"Geschichte nicht auf Gedenktage reduzieren"

- Überall wird dieser Tage an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Der Historiker Prof. Hans Günter Hockerts von der Abteilung für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität sieht die Gepflogenheit, Geschichte nur über regelmäßige Gedenktage zu vermitteln, mit Skepsis.Warum kritisieren Sie die öffentliche Erinnerungskultur?

<P class=MsoNormal>Hockerts: Die öffentliche Erinnerungskultur macht sich vom Kalendertag abhängig. Sie orientiert sich an der Zufallsästhetik runder Zahlen, im Moment ist es die Zahl 60. Es herrscht ein Erwartungsdruck, sich dem Jubiläums-Zwang anzupassen. Dann schwillt die Aufmerksamkeit stark an, danach ist das Interesse genau so schnell wieder weg. Forschung und Lehre arbeiten anders. </P><P class=MsoNormal>Wo liegt der Unterschied?<BR>Hockerts: Die Arbeit des Historikers ist stetiger angelegt und bezieht ihre Fragen aus dem Rhythmus fachlicher Debatten. Außerdem reduziert sie das historische Wissen nicht wie das öffentliche Gedenken auf wenige einprägsame Zeichen. Eine Gedenkveranstaltung für KZ-Opfer wird das "Nie wieder!" betonen, aber nicht die Rolle von Funktionshäftlingen beleuchten, die ihre Mitgefangenen misshandelt haben. Die Forschung muss aber auch so trübe Mischungen in den Blick nehmen.</P><P class=MsoNormal>Bietet der Jubiläums-Zwang nicht die Chance, viele Menschen zu erreichen?<BR>Hockerts: Doch. Wenn man bedenkt, dass wissenschaftlicher Fortschritt vor allem in Dissertationen stattfindet, diese in der Regel aber nur 500 Käufer finden, sieht man: Wissenschaft ist auf die Medien als Vermittler und Übersetzer angewiesen! Insofern bietet der Jubiläums-Zwang eine Chance. Allerdings bevorzugt die mediale Vermittlung einen bestimmten Blickwinkel: Geschichte wird personalisiert und in Handlungen aufgelöst. Die Macht überindividueller Verhältnisse kommt oft nicht rüber.</P><P class=MsoNormal>Welche Aspekte untersuchen Sie derzeit?<BR>Hockerts: Ein Schwerpunkt liegt bei der Geschichte von Verfolgung und Wiedergutmachung, womit wir die Zäsur von 1945 überbrücken. So haben wir die Rolle der Finanzverwaltung bei der Verfolgung der Juden in Bayern und später bei ihrer Entschädigung untersucht. Zurzeit untersuchen wir die Entschädigung von NS-Verfolgten in West- und Ost-Europa von 1945 bis 2000. Soeben haben drei meiner ehemaligen Studentinnen ein Buch über die Geschichte der Zwangsarbeit im Landkreis München veröffentlicht. Auch in diesem Fall führt die Betrachtung über 1945 hinaus. </P>Buch-Tipp: Elsbeth Bösl, Nicole Kramer, Stephanie Linsinger: Die vielen Gesichter der Zwangsarbeit. "Ausländereinsatz" im Landkreis München 1939 - 1945. Saur Verlag, München, 2005. 38 Euro.

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