Geliebte Säuglinge werden schlauer

- Neugeborene nehmen weitaus mehr Einzelheiten ihrer Umwelt auf, als lange Zeit vermutet. Eine sichere emotionale Bindung des Babys an eine Bezugsperson kann seine Lernprozesse unterstützen. Sie ist Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung. Davon ist Dr. Karl Heinz Brisch, Leiter der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München überzeugt.

Über neue Forschungserkenntnisse sprach er am Rande des Münchner Symposiums "Der Säugling ­ Bindung, Neurobiologie und Gene".

Wie nimmt ein Säugling seine Umgebung wahr?

Dr. Karl Heinz Brisch: Neugeborene haben einen gut ausgeprägten Gehörsinn, ebenso einen feinen Tastsinn. Auch ihr Geruchssinn lässt sie sicher die Brust ihrer Mutter identifizieren. Weniger gut ist anfangs ihr Sehvermögen, das sich erst mit der Zeit entwickelt.

Was bedeutet dies für das Baby?

Brisch: Neueste Erkenntnisse aus der Bindungs- und Verhaltensforschung zeigen, dass bei entsprechender feinfühliger Förderung des Säuglings und bei sicherer emotionaler Bindung seine Kompetenzen geradezu explodieren können. Bei emotionaler Vernachlässigung hingegen verlernt der Säugling sogar bereits erworbene Fähigkeiten wieder. Positive emotionale Erfahrungen, wie intensive Streicheleinheiten und die beruhigende Stimme der Mutter, nimmt das Baby stärker wahr als bisher angenommen. Dies ist wichtig für eine gesunde Gehirnentwicklung.

Beginnt die Wahrnehmung der Umwelt schon im Mutterleib?

Brisch: Ja, wir wissen, dass Ungeborene die Stimme ihrer Mutter erlauschen und sie nach der Geburt wieder erkennen. Ebenso verhält es sich mit anderen Geräuschen, die noch im Mutterleib wahrgenommen werden. Auch auf Stress der schwangeren Mutter reagieren Ungeborene.

Wie erforscht man die Gedanken- und Gefühlswelt eines Säuglings?

Brisch: Sobald man einem Säugling neue Reize zur Wahrnehmung anbietet, steigt dessen Herzfrequenz, die Ausrichtung des Blicks oder auch seine Saugaktivität an einem Schnuller ändern sich. Über diese Reaktionen können wir messen, wie das Baby auf seine Umwelt reagiert und alte von neuen Wahrnehmungen unterscheidet.

Können Lernprozesse des Säuglings wieder rückgängig gemacht werden?

Brisch: Mit jeder Sinneserfahrung werden im Gehirn neue Nervenverbindungen geschaltet. Anfangs sind diese sehr flexibel und noch nicht sehr stark fixiert. Je älter ein Kind wird und je häufiger es bestimmte Erfahrungen gemacht hat, desto stärker ausgeprägt wird das Netzwerk von Schaltungen zwischen den Nervenzellen. Umso schwieriger wird es auch, eine Erfahrung oder eine Emotion aus dem Gedächtnis wieder zu löschen. Heute wissen wir aber, dass die Gehirnentwicklung keineswegs mit zwei Jahren abgeschlossen ist, wie wir früher dachten, sondern in unserem Gehirn Lernen lebenslang möglich ist, wenn neue emotionale und kognitive Erfahrungen gemacht werden.

Wie können Eltern diese Lernprozesse unterstützen?

Brisch: Sie sollten viel Zeit mit dem Kind verbringen, Körperkontakt mit ihm haben und sich auf kleine Zwiegespräche mit ihm einlassen. Nichts fördert den Säugling in seiner Entwicklung besser, als die emotionale Verfügbarkeit einer feinfühligen Bindungsperson, mit der er gemeinsam lernen und die Menschen und die Welt entdecken kann.

Das Interview führte Thorsten Naeser.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Apple räumt Probleme mit Macbook-Tastaturen ein - kostenfreie Reparatur angeboten
Apple hat eingeräumt, dass es mit Tastaturen der neueren Macbook-Laptops Probleme gibt. Das US-amerikanische Technologieunternehmen reagiert mit kostenloser Reparatur.
Apple räumt Probleme mit Macbook-Tastaturen ein - kostenfreie Reparatur angeboten
Google schickt in Deutschland wieder Kamera-Autos auf die Straßen - das ist der Grund
Die Kamera-Autos von Google sind wieder auf den Straßen in Deutschland unterwegs - allerdings nicht, um ihr Bild-Material für den Online-Dienst Street View zu verwenden.
Google schickt in Deutschland wieder Kamera-Autos auf die Straßen - das ist der Grund
YouTube erlaubt Abo-Gebühren und Verkauf von Fanartikeln
YouTube und Instagram verschärfen ihren Konkurrenzkampf um Anbieter von Videoinhalten. Bei der Google-Videoplattform werden sie künftig auch Geld mit kostenpflichtigen …
YouTube erlaubt Abo-Gebühren und Verkauf von Fanartikeln
Google bringt eigene Podcast-App für Android
Podcasts erreichen immer mehr Zuhörer. Google schließt sich mit einer eigenen Android-App dem Boom an und will mit der Empfehlung von Inhalten auf Basis der …
Google bringt eigene Podcast-App für Android

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.