Geist und Geld

- München - Wenn Stefan Albrich an seine Zeit in Harvard denkt, denkt er zuerst an diesen Gruß auf dem Flur. An das "Hello Stefan", das ihm Robert Moellering, ein weltbekannter Internist, im Vorbeigehen zurief. "Der hatte mich vorher nur einmal gesehen und kannte meinen Namen", sagt der 29 Jahre alte Arzt aus München.

<P></P><P>Ein Semester lang studierte er im Jahr 2000 an der "Medical Area" der amerikanischen Elite-Universität. Und wer in Deutschland in diesen Tagen über Spitzen-Hochschulen diskutiert, glaubt Albrich, der muss vor allem über die Betreuung der Studenten sprechen.</P><P>An der 1636 in Cambridge (Massachusetts) gegründeten Privat-Hochschule Harvard, so viel ist klar, ist die Betreuung hervorragend. Nach Zahlen von 2002 betreuen rund 5300 Dozenten etwa 13 000 Uni-Studenten. Auf einen Professor kommen je nach Fach zwischen zwei und zehn Hochschüler. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hingegen unterrichten etwa 700 Professoren rund 45 000 Studenten - ein Verhältnis von 1:62.<BR><BR>"Als Student zählt man drüben viel mehr."<BR>Stefan Albrich, Harvard-Student</P><P>Nicht nur die Zahlen liegen weit auseinander. Stefan Albrich, der vor und nach Harvard zwölf Semester an der LMU studierte, sagt: "Als Student zählt man drüben viel mehr." Die Dozenten seien an den einzelnen Studenten interessiert. Albrich spricht von einer "anderen Atmosphäre", einem "anderen Geist", einer "flachen Hierarchie". "Die wollen, dass man vorwärts kommt." Die Lehrenden seien Tag und Nacht erreichbar, immer bereit zu helfen und stets perfekt vorbereitet.<BR><BR>Das müssen sie auch sein. Bei Studiengebühren von 30 000 bis 34 000 Dollar im Jahr sind die Ansprüche der Studenten an den acht amerikanischen "Ivy-League"-Universitäten (siehe Kasten) im Nordosten der USA viel höher als hier. Dozenten, denen die künftigen Stars der Nation nicht die nötigen Punkte in die nach jedem Seminar ausgeteilten Bewertungsbögen schreiben, halten sich nicht lang. "In Deutschland können die Studenten gar keine Forderungen stellen: Sie zahlen ja nicht, die Gesellschaft zahlt", sagt Albrich, der mit einem Stipendium der "Munich-Harvard-Alliance" in die Vereinigten Staaten ging.<BR><BR>Alliance-Geschäftsführer Frank Christ, Dozent in Harvard und München, schickt mit einem Förderprogramm jährlich die zehn besten Medizin-Studenten der LMU nach Massachusetts. Zum Lernen und Staunen. Außerdem hat seine Organisation dafür gesorgt, dass an der Medizinischen Fakultät in München Methoden aus Harvard eingeführt wurden: Kleine Gruppen konzentrieren sich auf die Lösung eines medizinischen Problems; die LMU-Dozenten werden regelmäßig geschult. Elitenbildung in Eigeninitiative.<BR><BR>100 000 Dollar Schulden am Ende des Studiums</P><P>Für Christ liegt der wesentliche Unterschied zwischen Elite- und Massen-Universität darin, dass sich die US-Kaderschmieden ihre Studenten aussuchen dürfen. Wettbewerb, so sagt er, heiße das Zauberwort. Von den 4000 Bewerbern, die jedes Jahr ihre Unterlagen mit der Adresse der "Harvard Medical School" versähen, würden nur 800 eingeladen - allesamt Spitzenleute. Nach mehrtägigen Auswahlgesprächen bekämen 160 von ihnen schließlich den heiß begehrten Studienplatz.<BR><BR>Den Abgelehnten bleibt nur eine schlechtere Hochschule, für deren Besuch sie ebenfalls viel Geld zahlen müssen: Im Schnitt kostet das Studium an einer der 1600 amerikanischen Privat-Unis und -Colleges 19 000 Dollar im Jahr. Ohne Chancen auf ein Einstiegsgehalt von 250 000 Dollar, das die Absolventen der "Harvard Business School" oft einstreichen. Manche stottern jahrelang ihre Schulden in Höhe von bis zu 100 000 Dollar ab - die Kehrseite eines Systems, das rigoros die Besten fördert.<BR><BR>Dass die Hochschul-Lehre in Deutschland nicht von Haus aus schlechter ist als die in den USA oder Großbritannien, zeigt ein Projekt des Philosophie-Professors Wilhelm Vossenkuhl. Der LMU-Dozent wählt jährlich in Einzelgesprächen zwölf Studenten aus. Die betreut er während ihres vierjährigen Studiums nach Vorbild der englischen Elite-Universität Oxford. "Die Disziplinen sind so organisiert, dass sie in jedem Fach alle zwei Wochen einen Essay schreiben müssen", erläutert der Ethik-Experte. Die Essays bespricht er in Zweier- oder Dreier-Gruppen. Der Arbeitsdruck sei enorm. Das Ergebnis überzeuge: "Wir sind so gut, dass sich jetzt zwei Frauen angemeldet haben, die vorher in Oxford studiert haben", sagt der Professor. Allerdings koste eine solche Förderung "viel Kraft und Zeit".<BR><BR>Ehemalige spenden zuweilen Millionenbeträge</P><P>Und Geld. Während Bayern in diesem Jahr den Etat der LMU und seiner übrigen Universitäten um fünf Prozent kürzt, schwimmt Harvard im Geld. Es stammt aus Studiengebühren und Zins-<BR>einnahmen eines 20-Milliarden-Dollar-Vermögens; aus Honoraren, die etwa die "Law School" mit Rechtsberatung verdient; aus Spenden der ehemaligen Studenten, die zuweilen mit Beträgen von mehreren Millionen Dollar dazu beitragen wollen, den Ruf ihrer Universität zu erhalten.<BR><BR>Geld, das auch in die Ausstattung fließt. "Jeder hat Zugang zu den neuesten Computern. Es gibt viel mehr Bücher, elektronische Medien und Datenbanken als hier", schwärmt Frank Christ, der als Dozent regelmäßig den Campus besucht. Die Motivation der Studenten sei daher enorm: 14 Stunden Arbeit täglich, keine Freisemester. Christ: "Da trödelt niemand."<BR><BR>Wegen der zahlreichen Stipendien - in Harvard hat jeder Zweite eins - können dort auch Kinder sozial schwacher Familien studieren. In Deutschland dagegen müsse man für ein Stipendium "von Pontius zu Pilatus laufen", sagt der ehemalige Harvard-Student Stefan Albrich. "Deshalb gehen viele Deutsche an Unis im Ausland. Sie sehen hier keine Perspektive mehr."</P>

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