brückenschlag zwischen heidnischen Traditionen und christlichem Glauben angesehen werden und besitzt eine singuläre Integrationskraft. <BR><BR>Die Umwandlung einer alten Kultstätte in einen Ort der Marienverehrung ist vielfach historisch belegt. Ein Beispiel: die schwarze Madonna von Chartres. Sie stammt nachweislich aus vorchristlicher Zeit und geht auf eine Gottheit der Kelten zurück. Der Ort, an dem heute die Kathedrale steht, war in keltischer Zeit ein Heiligtum der Druiden, mit Dolmen und heiliger Quelle. Die Kelten verehrten - wie andere Völker und Stämme - ihre Gottheiten oft in der Nähe heiliger Brunnen. Und diese Nähe lässt sich nicht nur bei der Madonna in Chartres nachverfolgen. </P><P>An der Kathedrale von Chartres kann auch historisch die Zeit festgemacht werden, in der das Bild der schwarzen Madonna in das allgemeine Interesse rückte: es ist das 10. bis zum 13. Jahrhundert. Damals verbreitete sich der Kult. Viele Gotteshäuser, die in dieser Zeit des Kathedralenbaus entstanden, wurden eigentlich für eine schwarze Madonna errichtet, darunter Reims, Le Puy, Poitiers und viele andere. <BR><BR>Die schwarze Mutter Gottes kennzeichnete die meistverehrten und bedeutendsten Pilgerstätten des Mittelalters, die berühmteste - Santiago de Compostela in Spanien - eingeschlossen. <BR><BR>"Schwarz bin ich, doch schön" - blickt man nach diesen kurz skizzierten Überlegungen auf den biblischen Text, den das Hohelied der Liebe (1, 5f.) überliefert, so scheint ein sehr ermutigender Aspekt auf. Die junge Frau, die in diesen weihnachtlichen Tagen als eine sich aus tiefer Überzeugung in den göttlichen Willen Fügende erlebt wird, weist als schwarze Madonna aufrechte, starke und selbstbewusste Züge auf. <BR><BR>In diesem Sinne spielte und spielt sie auch für die Befreiungstheologie eine gewichtige Rolle und kann in Zeiten zunehmender weltanschaulicher und religiöser Orientierungslosigkeit den engen, konzeptverstellten Horizont der modernen Gesellschaft zu einer ganz anderen Wirklichkeit öffnen und weiten. <BR><BR>Literatur<BR>Die Schwarze Madonna. Hintergründe einer Symbolgestalt. Von Brigitte Romankiewicz, 215 S. 34 Abb., Patmos Düsseldorf 2004,ISBN: 3-491-72483-X, <BR>Die Schwarze Frau. Kraft und Mythos der schwarzen Madonna. Sigrid Früh, Kurt Derungs. TB, Unionsverlag Zürich 2003.<BR><BR></P>

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